Vor einhundertfünfzig Jahren wurde Iwan Alexejewitsch Bunin in Woronesch im südlichen Zentralrussland geboren. Vor einhundert Jahren gelang ihm die Flucht aus Odessa. Den Rest seines Lebens verbrachte er bis zu seinem Tode am 8. November 1953 als Staatenloser in Frankreich. 1933 erhielt Bunin den Literaturnobelpreis „für die strenge Künstlerschaft, womit er die klassische russische Linie in der Prosadichtung vertritt“. Die Spitze gegen die Sowjetliteratur ist darin nicht zu überhören. Vladimir Nabokov, auch er ein russischer Emigrant, fand, dass Bunins Lyrik seiner Prosa überlegen sei.

Die habe, schreibt ein Kritiker, Suchtpotenzial. Der Bunin-Dealer heißt Sabine Dörlemann. In ihrem 2003 gegründeten Verlag sind zehn Bände mit Erzählungen und Reiseberichten des Autors erschienen. Zuletzt „Leichter Atem“ mit Erzählungen aus den Jahren 1916 bis 1919. Dass die Droge Bunin wirkt, liegt natürlich dann doch nicht an der optischen und haptischen Schönheit der Bände, sondern an der Qualität der Übersetzungen von Dorothea Trottenberg.

Süchtig machen die Landschaftsschilderungen Bunins. Er beschreibt Farben und man glaubt die Felder und Wälder zu riechen. Bunin hatte mit den literarischen Avantgarden seiner Zeit wenig zu tun. Natürlich kannte er die meisten ihrer Protagonisten, mit Maxim Gorki war er befreundet. Bunins Bücher experimentieren nicht. Er erzählt. Immer wieder Geschichten vom Lande, von Dörfern am Rande der Steppe, Lebensumständen, für die sich kein Großstadtbewohner interessiert. Es sei denn, er gehöre zu der Spezies von Menschen, die lesen, um etwas über Welten zu erfahren, die sie nicht kennen.

Iwan Bunins Roman „Das Dorf“ war eine Sensation

Als Bunin 1910 „Das Dorf“ veröffentlicht, ist das eine Sensation. Es war das Bild einer untergehenden Welt. Die aber immer noch da war, und nirgendwo war zu sehen, wie ein zu industrialisierendes Russland sie abschütteln sollte. Die Moderne war ein dünner Film über Moskau und Petersburg, der in anderen Städten noch dünner wurde und über den Weiten des inneren Russlands gänzlich zerriss.

In seiner Jugend hatte Bunin den Narodniki, den Volksfreunden, nahegestanden. Das waren sozialrevolutionäre Intellektuelle, die als Arbeiter in die Fabriken oder als Bauern und Lehrer aufs Land gingen. Bunin verachtete sehr bald die linken Gruppen, die den Menschen vorschreiben wollten, wie sie zu leben hatten. Er gehörte nicht zu denen, die den russischen Bauern verehrten. Er wusste, dass er, wenn es ernst wurde, sehr auf der Hut sein musste vor ihm. Die Revolution von 1905 hatte ihm bereits gezeigt, wie viel kriminelle Energie, wie viel Verbrecherisches gesellschaftliche Umstürze an die Oberfläche bringen.

Auch Bunins gesellschaftlicher Realismus kann süchtig machen. Er folgt keiner Partei. Er ist als Autor und Mensch ganz darauf angewiesen, sich selbst ein Bild zu machen. Er braucht Zeit und Muße. Er kann sich nicht einspannen lassen in die Auseinandersetzungen um richtige und falsche Linien, um die Aufgaben der Literatur. Und er braucht Welt. Darum reist er vor dem ersten Weltkrieg zum Beispiel in die Türkei und nach Palästina, weiter bis Indien und Ceylon. Das wird leicht übersehen von denen, die bei ihm nur die „klassische russische Linie“ lieben.

Auf diesen Reisen entdeckte Bunin den Islam. Er schrieb Gedichte auf Mohammed, wob Passagen aus dem Koran in seine Erzählungen ein. Es war, als wäre er, schon bevor sein Körper ins Exil ging, auf der Suche gewesen nach einem Exil für seinen Kopf, für sein religiöses Empfinden.

Vom Nobelpreis erfuhr Iwan Bunin im Kino in Grasse

Vom Nobelpreis erfuhr er in Grasse. Er wusste, dass an diesem Tag der Preisträger informiert werden würde. Also ging er ins Kino, betrachtete die schöne Ksenia Kuprina, ein Paul-Poiret-Model, das in Frankreich elf Filme drehte. Ihren Vater, den Schriftsteller Alexander Kuprin, von dem Erzählungen auch bei Rütten & Loening und Manesse erschienen, hatte Bunin gekannt.

Mit einem Mal beugt sich jemand über seine Schulter und sagt ihm: „Ein Anruf aus Stockholm“. Bunin verlässt das Kino. „Nach Hause gehe ich ziemlich schnell, empfinde aber nichts anderes als ein Bedauern, dass es mir nicht vergönnt war, Ksenias Spiel weiterzusehen, und ein gleichgültiges Misstrauen gegenüber der Nachricht, die mir übermittelt wurde. Nein, es gibt keinen Zweifel: Ich sehe von weitem, dass mein um diese Zeit stets stilles und dunkles, in den menschenleeren Olivenhainen, die die Hügel oberhalb von Grasse bedecken, verlorenes Haus von oben bis unten hell erleuchtet ist. Und eine leise Trauer legt sich um mein Herz … Eine neue Wendung meines Lebens.“