Berlin - Viel war vorab zu lesen über dieses Buch, und es war vor allem: viel Unsinn. Den größten verzapfte die Londoner Zeitung Telegraph, die in einer exklusiven Vorabrezension behauptete, die Moral von „Troubled Blood“, wie der Roman im englischen Original heißt, „scheint zu sein: Traue nie einem Mann in einem Kleid“.

Wer dann wirklich das Buch liest, Robert Galbraiths neuestes und inzwischen fünftes Abenteuer um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Partnerin Robin Ellacott, der kommt tendenziell schnell zu dem Schluss, dass der Telegraph nicht nur das Manuskript exklusiv hatte, sondern auch die Diagnose. Aber sie war nun in der Welt, und weil die Welt natürlich weiß, dass hinter Robert Galbraith niemand Geringeres steckt als die „Harry Potter“-Erfinderin Joanne K. Rowling, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Es gipfelte im Twittertrend #RIPJKRowling und in über die sozialen Medien verbreiteten Bildern von rituellen Bücherverbrennungen.

Kleidertausch und Identitätswechsel

Gut, in dem knapp 1200 Seiten umfassenden Plot kommt eine Figur vor, die man als Crossdresser bezeichnen kann. Strike und Robin recherchieren den Fall einer 40 Jahre zuvor unter mysteriösen Umständen verschwundenen jungen Allgemeinärztin namens Margot Bamborough, und einer der Stränge, die sie verfolgen, führt zu Dennis Creed, genannt der „Essex Butcher“: einem inzwischen verurteilten Serienkiller, der sich seinen weiblichen Opfern in Perücke und Frauenkleidern näherte, um den Anschein des Unbedrohlichen zu erwecken.

Genug für die Twitter-Meute, um Rowling endgültig der Transphobie zu überführen, nachdem die Schriftstellerin schon im Sommer in einem Essay zum Transgender-Streit Stellung bezogen – und dafür einen Shitstorm geerntet hatte. Rowling, das nur in aller Kürze, vertrat darin den Standpunkt, dass das Frausein kein soziales Konstrukt, sondern eine biologische Tatsache sei (was im Übrigen niemanden ausschließe, der erst später in seinem Leben zur Frau werde). Und dass sie nicht wolle, dass Frauentoiletten oder andere geschützte Orte Männern offenstünden, die behaupten, sie fühlten sich als Frau.

Darüber kann man streiten, mit „Böses Blut“ hat das alles wenig zu tun. Anders als der Telegraph und, dessen Kritik nachbetend, die digitalen LGBTQ-Jakobiner glauben machen wollen, ist es erstens falsch und zweitens viel zu kurz gegriffen, dass das Buch von einem „transvestite serial killer“ handelt. Creed – so viel darf hier verraten werden, weil es relativ früh klar wird – ist nicht der gesuchte Übeltäter. Das Wort „trans“ fällt  kein einziges Mal, auch der Begriff „Transvestit“ kommt nicht vor.

Im Grunde entspricht Creed, dem die Angriffe auf Frauen Machtgefühl und Lust verschaffen, sogar exakt dem feministischen Feindbild Mann. Dennis Creed, heißt es an einer Stelle, „war ein sorgfältiger Planer, ein Genie der Täuschung in einem gepflegten weißen Lieferwagen, in einem rosa Mantel, den er Violet Cooper gestohlen hatte, und manchmal mit einer Perücke, die einem betrunkenen Opfer gerade lang genug eine vage weibliche Erscheinung vorgaukelte – bis Creeds Pranken ihm den vor Entsetzen weit aufgerissenen Mund zuhielten“.

Rowlings Blick für Abgründe

Aber er ist, in einem herrlich altmodisch konstruierten Krimi nach dem Whodunit-Prinzip, nur eine von etlichen beschädigten, verlorenen, gebrochenen, um Identifikation und Zugehörigkeit ringenden Seelen. Strike, ein an Körper wie Herzen versehrter Afghanistan-Veteran, und Robin, die nach einer Vergewaltigung in ihrer Studentenzeit „für den Rest ihres Lebens auf jede ungebetene Berührung, jeden lüsternen Blick, jedes Unterschreiten der Individualdistanz und jedes Bestreben, die Grenzen sozialer Konventionen zu übertreten, überempfindlich reagieren würde“, gehören da unbedingt mit dazu.

Rowling beschreibt sie mit dem ihr eigenen Blick für menschliche Eigenheiten und Abgründe und einem Faible für scheinbar Beiläufiges, das ­– „Harry Potter“-Kenner wissen es – grundsätzlich das Potenzial hat, im weiteren Verlauf des Plots eine entscheidende Rolle zu spielen.

Ach ja, der Plot. Wie von der Autorin gewohnt, plätschert das Ganze lange vor sich hin, verliert sich auf vermeintlichen Irrwegen und Nebenschauplätzen, ehe es sich spät, dann aber gewissermaßen im Seitentakt verdichtet. Strike und Robin versuchen unterdessen, ihr Leben und auch ihr Verhältnis zueinander in die Spur zu kriegen. Strike, Ergebnis der Beziehung eines Rockstars mit einem drogensüchtigen Groupie, hat an der unheilbaren Krebserkrankung seiner Tante und Ziehmutter zu knabbern. Robin steckt im Scheidungskrieg mit ihrem betrügerischen Parvenü von einem Ehemann.

Am Ende des Falls, den Strike und Robin natürlich lösen, steht die Erkenntnis, dass sich nicht sonderlich viel getan hat in vierzig Jahren Zivilisationsgeschichte. Dass Margot Bamborough für einen wie Creed zu gerissen war. Für die Gesellschaft jedoch war eine junge Allgemeinärztin damals eine fast genauso große Zumutung wie heute.

Robert Galbraith: Böses Blut. Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz. Blanvalet, München 2020. 1200 S., 26 Euro