Greta Thunberg: Im Sommer 2018 begann sie mit ihrem Schulstreik vor dem schwedischen Parlament.
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BerlinSie wurde innerhalb eines Jahres der wohl bekannteste Teenager weltweit – weil sie die Schule schwänzte und in kürzester Zeit zur Ikone einer weltweiten Bewegung zur Eindämmung der Klimakatastrophe wurde. Nun gibt die Doku „I am Greta“ (Start: 16.10.) Einblick in Greta Thunbergs Leben und erzählt, wie aus einem Solostreik eine globale Jugendbewegung wurde. Wir sprachen mit dem 29-jährigen Regisseur Nathan Grossman, der Greta und die „Fridays for Future“-Bewegung von Anfang an und aus größter Nähe verfolgte – ihren Segeltörn zum UNO-Klimagipfel in New York im Herbst 2019 inklusive.

Berliner Zeitung: Nathan, wie kamen Sie so nah an Greta Thunberg heran? Wo kommen Sie her, wie kamen Sie zum Dokumentarfilm?

Nathan Grossman: Schon auf der Filmschule in Stockholm habe ich mich für Umweltfragen interessiert. Nach meinem Abschluss konnte ich direkt an Serien und Dokumentationen mitarbeiten, meine erste eigene Doku-Serie handelte vom Fleischkonsum in Schweden. Ein Freund von mir ist mit der Familie Thunberg befreundet. Als er mal etwas von ihr in der Zeitung las, rief er bei ihnen an und erkundigte sich nach Greta. Er hörte, dass sie eine kleine Aktion vorhat und am Schwedischen Parlamentsgebäude vor der schwedischen Wahl, die im August 2018 stattfand, zur Klimarettung aufrufen will.

Was hielten Sie von einer damals 15-Jährigen mit Zöpfen, die irgendwo mit einem selbst gemalten Schild sitzt und einsam vor sich hin demonstriert?

Ich habe erst mal den Text von Greta gelesen, den eine Zeitung in der Kinderkolumne gedruckt hatte. Ich fand ihn interessant, richtig fundiert, und dachte, ich könnte ja mal dort bei ihr vorbeigehen und sie filmen. So gehe ich immer meine Projekte an, ich schaue mir das Ganze ein, zwei Tage an und versuche herauszufinden, ob das etwas für mich ist. Also wollte ich erst mal Greta finden, zusammen mit meinem Toningenieur. Wir wussten ja nicht mal, wie sie aussieht, und es war gar nicht so leicht, sie zu finden!

Zum Film

Nathan Grossman, 29, ist Schriftsteller und Regisseur. Vor seiner Dokumentation „I am Greta“ (2020, „Ich bin Greta“) hat der Schwede „Köttets lustar“ (2017, „Die Begierden des Fleisches“) und „Zlatan – för Sverige i tiden“ (2018, „Zlatan - rechtzeitig für Schweden“) gedreht.

In „I am Greta“ erzählt Grossman die Geschichte von Greta Thunberg, die mit 15 Jahren anfing, freitags nicht mehr in die Schule zu gehen, sondern vor dem schwedischen Parlamentsgebäude zu streiken. Der Dokumentarfilm zeigt die Entwicklung der „Fridays For Future“-Initiative, Thunbergs stetig größer werdende Popularität und ihren Segeltörn zum Uno-Klimagipfel in New York im Herbst 2019.

Sie saß damals schon an der Mauer des Schwedischen Parlamentsgebäudes?

Ja. Als wir sie dann endlich gefunden hatten, habe ich sie gefragt, ob ich ihr ein Mikrofon anstecken kann, damit ich sie drehen kann. Ich habe ihr auch gleich gesagt, dass ich nichts verspreche, sondern dass wir einfach nur mal schauen, was sich da entwickelt. Ich hörte mit, was sie für interessante Diskussionen mit Passanten an dem Tag führte. Später kamen auch noch ein paar Journalisten dazu. Greta war sehr faktensicher und konnte sich sehr exakt ausdrücken. Das hat mir imponiert.

Wie ging es nach dem Sommer 2018 weiter?

Nach drei Wochen Filmen wollten wir das Material zur Berichterstattung über Schwedens Wahl verwenden oder einen Kurzfilm über sie veröffentlichen. Dann bekamen wir Fördergeld vom öffentlichen Rundfunk und konnten mehr Aufnahmen finanzieren. Zu der Zeit hatte Greta gerade beschlossen, nun regelmäßig jeden Freitag zu streiken. Dann überlegten wir, ob wir eine Serie über junge Aktivisten machen sollen. Im Herbst 2018 hat Fridays for Future dann auch richtig an Fahrt aufgenommen. Mir war klar, dass Greta eine so außergewöhnliche Person ist, dass wir uns auf sie konzentrieren müssen, und dass da eine große Geschichte drinsteckt.

Sie lernten Greta als völlig Unbekannte kennen. Wie empfanden Sie es, dass sie plötzlich ein weltweites Phänomen wurde?

Das war schon komisch für mich. Ich kann sie nicht als diese Ikone sehen, sie ist einfach eine Freundin, ein Mädchen, das ich gut kenne. Ich habe mich ziemlich schwer getan zu verstehen, wie berühmt sie mit der Zeit wurde. Ich kannte sie so gut, dass ich den Moment fast ein wenig verpasst habe. Im Herbst gab es noch lokale Streiks, aber im Winter 2018 haben dann die Klimastreiks in Australien und Belgien angefangen. Da war mir klar, dass Menschen auf der ganzen Welt auf Greta und ihre Botschaft reagieren.

Hatten Sie je Skrupel, dass Greta der Druck, der Rummel und auch die Zudringlichkeit Ihrer Kamera zu viel werden würde?

Ich glaube, wir konnten sehr gut zeigen, wie sie mit Druck umgeht. Natürlich wollte ich keinen zusätzlichen Druck auf sie ausüben. Ich gehe immer nach ethischen Prinzipien an die Arbeit, egal um wen es geht. Jeder kann mir sagen, wenn er einen Tag mal keine Kamera sehen möchte oder was ihm zu intim ist. Ich habe Greta immer den Raum gewährt, den sie brauchte. Sie hat auch immer sehr offen mit mir gesprochen und klare Grenzen vorgegeben.

Wie haben Sie Gretas Vater erlebt? Er scheint aus dem Hintergrund alles zu kontrollieren. Viele vermuteten, dass er der Strippenzieher hinter Greta sei.

Nein, von Kontrolle kann nicht die Rede sein. Greta spricht definitiv für sich selbst!

Warum sieht man Gretas Mutter selten in ihrer Nähe?

Weil die Mutter in Stockholm arbeitet. Wir waren ja ständig unterwegs, das ist ja fast ein Roadmovie, und ihr Vater hat sie begleitet. Ich kann nur zeigen, was ich erlebt habe. Und ich habe gar keinen Zweifel daran, dass Greta selbst dieses beeindruckende Wissen und ihre Überzeugung hat und all das mit der Welt teilen will.

Wie geht Greta selbst mit Kritik an ihr um? Prallt sie an ihr ab, weil sie durch Asperger ohnehin weniger Wert auf soziale Kontakte legt?

Die Nachrichten zeigen sie ja immer nur aus einer Perspektive. Mich hat es, ehrlich gesagt, überrascht, mit wie viel Humor sie die Kritik genommen hat! Sie lachte sogar beim Lesen der Zeitungsartikel. Ihre Eltern machen sich deutlich mehr Sorgen als Greta selbst. Das sagt viel über sie und ihren Blick auf die Welt aus: Sie weiß, dass sie polarisiert. Und sie weiß, dass sie nichts dagegen machen kann. Sie findet das alles eher lustig, es amüsiert sie.

Hat Greta Freunde in ihrem Alter?

Ich weiß es nicht genau. Sie hat vor ein paar Wochen wieder mit der Schule angefangen, und als wir telefoniert haben, schien sie dort Spaß zu haben. Ich glaube, dass viele der jungen Menschen der Bewegung, die Greta bei ihrem Streik unterstützt haben, zu Freunden geworden sind.

Am intensivsten sind Ihre Aufnahmen auf dem engen Katamaran, mit dem es nach New York ging. Waren Sie überhaupt selbst auf dem Boot?

Ja, ich habe selbst gedreht und mich um den Ton gekümmert. Greta sagte ja während der Pressekonferenz in Venedig: Sie habe oft Bedenken gehabt, ob ich den Job professionell genug mache. (lacht)

Hatten Sie Angst während der Regenstürme?

Ja, total, viel mehr Angst als Greta, ihr Vater und die Crew. Ich war der Angsthase auf dem Boot.

Dort sieht man Greta auch mal weinen und feststellen, dass die Aufgabe, die Klimakatastrophe zu stoppen, zu schwer für sie sei.

Als sie über den Druck sprach, war das nicht leicht. Sie hat ja auch völlig recht: Sie sollte ja auch diesen Druck nicht alleine auf ihren Schultern tragen müssen, das müssten wir kollektiv tun!

Halten Sie Greta für einen glücklichen Menschen?

Ich glaube, dass sie eine dreidimensionale Person ist. Ja, einmal weinte sie, aber einige Male lachte sie auch schallend. Sie ist ein komplexer Mensch und ich hoffe, dass ich ihren vielen Facetten gerecht werde. Wir wissen nicht, wie ihre Geschichte weitergeht. Greta hat gerade gesagt, dass sie in die Wissenschaft gehen will. Ich bin mir sicher, dass sie mit ihren Kenntnissen etwas in der Richtung studieren wird.

Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.