Ja, es gab Corona-Unrecht: Aber kann man das weniger schwurbelig sagen?

Das Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ will eine Debatte über die Richtigkeit der Corona-Maßnahmen entfachen. Es hat Stärken, aber auch einige Mängel.

Demonstration gegen Impfpflicht in München
Demonstration gegen Impfpflicht in Münchendpa/Felix Hörhager

Das Buch „‚Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen‘: Das Corona-Unrecht und seine Täter“ ist am 7. November 2022 im Rubikon-Verlag erschienen. Es wurde von Marcus Klöckner und Jens Wernicke verfasst. Ulrike Guérot hat das Vorwort, Tom-Oliver Regenauer das Nachwort verfasst. Das Buch ist aktuell auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste.

Die Redaktion der Berliner Zeitung will eine Auseinandersetzung mit dem Thema Corona und die gesellschaftlichen Konsequenzen für die Gesellschaft. Daher haben wir einen Journalisten, der für die Redaktion als freier Mitarbeiter tätig ist, gebeten, das Buch unvoreingenommen zu rezensieren.

Da er glaubt, Konsequenzen für seine Arbeit fürchten zu müssen, hat er uns gebeten, dass seine Kritik ausnahmsweise anonym unter einem Pseudonym erscheinen darf. Aus Gründen der Fairness haben wir dem Autor Dietrich Brüggemann, der in der hier anonym publizierten Rezension explizit kritisiert wird, die Gelegenheit gegeben, Stellung zu beziehen. Die beiden beteiligten Autoren waren mit diesem Vorgehen einverstanden.

Herausgekommen ist eine Art Pro und Contra. Feedback an: briefe@berliner-zeitung.de


Berühmt geworden ist der Ausspruch des ehemaligen Gesundheitsministers Jens Spahn, den er in der Hoch-Zeit der Corona-Krise tätigte und später zu einem Buch ausarbeitete: „Wir werden einander viel verzeihen müssen“. Momentan hat die deutsche Gesellschaft eine Phase erreicht, in der der Riss, den die unterschiedlichen Reaktionen auf die Virus-Bedrohung geschlagen haben, nicht geschlossen oder geheilt ist, aber überdeckt wird von gefühlt drängenderen Themen.

Die Autoren eines neuen Buchs wollen diese Verdrängung nicht zulassen und fordern eine Aufarbeitung des „Corona-Unrechts“, zu dem sie schwerwiegende Grundrechtseingriffe zählen und vor allem die Diffamierung und Stigmatisierung Ungeimpfter.

Werden sie eine Debatte entfachen? Wahrscheinlich nicht, denn die überwiegend durch seriöse Quellen belegte, nachvollziehbare Argumentation des Buchs wird durch ein Nachwort entwertet.

„Magazin für die kritische Masse“

Das Problem: Das Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ erscheint im Rubikon-Verlag. Einer der beiden Autoren, Kulturwissenschaftler Jens Wernicke, ist stellvertretender Chefredakteur des Online-Magazins Rubikon. Rubikon nennt sich selbst „Magazin für die kritische Masse“, das erste Oberthema, unter das Texte sortiert sind, lautet „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“. In der heißen Phase der Corona-Krise waren dort zum Beispiel Texte im Erweckungsstil zu lesen, mit der die ersten Großproteste gegen die staatlichen Maßnahmen undifferenziert kommentiert wurden. Der Stil der „Berichterstattung“ dieses Portals ist also oft populistisch, die Grenze zum Spektrum des Verschwörungsdenkens wird nicht selten überschritten.

Co-Autor Marcus Klöckner, Soziologe und Medienwissenschaftler, schreibt ebenfalls für Rubikon, außerdem für die „Nachdenkseiten“ oder Bücher mit markigen Titeln wie „Zombie-Journalismus: Was kommt nach dem Tod der Meinungsfreiheit?“.

Unglaubliche verbale Entgleisungen

Auch im neuen Buch geben sich die Autoren markig und provokant, arbeiten bewusst mit Trigger-Begriffen wie Faschismus, Verrat, (Trauma-)Täterschaft, Vergleichen zur Nazizeit. In der Einleitung schreiben sie zum Beispiel: „Nachdem wir erlebt haben, wie in der Pandemie Ungeimpfte und Kritiker der Corona-Maßnahmen ausgegrenzt, abgewertet, diffamiert und bedroht wurden, gibt es ein paar sehr unangenehme ‚Dinge‘, über die es zu reden gilt. Dazu gehört, dass die zu Beginn der Einleitung gestellte Frage der ‚Entnazifizierung‘, so verstörend oder abwegig sie auf den ein oder anderen wirken mag, nicht nur gestellt werden darf, sondern gestellt werden muss.“

Viele Menschen werden an dieser Stelle schon aussteigen, finden, dass eine Auseinandersetzung mit dem Buch nicht lohnt, dass die Autoren den Stempel „Querdenker“ verdienen oder „rechtsoffen“. Die Auseinandersetzung lohnt trotzdem: Weil sie durchaus reflektiert schreiben, solcherart Kritik vorwegnehmen und auch entschärfen, ihre Argumentation an vielen Stellen schlüssig erscheint, sie fast ausschließlich seriöse Medien- und Wissenschafts-Quellen nutzen – und das Buch auf einer überwältigenden Sammlung von Zitaten fußt, mit denen Politiker, Journalisten und andere Personen des öffentlichen Lebens in der Zeit der 2G-Regelung (und der Vorbereitung darauf) tatsächlich unglaubliche verbale Entgleisungen gezeigt haben.

Ein differenzierter Blick auf die Veröffentlichung

Eine Bresche für das Buchprojekt schlägt übrigens ein in der deutschen Öffentlichkeit noch nicht vollends gebrandmarkter oder gecancelter Maßnahmen-Kritiker. Filmregisseur Dietrich Brüggemann wünscht: „Möge dieses Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste einsteigen.“ Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die sich durch provokante Einwürfe (etwa zum Krieg in der Ukraine) zuletzt mehr und mehr ins Abseits navigiert, steuert ein Vorwort bei: „Die Corona-Politik war und ist ein großes Verbrechen an der Menschheit und an der Menschlichkeit. In einer Demokratie gehört das aufgeklärt, damit das gesellschaftliche Krebsgeschwür nicht dazu führt, dass die Gesellschaft und die Demokratie von innen zerfressen werden.“

Das größte Problem des Buchs ist das erst einmal unscheinbar wirkende Nachwort. Auf vier Seiten darf da Tom-Oliver Regenauer, ein Unternehmer, Musikproduzent und Rubikon-Autor, alle Zutaten zusammenmischen, die Coronamaßnahmenkritiker in der Gesellschaft so umstritten macht: Er hält die Pandemie für „mutwillig dramatisiert“, einen „Steigbügelhalter für die alternativlose Rekalibrierung der Weltwirtschaft“, „eine historische Gelegenheit für eine überschaubare Zahl von Krisenkapitalisten, Bankenkartellen, internationalen Konzernen, den militärisch-industriellen Komplex, Big Tech und eine unüberschaubare Armada supranationaler NGOs“. Sich in einen Zusammenhang mit solchen Annahmen zu stellen, stellt die Autoren des Buchs genauso wie Dietrich Brüggemann und Ulrike Guérot in ein schlechtes Licht.

Trotzdem soll versucht sein, einen differenzierten Blick auf den Rest der Veröffentlichung zu werfen.

Über die Impfpflicht und andere Maßnahmen

Die Zitate: Das Buch will „ein privates Dokumentationszentrum für Corona-Unrecht“ sein, „betrieben von einem anonymen Kreis“. Es will nicht denunzieren, sondern ein Versuch sein, diffamierende Äußerungen dem Vergessen zu entreißen. Auch der Buchtitel ist ein Zitat, das der Journalist Nikolaus Blome im Dezember 2020 in einer Spiegel-Kolumne in die Welt setzte: „Ich hingegen möchte an dieser Stelle ausdrücklich um gesellschaftliche Nachteile für all jene ersuchen, die freiwillig auf eine Impfung verzichten. Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen.“

Symbolbild Impfpflicht
Symbolbild Impfpflichtimago/Wolfgang Maria Weber

Jedes Kapitel des Buches, die sich mit der Haltung zur Corona-Pandemie (dass es wirklich eine Pandemie gab, wird von den Autoren übrigens nicht geleugnet) von Politik, Medien, Gesellschaft und Eliten beschäftigen, beginnt mit einem besonders ungeheuerlichen Zitat. Zum Beispiel vom Weltärztebund-Vorsitzenden Frank Ulrich Montgomery: „Aber wenn sie ungeimpft auch nicht mehr arbeiten können, brauchen sie auch keinen öffentlichen Nahverkehr mehr, um dahin zu kommen. Ja, so hart ist das!“ Oder vom Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer: „Für Leute wie Sie muss die Impfpflicht her. Wenn nötig, bis zur Beugehaft.“

„Übergriffigkeit des Staates für viele ein traumatisierendes Erlebnis“

Oder Zeit-Redakteur Christian Vooren: „Was es jetzt braucht, ist nicht mehr Offenheit, sondern ein scharfer Keil. Einer, der die Gesellschaft spaltet. […] Richtig und tief eingeschlagen, trennt er den gefährlichen vom gefährdeten Teil der Gesellschaft.“

Die Buchautoren halten mit ihrer Dokumentation die Erinnerung daran aufrecht, wie im Laufe des Jahres 2021 eine erschreckende verbale Aufrüstung von Teilen der Öffentlichkeit stattfand, eine lange nicht da gewesene, offene Diffamierung und Ausgrenzung einer gesellschaftlichen Gruppe.

Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit der Frage „Warum nicht einfach vergessen?“: Dafür sei der gesellschaftliche Schaden, der durch die zeitweise Ausschaltung von Grundrechten entstanden sei, zu groß, schreiben die Autoren. „In persönlichen Gesprächen, aber auch aus unzähligen Beiträgen in den sozialen Medien haben wir erfahren, dass die Übergriffigkeit des Staates für viele ein traumatisierendes Erlebnis war. Selbst in der eigenen Wohnung waren Bürger nicht mehr vor Übergriffen des Staates geschützt. Der Anruf eines Denunzianten in der Nachbarschaft hat genügt, und Polizisten sind in die Wohnung eingedrungen, um zu kontrollieren, wie viele Menschen sich darin aufhielten.“

Faschistoide Tendenzen in der Corona-Debatte

Der Nazi-Vergleich: Obwohl sie in öffentlichen Debatten in Deutschland oft und gern genutzt werden, sorgen Vergleiche mit der Nazizeit in der Regel für deren schnelles Ende. Die Autoren wagen es trotzdem, stellen allerdings an mehreren Stellen klar: „Natürlich ist die Abwertung und Ausgrenzung von Ungeimpften während der Pandemie nicht gleichzusetzen mit dem Vorgehen der Nazis gegenüber den Juden.“ Und doch haben sie im Sinne eines „Wehret den Anfängen“ ähnlich „niedere Antriebe“ oder „faschistoide Tendenzen“ wieder aufflackern sehen: „Eine Mischung aus Autoritätsgehabe, Überlegenheitsgefühl, Sadismus, Regelfetischismus, Kompensation der eigenen Unzulänglichkeiten sind unter anderem Antreiber, wenn es um die Abwertung von Menschengruppen geht.“

Und weiter: „Teile der Führungs- und Deutungselite sind mit einer sprachlichen Brutalität gegen Mitbürger vorgegangen, die unserer Demokratie unwürdig ist. Viele haben in den vergangenen zwei Jahren ‚mitgemacht‘.“

Es ist eine notwendige Debatte

Fazit: Wie eingangs schon angedeutet, ist es äußerst fraglich, ob die Autoren mit den umstrittenen Argumenten, die sie anführen, eine ernsthafte Debatte entfachen werden oder die geforderte Aufarbeitung anstoßen. In einem relativ knappen Kapitel reißen sie zudem noch eine halbgare Medienkritik an, die unter anderem mit Bourdieu, Precht und Welzer im Gepäck die These vertritt, dass Journalisten meistens der Mittelschicht angehören, demgemäß „nach oben buckeln, nach unten treten“ und also dazu neigen, sich dem herrschenden Narrativ anzuschließen.

Trotz allem: Die Dokumentation der verbalen Entgleisungen von Forderungen nach harten Grundrechtseinschränkungen bis zur krassen Ausgrenzung Ungeimpfter hält den Finger in eine klaffende Wunde – und die Gesellschaft täte gut daran, sie durch differenzierte Aufarbeitung zu schließen. 

Marcus Klöckner und Jens Wernicke: „‚Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen‘: Das Corona-Unrecht und seine Täter“, Rubikon, Mainz 2022, 208 S., 20 Euro.

In einer vorherigen Version dieses Textes sind missverständliche Aussagen veröffentlicht worden, die die Redaktion nach Veröffentlichung präzisiert hat. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion.

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