Es gab auch Ausdrucksformen aus den älteren Schulen des Aktivismus zu beobachten an diesem Abend, zum Beispiel einen Verkaufsstand neben der Fassadenbar in der großen Halle des Berghain, an dem langärmelige Hemden mit liebevoll gestalteten politischen Parolen feilgeboten wurden. „Infiltrate with Love“(unterwandert mit Liebe) war darauf zu lesen und „Free Chelsea Manning“: Die Einnahmen gingen an den Chelsea Manning Defense Fund zugunsten der US-amerikanischen Whistleblowerin, die wegen ihrer WikiLeaks-Enthüllung von Folter und Kriegsverbrechen des US-Militärs im Irak zu 35 Jahren Haft verurteilt worden ist. Entworfen hatten das Hemd die niederländische Design-Künstlergruppe Metahaven und der US-amerikanische Internet-Aktivist und Wikileaks-Vertreter Jacob Appelbaum, der wegen zunehmender Repressionen in seinem Heimatland ins, wie er sagt, „Exil“ nach Berlin gegangen ist.

Im Berghain debütierte Appelbaum am Donnerstag nun nicht nur als T-Shirt-Designer, sondern auch als Teil eines Experimental-Techno-Multimedia-Trios, das den politischen Aktivismus alter Schule mit den allerneuesten ästhetischen Mitteln zu verbinden versuchte. Eine Stunde lang stand er mit der Gastgeberin des Abends, der Sängerin und Produzentin Holly Herndon, und ihrem künstlerischen Partner Mat Dryhurst auf der Bühne; zu dritt kombinierten sie Herndons – aus gesampelten Stimmfragmenten und intimen Alltagsgeräuschen montierte – Musik mit einem sonderbar hyperrealen Digitalbilderfluss, in dem dreidimensionale artifizielle Räume mit zweidimensionalen Menschenabbildungen bevölkert waren.

Eine Geisterhand tippte internetphilosophische Fragesätze in ein Denkfeld hinein; zwischendurch wurde auch mal das Saallicht angeschaltet, und Appelbaum unterbrach den oft erstaunlich tanzbaren Fluss dieser eigentlich doch so abstrakten Musik mit einer flammenden Rede ans Volk: Schützt Eure Daten! Misstraut der Regierung! Befreit Chelsea Manning!

Globale Turbodigitalisierung

Holly Herndon haben wir in dieser Zeitung schon ausgiebig gepriesen: als eine der wenigen Vertreterinnen des aktuellen Pop, die sich mit den politischen Problemen der globalen Turbodigitalisierung befasst. Ebenso selten und bemerkenswert ist ihr Versuch, mit ihren längst zu kleinen Festivals geweiteten Konzerten sowohl die Netz- wie die Techno-Gemeinde anzusprechen – mit Erfolg, wie der enorme Andrang im ausverkauften Berghain bewies. Neben Appelbaum, Dryhurst und ihr traten etwa noch die eher Techno-apokalyptisch veranlagten Amnesia Scanner auf und die Performance-Künstlerin Claire Tolan.

Letztere untersuchte das Publikum im Eingangsbereich des Clubs auf Stimmung und Aussehen und projizierte im Obergeschoss die dabei gewonnenen Daten über die Bühne. Damit niemand glaube, dass er beim Besuch eines Anti-Überwachungs-Konzerts nicht dennoch unaufhörlich überwacht würde.