Im Fadenkreuz des Snipers
Foto:  SWR/Benoît Linder

BerlinEs gibt hier eine Formulierung, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Das Leben war mir nicht mehr angenehm“, sagt der Besitzer eines kleinen Tabakgeschäfts in der Stuttgarter Innenstadt, der unter Ängsten geduckt seine Ladenwohnung nicht mehr verlässt. Karl Markovics zeichnet diesen skrupulösen Herrn Jensch mit nur wenigen Strichen seiner Schauspielkunst. Lange weiß man nicht, was es mit dem Kauz auf sich hat, wie und warum er so lebensmüde wurde. Fast schon erschütternd banal ist am Ende die Auflösung. 

Der 25. Einsatz für die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) beginnt wie ein klassisches Genrestück: Eine Stadt wird erpresst. Im Posteingang der Polizei findet sich ein an „die Ermittler im heutigen Mordfall“ adressiertes Schreiben, was insofern seltsam ist, da es zu diesem Zeitpunkt gar keinen Mordfall gibt. Das wird sich jedoch gleich ändern. Der Mörder zwingt dem Zuschauer seinen Blick auf, wenn er mit dem Fadenkreuz eines Präzisionsgewehres von einem potenziellen Opfer zum nächsten wandert, hier eine Stirn in den Fokus nimmt, dort auf der Brust verweilt und schließlich scheinbar wahllos einer Frau auf offener Straße in den Rücken schießt.

Als die Ermittler die Position des Schützen ausmachen, finden sie eine Patronenhülse mit einer eingravierten „1“. Das deckt sich mit dem Schreiben auf dem Kommissariat. Auch dort nur eine „1“. Als kurz darauf ein zweiter Brief eintrifft, diesmal mit der Forderung von drei Millionen Euro, sieht alles nach einem Heckenschützen aus, der Stuttgart in Angst und Schrecken versetzt.

Dann läuft hier (Buch: Wolfgang Stauch; Regie: Friederike Jehn) erst einmal alles, wie man es in solchen Fällen kennt: Die Politik macht Druck auf die Staatsanwältin, die Staatsanwältin (zum letzten Mal Carolina Vera) macht Druck auf die Kommissare und die Kommissare machen Druck auf sich selbst. Der besonnene Lannert und der impulsive Bootz sind sich über ihr Vorgehen uneins, eine ziemlich kompliziert eingefädelte Geldübergabe scheitert – und schon ist wieder was passiert. Diesmal trifft es einen Jogger in den Weinbergen. Als am Tatort nicht nur eine weitere Patronenhülse („2“) gefunden wird, sondern auch ein Rest von rotem Nagellack, nimmt die Geschichte nach knapp vierzig Minuten eine unerwartete Wendung.

Denn nun wechselt die Perspektive, und es stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Wer, sondern dem Warum. Und was Herr Jensch aus dem Tabakladen mit alldem zu tun hat. Wie Zwiebelschalen fallen die genretypischen Beigaben nach und nach ab und legen den Kern dieses durch und durch konstruierten Falls frei. Auslöser für die Mordserie ist eine Situation, in der sich jeder in seinem Leben nicht nur einmal befunden haben dürfte.

Tatort: „Du allein“

So, 20.15 Uhr, ARD