Jagoda Marini? hat einen deutschen Pass, ihr Vater aber nicht – obwohl er schon länger in Deutschland lebt als sie. Zur Reform des Staatsbürgerschaftsrechts veröffentlichte sie im April in dieser Zeitung einen Offenen Brief an den SPD-Vorsitzenden. Es ist an der Zeit, nach einer Antwort darauf zu fragen.

Vergangene Woche wurde im Bundestag über das neue Staatsbürgerschaftsrecht gesprochen. Sie hatten deswegen an Sigmar Gabriel geschrieben. Hat er Ihnen geantwortet?

Nein. Er hat sein Büro nicht um eine Reaktion gebeten. Wahrscheinlich lagen zu viele Briefe aus dem Energiebereich vor.

Gab es andere Reaktionen aus der SPD, da Sie ja vor allem die Haltung dieser Partei kritisierten?

Die junge SPD scheint da ein anderes Verantwortungsgefühl zu haben. Über Twitter hat der Bundestagsabgeordnete Marco Bülow Kontakt aufgenommen. Er setzt jetzt einiges in Bewegung, dass parteiintern auch Aussagen jüngerer Autorinnen diskutiert werden. Man kann sich ja nicht ein halbes Jahrhundert lang nur auf Günter Grass verlassen.

Ihr wesentlicher Kritikpunkt an der neuen Regelung ist, dass zwar jungen Leuten ermöglicht wird, zwei Staatsbürgerschaften zu haben, der ersten Einwanderer-Generation der Bundesrepublik aber nicht. In Ihrem Roman „Restaurant Dalmatia“ geht es auch um die Beziehung zwischen diesen Generationen und Sie widmen das Buch Ihrem Vater: Sind Ihre Eltern von Deutschland enttäuscht?

Meine Eltern sind Teil einer stummen, unsichtbaren Generation. In Deutschland wird sie nur klischeehaft wahrgenommen. Die meisten sind mit „Gastarbeitern“ schon fertig, noch bevor das Thema angefangen hat. Die Idee, dass sie ihre vermeintliche Bildungsferne den Kindern vererben, ist absurd, wofür gibt es denn eine Schulpflicht? Deren Problem ist eher die Distanz, die sie zu ihrer Geschichte einnehmen, weil in Deutschland keiner sagt: Klasse, was deine Eltern hier geleistet haben, toll, wie weit ihr in einer Generation gekommen seid. Für viele, die in der Öffentlichkeit auftreten, sind die Eltern der schwarze Fleck auf ihrer Aufstiegsweste. Ich möchte das eher US-amerikanisch sehen: Ich bin stolz auf ihre Leistung und denke, sie haben einen würdigeren Platz in der Geschichte der Bundesrepublik verdient.

Ihre Figur Mia ist von der Dankbarkeit der Gastarbeiter genervt. Sind sie nicht kämpferisch genug?

Doch. Aber wie das im Leben ist: Man setzt Prioritäten. Gelebte Demokratie braucht Zeit, auch einen gewissen Wohlstand, den mussten sie sich zuerst erkämpfen.

Dänemark will nächstes Jahr die doppelte Staatsbürgerschaft ohne Kompromisse erlauben. Dagegen erstarken bei unserem Nachbarn Frankreich die Einwanderungsgegner. Und nicht nur dort. Halten Sie europäische Lösungen für denkbar?

Warum nicht, schauen Sie doch auf das letzte Jahrhundert. Nun müssen wir in diesem Jahrhundert die Geschichte eines anderen Europas schreiben. Wir romantisieren das Alte Europa zu gern, das angeblich so große, gebildete. Das Europa von heute bietet uns weit größere Chancen, weil wir diese Vergangenheit haben, um aus ihr zu lernen.

Als Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Heidelberg riefen Sie jetzt auf, den Begriff „Migrationshintergrund“ klug zu ersetzen. Was stört Sie daran? Er ist doch besser, als wenn Menschen, die hier geboren sind, weiter Ausländer genannt werden.

Klingt wie das kleinere Übel, ja. Aber im Grunde ist es besser, ein ganzer Ausländer zu sein, als so ein halbierter Deutscher mit Migrationshintergrund. Das Letztere ist ein viel perfiderer Weg, zu sagen: Du gehörst, selbst wenn du hier geboren bist, nicht ganz zu diesem Land. Weshalb kann man die Probleme, für die Statistiker diese Bezeichnung angeblich brauchen, nicht auch dann lösen, wenn die Menschen einfach Deutsche sind? Würde man sich dann nicht um sie kümmern? Oder besser?

Und gibt es schon gute Vorschläge?

Wir haben einen Prozess angestoßen, viele Städte diskutieren mit. Bisher haben wir „Diverskulturelle“, kurz „Dikulturelle“, und „Menschen mit internationaler Geschichte“. Was es braucht, sind wohl entweder keine Labels oder viele, differenziertere. Warum sollte ein Begriff alle Migrationsgeschichten fassen müssen? Es gibt Länder, die haben neun Worte für Liebe. Vielleicht finden wir auch viele Worte für unterschiedliche Phänomene der Migration und lassen die hier Geborenen und Aufgewachsenen aber einfach Deutsche sein.