Jakop Ahlbom inszeniert Jules Massenets „Don Quichotte“ an der Deutschen Oper

Jules Massenets „Don Quichotte“, die letzte Premiere an der Deutschen Oper in dieser Saison, könnte ebenso ein „Sommerstück“ heißen wie sich die vorletzte, Detlev Glanerts „Oceane“, schon selbst benannte. Zumindest in der Gestalt, die ihr der Regisseur Jakop Ahlbom gegeben hat.

Hell, bunt und kapriziös zieht diese am Donnerstag vorgestellte Produktion mit ihren jugendlichen Sängern am Publikum vorbei, samt Pause etwas über zwei Stunden lang und trotz solcher Kürze keineswegs dramatisch komprimiert. Das Helle und Bunte vermochte das nach der Pause leicht geschrumpfte Premierenpublikum zu begeistern – aber hell und bunt ist nicht unbedingt das erste, was einem zu Massenets letzter Oper von 1910 einfällt.

Der Bezug zum Roman des Miguel de Cervantes ist ein bisschen oberflächlich; das Libretto beruht auf einem Theaterstück, das aus dem Roman Bauteile für eine dramatisch geschürzte Handlung zusammenklaubt: Don Quichotte soll der verehrten Dulcinée eine geraubte Kette aus den Händen der Räuber wiederholen. Es gelingt ihm – und er bekommt sie doch nicht. Auf dem Sterbebett kann er noch ihre Stimme hören. 

Hier tritt Dulcinée tatsächlich auf: als Woman in Red

Dass es Dulcinée gibt, dass sie nicht nur eine Fiktion ist, gilt als Hauptunterschied zwischen Oper und Roman. Ahlbom überbrückt den Unterschied, indem er Dulcinée unter Don Quichottes Blick und einem Regen von Rosenblüten verwandelt: Von einer Kellnerin in eine Woman in Red. Das macht allerdings den Beginn der Oper unwahrscheinlich: Will man wirklich glauben, dass all das anfängliche Hochleben-Lassen einer Kellnerin in einem modernen Diner gilt, die man unter ihren Kolleginnen erstmal suchen muss?

Vier Liebhaber bemühen sich um jemanden, der eher von einem Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen träumen würde, als einen nach dem anderen abblitzen zu lassen – wer soll das glauben? Clémentine Margaine jedenfalls lässt sich nicht bremsen, die „Carmen“-Tonfälle ihrer Partie mondän und, wie der Franzose sagt, „fatale“ auszukosten, mit einem in Tiefe und Höhe durchschlagend-saftigen und dennoch präzis fokussierten Mezzosopran. 

Ist es in Ordnung, dass wir die Welt nicht mehr so sehen, wie sie „wirklich“ ist?

Tritt Don Quichotte auf, wird es farbig und artistisch auf der Bühne, die Welt verwandelt sich, er weckt in der Menge einen neuen Blick auf die Dinge. Und es ist ja wahr: Die Menschen mögen das und sind zugleich voller Skepsis an der Grenze zur Verachtung für solche genuin künstlerischen Leistungen: Ist denn das auch wichtig, ist es vor allem in Ordnung, dass wir die Welt nicht mehr so sehen, wie sie „wirklich“ ist? Und so sitzt der Spott auch Don Quichotte gegenüber recht locker.

Dass seine folgenden Abenteuer dann vor allem einer lebhaften Fantasie ihre Dramatik verdanken, verführt Ahlbom und seine Ausstatter – Katrin Bombe (Bühne) und Katrin Wolfermann (Kostüme) – zu sparsamen szenischen Lösungen. Windmühlen sieht man nicht, dafür ein Maul mit ewig langer Zunge, das den Ritter verschlingt und im nächsten Akt die Räuber in Käferkostümen freigibt. Don Quichotte lässt sich gefangennehmen und rührt sie dann mit seinem Gebet, dass sie ihn freigeben und auch den Schmuck aushändigen.

Erkennt man die Referenz an den „Orpheus“-Mythos, in dem die Wendung des Geschehens auch durch Flehen und Rührung in der Unterwelt bewerkstelligt wird? Erkennt man auch die Referenz des fünften Aktes, in dem Don Quichotte unter Teilnahme seines Knappen Sancho Pansa stirbt, an den Schluss von Wagners „Tristan“, in dem auch der Knappe Kurwenal dem Titelheld zum Sterbebegleiter wird, während die Stimme der Entbehrten zu hören ist? Massenets „Don Quichotte“ ist somit nicht nur ein Spätwerk Massenets, der zahlreiche Reminiszenzen an sein eigenes Schaffen in die Partitur hineingeheimnist hat, sondern auch ein Spätwerk der Gattung Oper überhaupt.

Den elegischen Ton trifft das Orchester der Deutschen Oper sehr sicher

Massenet war zwar kein Komponist lastender Musik, aber die Transparenz dieser Partitur zielt nicht auf „Leichtigkeit“, eher auf Zerbrechlichkeit. Die zahlreichen Melodien für Englisch Horn artikulieren einen verbindlich elegischen Ton, und den trifft das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung Emmanuel Villaumes sehr sicher, trotz nicht restlos geglückter Anverwandlung des französischen Klangideals. Überzeugend in seiner reichen Klangcharakteristik, weniger in seinem Französisch ist der von Jeremy Bines einstudierte Chor des Hauses.

Traditionell ist „Don Quichotte“ kein Stück für junge Sänger, die Titelpartie wurde für Fjodor Schaljapin geschrieben, der damals 37 Jahre alt war, aber das Stück auch mit weit über 50 Jahren noch sang. Alex Esposito gestaltet die Partie an der Deutschen Oper ein wenig pauschal, wie überhaupt die szenischen Vorgänge mehr über die Figur erzählen als der Sänger selbst; man begreift zum Beispiel nicht so ganz, warum der attraktive Mann für die Kellnerin indiskutabel ist. Seth Carico gibt den Sancho Pansa als eine Art Doppelgänger und Spiegel seines Herrn, an stimmlicher Charakterstärke ihm mindestens ebenbürtig. 

„Don Quichotte“ – ein Sommerstück? Eigentlich nicht, aber die Umdeutung des Werks an der Deutschen Oper hat ihre interessanten Seiten.