Berlin - Jack Latham hat einen Traum: Er will elektronische Tanzmusik wieder politisch machen. Die britische Clubkultur, erzählte der verschüchtert wirkende Produzent kürzlich in Interviews, habe sich in ein unüberschaubares Geflecht von Stilen und Szenen aufgelöst. Doch das Versprechen von Individualismus und Freiheit durch technische Innovation sei letztlich nur ein weiteres Angebot im Programm des Neoliberalismus. Der nächste Schritt hin zum ästhetischen Konformismus. Latham hat diesen kritischen Worten Anfang des Jahres Taten folgen lassen und unter seinem Künstlernamen Jam City ein Album aufgenommen, das seine manifesthaften Aussagen auf ziemlich überraschende Weise konterkariert.

Schon der Titel „Dream a Garden“ klingt eher nach Rückzug als Kampfansage. Das ist durchaus bemerkenswert, zählte sein Debüt „Classical Curves“ vor drei Jahren immerhin zur Speerspitze einer neuen britischen Bass/Post-Garage-Bewegung: beispielhaft für die aufregende Clubmusik von der Insel, die Genrezuschreibungen hinter sich gelassen hat, indem sie alle erdenklichen Genres – Dubstep, House, Garage, R’n’B, Grime – wie selbstverständlich miteinander verbindet.

Nicht einmal tanzen konnte man dazu

Vor diesem Hintergrund ist „Dream a Garden“ durchaus als Protest zu verstehen, wenn auch in seiner sanftesten Form. Die kantigen, spitzen Beats des Jam-City-Debüts sind hier stumpf geschliffen und mit Echos verklärt, hauchzarte Melodien wehen auf „Dream a Garden“ durch somnambule Schleier, über die ein ätherisches Stimmchen kapitalismuskritische Zeilen haucht. Diese Ästhetik des Unscharfen passt natürlich hervorragend in den momentanen Shoegazer-Boom (junge, melancholische Männer, die beim Musizieren auf ihre Schuhspitzen starren), zumal in einem Stück wie „Unhappy“, zu dem es auch ein hübsches kapitalismuskritisches Video gibt, oder in „Today“, wo die Gitarre plötzlich eine prominente Rolle spielt.

Die Gitarre hatte Latham auch am Donnerstagabend in der Berghain Kantine umgeschnallt, wo er sein ästhetisches Re-Design zum ersten Mal einem Berliner Publikum vorstellte. Bei seinem letzten Auftritt in der Panorama Bar, so war aus zuverlässiger Quelle zu erfahren, soll er den Raum innerhalb von Minuten leer gespielt haben.

Auch am Donnerstag war ziemlich schnell klar, dass das neue Jam-City-Liveset wenig Aufschluss über eine programmatische Neuausrichtung geben würde. Nach einem fast zehnminütigen Drone-Intro spielte Latham ein äußerst kurzes Konzert, das die erhabene Schönheit seines, man muss es wohl so nennen, Dream-Pop noch erahnen ließ, aber immer wieder von scheinbar willkürlichen Postpunk-Riffs perforiert wurde. Und bevor man sich auf diesen erratischen Auftritt eingelassen hatte, war Latham mit einem verstohlenen „Thank you“ auch schon wieder von der Bühne verschwunden. Die Abschlussrunde an der Bar gab noch einmal Gelegenheit für wilde Interpretationen. Die banalste war wohl: Kapitalismuskritik durch Verweigerung. Erst schöne Lieder spielen und sie hinterher kaputt machen. Nicht mal mehr tanzen konnte man dazu.