Der Broadway in New York am 1. April 2020
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New YorkNew York hat eine Debatte am Hals, die die Stadt in den Grundfesten ihres Selbstverständnisses erschüttert. Der Comedian, Comedy-Club-Besitzer und Unternehmer James Altucher hat einen Beitrag auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn geteilt, der viral ging und die New Yorker aktuell in der Frage spaltet, ob ihre Stadt nach Covid-19 überhaupt noch lebenswert ist. In dem Beitrag behauptet der Autor: „New York City ist tot – für immer.“ Seine Argumente haben die Metropole, die vielleicht wie keine andere Stadt von der Pandemie betroffen ist, wachgerüttelt. Schon deshalb lohnt es sich, seine Punkte nachzuvollziehen.

Der Eintrag beginnt mit einer Liebeserklärung: „Ich liebe New York City. Als ich zum ersten Mal nach New York zog, wurde ein Traum für mich wahr“, schreibt der Comedian. „Jede Ecke war wie eine Theaterproduktion, die direkt vor mir stattfand. So viel Persönlichkeit, so viele Geschichten. Jede Subkultur, die ich liebte, war in New York. Ich konnte den ganzen Tag und die ganze Nacht Schach spielen. Ich konnte in Comedy-Clubs gehen. Ich konnte jede Art von Geschäft aufbauen. Ich konnte Leute treffen. Ich hatte Familie, Freunde, Möglichkeiten.“

Little Italy in Manhattan am 1. April 2020.
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Doch schon vor Covid-19, so der Comedian, sei das Leben schwieriger geworden. Die Immobilienpreise explodierten, Geschäftsmieten wurden immer teurer, die Stadt wurde enger und weniger lebenswert. Die Kraft, die ein New Yorker aufbringen musste, um menschenwürdig existieren zu können, war nervenaufreibend. Als die Pandemie nach New York kam, verschärfte sich die Lage noch weiter. Läden mussten schließen, Mitarbeiter ihre Büros verlassen und die ganze Stadt geriet in einen Ausnahmezustand, in einen bisher unbekannten Stillstand. Die Mega-Metropole, deren Leitspruch die Schlaflosigkeit gewesen war, verfiel in ein tiefes Koma.

New York erlebt die schlimmste Zeit seiner Geschichte

Und jetzt? Auch im August sei die Stadt nicht zu ihrem Normalbetrieb zurückgekehrt. Im Gegenteil: „Midtown Manhattan, das Geschäftszentrum von New York, ist menschenleer. Obwohl die Menschen wieder arbeiten können, stehen große Bürogebäude wie der Wolkenkratzer ‚Time Life‘ immer noch zu 90 % leer. Die Unternehmen haben erkannt, dass sie ihre Mitarbeiter in den Büros eigentlich nicht benötigen.“

James Altucher beschreibt ein Phänomen, das Berliner auch kennen: die Stadtflucht. Sein weiterer Post benennt die Argumente, warum so viele New Yorker in den vergangenen Monaten aus der Stadt geflohen sind – und warum die Landflucht sich lohnt. Sein Post ist ein Pamphlet für den Exit. Er erklärt, warum seine Freunde New York den Rücken kehren, um unter der Sonne von Kalifornien oder unter den Palmen von Florida ihren Frieden zu finden. Immerhin könnten jetzt die meisten New Yorker aus der Distanz arbeiten, dank Videotelefonie und Homeoffice. Es gebe also keine Gründe dafür, in so einer immens teuren Stadt zu verharren und alle Kraft und alles Geld für die Existenzsicherung aufzubringen.

U-Bahn-Station am Times Square am 25. März 2020.
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New York, davon ist der Comedian überzeugt, erlebe aktuell die schlimmste Krise seiner Geschichte. „Selbst in den 1970er- und in den 1980er-Jahren, als New York bankrott ging und die Hauptstadt der Kriminalität in den USA war, war New York immer noch die Hauptstadt der Geschäftswelt“, schreibt James Altucher. „Die Stadt war kulturell auf dem Höhepunkt – eine Heimat für Künstler, Theater, Medien, die Werbeindustrie, das Verlagswesen. Und es gab hier die besten Restaurants.“

Und jetzt? Restaurants seien geschlossen, die meisten Geschäfte noch zu, auf dem Broadway herrsche Totenstille. All die guten Gründe, warum man nach New York reisen oder dort leben wollte, gibt es nicht mehr. Stattdessen steige die Kriminalität und der Zusammenhalt innerhalb der Stadtgemeinschaft sinke rapide. „New York ist seit fünf Monaten im Lockdown. So etwas hat es noch nie gegeben. Nicht in einer Pandemie, einem Krieg, einer Finanzkrise, niemals. Mitten in der Polio-Epidemie, als kleine Kinder (einschließlich meiner Mutter) gelähmt waren oder starben, mussten die New Yorker so etwas nicht durchmachen.“

James Altucher ist sich sicher: Aus dieser Krise kommt die Stadt nicht mehr heraus. Auch wenn die Covid-19-Pandemie zu Ende gehen wird, wird die Metropole nicht mehr zu ihrem alten Tempo zurückfinden. Die Menschen hätten erkannt, dass sich der Aufwand, in New York zu leben, einfach nicht lohnt. Die Steuern seien hoch und die Lebensqualität niedrig.„Ich bin vorübergehend, wenn auch möglicherweise dauerhaft, in Südflorida,“ heißt es am Ende des Posts.

Der leere Herald Square in New York am 7. April 2020.
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„New York ist ein Diamant“

Man kann sich leicht vorstellen, wie die Reaktionen auf diesen Eintrag ausfielen: kontrovers. Der Text hat die New Yorker gespalten. Die einen reagierten mit heftigem Kopfnicken und erzählten von gelungenen Stadtflucht-Geschichten. Die anderen sahen sich in ihrem New-York-Patriotismus verletzt. Die zahlreichen, online veröffentlichten Gegenreden lassen sich kaum zählen. Einer der prominentesten Kritiker, der sich zu einer Intervention berufen fühlte, ist der Comedian Jerry Seinfeld – jener Mann, der wie kein anderer mit der Fernsehserie „Seinfeld“ das lockere Lebensgefühl der New Yorker für alle Ewigkeit festgehalten hat. In seinem Meinungsstück für die „New York Times“ hat er dargestellt, warum er überzeugt ist, dass New York wiederaufstehen wird.

„Als ich im heißen Sommer von 1976 meine erste Wohnung in Manhattan bezog, waren die Straßen mit Hundekot bedeckt“, schreibt der Comedian. „Ich unterschrieb den Mietvertrag, ging nach draußen und bemerkte, dass mein Auto abgeschleppt wurde. Trotzdem dachte ich: ‚Dies ist der großartigste Ort, an dem ich jemals in meinem Leben gewesen bin.‘“

Jerry Seinfeld benennt, warum New Yorks Energie nie untergehen wird: weil die New Yorker die Kraft der Metropole wie Luft zum Atmen brauchen. „Homeoffice macht die Menschen wahnsinnig. Niemand möchte seine Zeit allein mit seinem Computer verbringen.“ Deshalb ist sich Jerry Seinfeld sicher, dass die New Yorker, die wegen Covid-19 weggezogen sind, sofort wiederkommen, sobald die Normalität in die Stadt zurückkehrt.

Eine Frau steigt in eine New Yorker U-Bahn am 23. März 2020.
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„Echte, lebendige, inspirierende menschliche Energie entsteht, wenn wir an verrückten Orten wie New York zusammenkommen. Sich selbst zu bemitleiden, weil man eine Weile nicht ins Theater gehen kann, ist nicht das wesentliche Element, das New York zum Diamanten gemacht hat.“

Jerry Seinfeld beendet sein Meinungsstück mit einer wahren Liebeserklärung an New York: „Glaubt jemand, dass Rom untergehen wird? London? Tokio? Das East Village? Auf keinen Fall. Ja, diese Orte verändern sich. Sie mutieren. Sie stellen sich neu auf. Wahre Größe ist selten. Und die wahre Größe von New York – sie ist einzigartig.“