Ohne James Gandolfini kein Tony Soprano, ohne Tony keine „Sopranos“, kein neues, goldenes US-Serien-Zeitalter, kein „The Wire“, kein „Breaking Bad“, keine „Mad Men“. Auf diese Formel lässt sich der aktuelle Schockzustand des amerikanischen Unterhaltungsgeschäfts bringen: Mit nur 51 Jahren ist Gandolfini am Mittwoch in Rom nach ersten Berichten an einem Herzinfarkt gestorben, für die US-Medien war das ein bestimmendes Thema. „James Gandolfini definierte Mafiosi-Rollen und Fernsehserien neu“, titelte das Wall Street Journal. David Remnick würdigt Gandolfinis Leistung auf der Webseite des New Yorker mit den Worten: „Er brachte Tony Soprano – liebenswert, abstoßend, verschlagen, ignorant, brutal – rücksichtsloser zum Leben als jede andere Figur, die uns je im Fernsehen begegnet ist.“

Der Mittelbau-Mafioso

Hierzulande sind die 1999 bis 2007 bei dem Pay-TV-Sender HBO ausgestrahlten „Sopranos“ nie richtig angekommen; das ZDF hatte die Serie lustlos im Nachtprogramm versenkt, auch all die anderen hochgelobten, ambitionierten US-Serien landen seither in den Nischen. So entging dem deutschen Publikum ein hintersinniger TV-Meilenstein. Im Zentrum steht da Gandolfinis Tony Soprano, ein Mittelbau-Mafioso aus New Jersey, der an der „Familie“ und den längst vergangenen, vermeintlich goldenen Zeiten des organisierten Verbrechens ebenso leidet wie an seiner verschlagenen Mutter, seiner nur bedingt pflegeleichten Ehefrau und den beiden Kindern. Nach einem Nervenzusammenbruch besucht er heimlich eine Therapeutin, die Hilfe braucht er dringend.

Gandolfini hielt dabei, zusammen mit „Sopranos“-Erfinder David Chase, dem Zuschauer den Spiegel vor: Seine Geschäfte mögen illegal und mordsgefährlich sein, letztlich leidet Soprano aber unter den typischen Problemen der Mittelklasse: Geld-Fragen und College-Suche, Arbeitsstress und nörgelnder Familie, die nur selten fragt, woher der Wohlstand des angeblichen Müll-Unternehmers kommt. Gandolfini spielte den Mafioso als schnaufenden (Grizzly-) Bären mit breitem Kreuz und etwas schütterem Haar, als trügerisch netten Kerl, der aber immer wieder furchtbar brutal sein konnte.

Erfolg als Bürde

Für James Gandolfini, der für die Rolle des Mafiabosses sowohl mehrmals den Fernsehpreis Emmy als auch den Golden Globe als bester Schauspieler gewann, kam der „Sopranos“-Erfolg spät, im Kino war er vorher bestenfalls Nebendarsteller und Charakterkopf. Auch da balancierte Gandolfini geschickt seine bärige Erscheinung mit recht düsteren Zügen aus, in „True Romance“ (1993) oder „Crimson Tide“ (1995). Der Erfolg der „Sopranos“ wurde für ihn später eher zur Bürde, jenseits von „The Man Who Wasn’t There“ (2001) hatte er nur in Indie-Produktionen wie „Romance & Cigarettes“ (2005) oder „Willkommen bei den Rileys“ (2010) Hauptrollen, ansonsten gab es kleine Auftritte wie die eines ausgebrannten Profikillers in „Killing Them Softly“ oder als CIA-Bürokrat in „Zero Dark Thirty“ (2012).

Zuletzt arbeitete Gandolfini eher als Produzent, entwickelte Dokus über Kriegsheimkehrer („Alive Day Memories: Home From Iraq,“ „Wartorn: 1861-2010“) und einen Film über Hemingway („Hemingway & Gellhorn“). Mehr konnte, mehr wollte der in New Jersey geborene Sohn eines Maurers und einer Schulköchin nicht: Dem Schatten von Tony Soprano wäre James Gandolfini wohl nie entkommen.