Der Ford-Konstrukteur (Matt Damon) und sein Fahrer (Ken Miles).
Foto : Twentieth Century Fox

Los AngelesSportlich betrachtet, ist das Kino ein Langstreckenrennen. Viele schrauben am Erfolg, nur wenige fahren Siege ein. Stars verbrennen auf halber Strecke, andere gewinnen höchstens mal nach Punkten. Ob die Leute einen noch wollen, ist schon gar nicht klar. Videospiele bieten so manchem denselben Thrill, das Spektakel findet zuhause statt, ist ja auch ökologischer. Aber der Fahrer kann einfach nicht anders, er fährt weiter im Kreis, treibt die Drehzahl nochmal ganz nach oben. Weil es so schön röhrt. Brumm!

„Le Mans 66“ ist ein Rennfahrerfilm, also verpflichtet zu großem Kino, und versucht es mit glanzvollen Namen, schraubt eifrig an Legenden. Die Rennstallkonkurrenz zwischen Ford und Ferrari Mitte der 1960er-Jahre ist sporthistorisch eine kleine Nummer, aber die Geschichte dahinter reizvoll. Kein anderer als die jüngst verstorbene Managerlegende Lee Iacocca gab seinem Chef Henry Ford II. damals den Rat, die Generation der Baby Boomer mit rassigen Sportwagen zu versorgen. Der Ford Mustang war das erste Resultat. Doch das Nonplusultra blieb Ferrari. Dem Alten schwebte vor, den Laden einfach aufzukaufen.

Eine Frage der Ehre

Der Besuch im italienischen Maranello liefert schon die schönste Szene. Enzo Ferrari, ein schweigsamer Padrone mit allen Insignien der Italianità – Anzug, Sonnenbrille und jede Menge Espresso –, hört sich die Vorschläge Iacoccas wortlos an. Als ihm klar wird, dass auch sein Rennstall und   die Teilnahme am berühmten 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf dem Spiel steht, bricht er ab. Die Amerikaner hätten seine Ehre zutiefst verletzt, als Konstrukteur, als Italiener und als Mann! Kein Zweifel: Ford und Ferrari, das sind zwei Unternehmenskulturen, die nie und nimmer zusammengehören.

Tatsächlich liefert Regisseur James Mangold („Walk the Line“) eine interessante Mischung aus Industriegeschichte und Sportfilm, die sich mit der Exposition gehörig Zeit lässt. Darin sieht man den berühmten US-Konstrukteur Carroll Shelby und den von ihm auserkorenen Fahrer Ken Miles bei der Entwicklung ihres neuen Prototyps, des Ford GT40. Über weite Strecken ist es ein Film für Mechaniker – den etatmäßigen Star Christian Bale als Miles sieht man häufiger unter seinem Wagen als am Steuer. Drehzahl, Radstand oder die Schwere des Motors sind die Themen.

Für den dramaturgischen Bogen wird Miles als ungestümer Typ gezeichnet, der mit den Hierarchien des Konzerns über Kreuz liegt. Er sei kein Ford-Mann, sagen die arroganten Schlipsträger. Er ist der Beste, beharrt Shelby, mit gewohntem Checkergrinsen verkörpert von Matt Damon. Das Rennen von „Ford versus Ferrari“ ist da längst ein Wettkampf „Ford versus Ford“.

Magie mit aufwendigen Mitteln

Mangolds Leistung besteht darin, in diesem nicht per se aufregenden Vorlauf die Spannung zu halten. Wusste doch schon Steve McQueen: „Rennen ist das Leben. Alles davor oder danach ist bloß Warten“. Im Kultfilm „Le Mans“ von 1971 war das, viel mehr sagte er nicht. Lee H. Katzins halbdokumentarische Rennfahrerelegie hatte kaum Dialoge und streng genommen keine Handlung. Das legendäre Rennen durch die Nacht, ein paar flotte Flitzer und McQueens Starpower waren mehr als genug. „Le Mans 66“ ist demnach auch kein Remake. Doch vergleicht man die beiden Filme, stellt man fest, wie sehr das heutige Kino sich anstrengen muss, um dieser Magie mit viel aufwendigeren Mitteln zumindest nahezukommen.

Zum Finale aber hat der Film seine Pferde am Start. Miles fährt nicht nur schnell, unterstützt von einer erwartbar glanzvollen Rennchoreographie. Er fährt den Wagen, den er selbst gebaut hat. Mensch und Maschine sind eins. Wie es da rattert und röhrt unter seinem Sitz, glaubt man jede Schraube selbst zu spüren – und betet, dass sie hält. Zuletzt hatte man diese Intensität in Damien Chazelles Mondfahrtepos „First Man“. Auch da ging es um die Konstruktion der besten Maschine, mit der ständigen Gefahr tödlichen Scheiterns. Die 24 Stunden von Le Mans des Jahres 1966 sind Miles’ persönliche Mondlandung – mit einem allerdings noch kurioseren Ausgang, hier nicht verraten, aber historisch verbürgt.

Abgesang auf das Autozeitalter

Mangold ist nicht blind für den höheren Blödsinn eines lebensgefährlichen und ökologisch kaum mehr vertretbaren Sports. Zwischen verständlicher Glorifizierung – es geht hier um Autos, die noch als Fetische taugen – und stiller Kritik bemüht er sich um eine gewisse Äquidistanz. Man kann also alles darin sehen: ein letztes Aufbäumen benzingetränkter Männlichkeit, oder einen würdevoll röhrenden Abgesang auf das Autozeitalter. In jedem Fall ist es intelligente Unterhaltung, und allemal besser als ein Videospiel.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance

USA, Frankreich 2019. Regie: James Mangold, Darsteller: Christian Bale, Matt Damon, Caitriona Balfe u.a.; 152 Min., Farbe. FSK ab 12.