Jetzt fliegen sie wieder. Von einem lange vergangenen Einsatz amerikanischer Kampfpiloten erzählt der Roman „Jäger“ des amerikanischen Schriftstellers James Salter. Von 1950 bis 1953 kämpften die Amerikaner gegen die von China unterstützten Truppen Nordkoreas. Drei oder vier Millionen Zivilisten und fast eine Million Soldaten starben in diesem Krieg, 32 000 Tonnen Napalm wurden abgeworfen, Dutzende Städte dem Erdboden gleichgemacht. Ein Ausflug – zum Steakessen – in das zerstörte Seoul wird den Soldaten zur „bitter riechenden Reise durch die Antike“.

Doch hoch in den Lüften ist der Feind unsichtbar, er hat kein Gesicht, kein Blut, keine Geschichte – er spielt keine Rolle. Auch die Gründe ihres militärischen Einsatzes, der Kampf gegen den Kommunismus, sind für Salters Piloten in ihren Düsenjets ohne Bedeutung. Sie schweben metaphorisch und real über dem Gemetzel der Bodenkriege und Ideologien.

Zwölf Jahre lang, von 1945 bis 1957, war der 1925 geborene James Salter Kampfpilot der amerikanischen Luftwaffe, allein im Koreakrieg flog er 100 Einsätze. Fast ebenso viele bringt der Protagonist seines jetzt erst auf Deutsch erschienenen Debütromans hinter sich. Als „Jäger“ 1957 in den USA herauskam, beendete Salter seine militärische Laufbahn und widmete sich fortan ganz dem Schreiben, den Lebensunterhalt verdiente er sich jedoch jahrelang mit Drehbüchern in Hollywood. Hier bei uns wurde der amerikanische Schriftsteller erst 1998 mit dem Roman „Lichtjahre“ bekannt, im letzten Jahr erschien – nach 35 Jahren Pause – sein Roman „Alles, was ist“.

Die biografische Bruchstelle des Helden dieses Alterswerks ist der Krieg. Doch was da auf den ersten 13 Seiten um scheiternde Ehen und die Vergänglichkeit des Glücks zu einem Kamikazeschlachtgemälde verdichtet ist, füllt bei „Jäger“ den ganzen Handlungsraum. Und der ist eng wie das Cockpit eines F-86-Jets, beschränkt auf das Soziotop eines Stützpunkts und zugleich unendlich weit wie der Himmel. Der Krieg ist der ferne Hintergrundvorhang eines fast lakonisch unterkühlten Kammerspiels, die Akteure sind das aufgewühlte Innenleben des Fliegers und die Wolken.

Der erfahrene Kampfpilot Clive Connell ist Schwarmführer über vier „Jungs“. Ein Schwarm besteht aus zwei mal zwei Jets, ihre Aufgabe besteht darin, den Jagdbombern Deckung zu geben und die feindlichen, hier sowjetschen MiGs abzuschießen. Nur wer Abschüsse erzielt, ist Held, ab fünf heruntergeholten Feindmaschinen ist man ein „Ass“. Connell hat Pech, tage-, wochenlang kein Feindkontakt, es ist zum Verrücktwerden. Fehlt ihm der entscheidende Kick des Jagdtriebs, der den jungen Karrieristen Pell auszeichnet? Um seine eigenen Siege einzustreichen, lässt dieser skrupellose Fiesling die Kameraden im Stich, mit tödlichen Folgen für jene. Aber Sterben ist hier auch nur eine Art Erfüllung des soldatischen Schicksals, die abgeschossenen Piloten sinken einfach weg, ein letztes „Oh Gott“ über Funk, bevor sie im Äther verglühen. Sie verschwinden, ohne eine körperliche Spur zu hinterlassen.

Bei einem kurzen Fronturlaub in Tokio, in dem die zäh dahinfließende Zeit plötzlich „in alle Richtungen zu fliehen begann“, übermannt die Flieger das Verlangen nach Frauen, nach dem Leben, wie sonst nur die Angst. Das dumme, zitternde Herz, es weiß es längst:„Die Zigarette ist das erste Zugeständnis des Tages an das Leben und daran wie kurz es war.“ Im Bordell lassen sich die jungen Männer wie Könige von engelhaften Geishas verwöhnen. Bei einer zarten Romanze mit einem japanischen Mädchen erfährt der Protagonist eine Ahnung von Liebe: So könnte es sein, und die Welt könnte sich ohne ihn weiterdrehen.

Es geschieht fast nichts in diesem Roman. Und dieses Nichts lässt einen nicht los. In der ereignislosen Reihe aus Routineeinsätzen, wortkarg dumpfer Männerbündlerei im Offizierskasino und zermürbendem Warten auf den Kampf mit einem abstrakten Feind bannt uns Salter mit Sätzen von atemberaubend unterkühlter Schönheit. Die Absurdität dieses Heldentums, das Drama einer entsinnlichten und sinnlos gewordenen Männlichkeit verdichtet sich in seiner Poesie der Himmelsbeschreibungen. „Still wie ein Meer aus Glas“, von „Schichten aus Trauer“ verhangen, von „Schichten aus Zorn“ umwölkt, ein „Sammelplatz der verlorenen Zeit“. Wie „transzendente, prachtvolle Blitze“, wie anmutige Schwärme silberner Fische, düsen die Maschinen in den„vorgeschichtlichen Ozean aus Luft“, den sie durch ihre Anwesenheit verseuchen. Der „süße Rausch“ befreit die Männer „von der Schwerkraft der Wirklichkeit“ – allein für das Kristallreich des Todes.

James Salter: Jäger Aus dem Englischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag 2014. 303 S., 19,99 Euro.