Berlin - Wir garantieren hiermit: Die frei zugängliche Terrasse des neuen Eingangsbaus zur Museumsinsel wird der Hit. Da geht man die breite Treppe hinauf, fühlt sich schon ganz erhoben, lässt unter überschlanken Pfeilern den Blick hin zum Lustgarten und den Kupfergaben entlang schweifen.

Dabei ist dieser Bau funktional eigentlich nur als Verteiler hin zum Neuen Museum und zum Pergamonmuseum gedacht, mit Kassen und Garderoben, einem kleinen Vortragsraum und dem eher mittelgroßen Saal für Sonderausstellungen. Aber sehen Sie sich den Schimmer der Marmorbrocken im Beton an, die klug gesetzten Lampen, die Noblesse des Eichenholzes, die phänomenal großen, genau passend aus nur einem Steinblock geschnittenen, zart durchsichtigen Alabasterscheiben, die den oberen Teil der Eingangshalle zu einer regelrechten Kapelle machen. Oder die exquisiten, an chinesische Landschaftsgemälde erinnernden Schüttspuren im Beton.

Dieser Bau ist eine materielle und intellektuelle Lust, karg, aber erlesen. Zwar irritiert das dichte Gitter der Pfeilerhalle über dem massigen, nur von zwei Fenstern aufgebrochenen Sockelbau auch nach häufigem Betrachten noch. Aber ein Ausgleich dafür ist der ebenfalls von Pfeilerhallen gerahmte elegante Innenhof, der hin zum Neuen Museum entstand, wenn auch in diesem reichlich steinernen Ambiente einige knapp gehaltene Bäume eine Wohltat wären. Mindestens 135 Millionen Euro hat das gekostet: Es ist die teuerste Garderobe der Baugeschichte.

800 Besucher pro Stunde

Wie peinlich diese Summe den Bauherren ist, zeigt, dass sie in der Pressemitteilung der Staatlichen Museen zur Eröffnung nicht einmal genannt wird. Zumal sogar Zweifel an der Funktionsfähigkeit angebracht sind, weil alle Innenräume auf den von der Bauverwaltung und Denkmalpflege viel zu schmal bestimmten Bauplatz gezwängt werden mussten. Mindestens 800 Besucher pro Stunde gedenken die Museen hier abzufertigen. Ein Alptraum angesichts der relativ engen Räume, der vielen Treppen, der schmalen Korridore hin zum Neuen Museum, des hoch gelegenen Übergangs zum Pergamonmuseum, den man erst einmal finden muss, der viel zu wenigen Aufzüge. Jede Schulklasse wird hier für Chaos sorgen.

Überhaupt: Wer will schon ein Museum durch den Keller betreten? Und der Zugang zum Hauptgeschoss des Pergamonmuseums ist noch gar nicht offen. Derzeit hat dieser Bau gar keinen Zweck. Aber der eigentliche Skandal ist die Geldverschwendung. Schon die Erstkalkulation für den knapp 4000 Quadratmeter messenden Bau war 2006 mit 73 Millionen Euro üppig. Der gleichzeitig geplante, viermal so große und viel kompliziertere Neubau für das Folkwang-Museum in Essen, ebenfalls von Chipperfield Architects entworfen, kostete nur 55 Millionen Euro.

Zudem warnten in Berlin Experten immer wieder vor dem schlechten Baugrund. Seit dem Bau des Neuen Museums in den 1840er-Jahren weiß man von dem weichen Schlammloch daneben. Dass es bis zu 60 Meter tief reicht, ist seit den Probebohrungen bekannt, die 1908 vor dem Bau des heutigen Pergamonmuseums unternommen wurden. Dessen Fundierung entwickelte sich wegen dieses sogenannten Kolks zu einem Desaster, fast das ganze Baugeld floss nur in den Untergrund. Und nach 1920 wurde der genau an der Stelle des heutigen Eingangsbaus vorgesehene Flügel für das Ägyptische Museum aufgegeben – eben der vorhersehbaren Baukosten wegen.

Der erste vergessene Entwurf

David Chipperfield selbst hatte in seinem ersten, leider längst von ihm und den Museen vergessen gemachten Entwurf für diesen Ort von 1993 auf diese Probleme reagiert, als er einen vergleichsweise leichten Hallenbau vorschlug, der in einem schwimmenden Fundament hätte errichtet werden können. Aber die Denkmalpfleger und die Architekturverwalter schreckten damals vor so viel mattiertem, „modernen“ Glas zurück, die Staatlichen Museen wollten mehr Pop, und die Berliner Konservativen mehr Klassizismus. Sie vor allem setzten sich schließlich in dem dritten, wesentlich von Chipperfields Büropartner Alexander Schwarz geplanten Projekt durch. Und der Bundestag folgte ihnen mit der Bewilligung der Gelder.

Doch spätestens, als 2011 auf der Museumsinsel die Baufirma für die Fundamentarbeiten in die Knie ging, als kurz darauf klar wurde, dass die Fundamente wieder zerstört werden müssten, dass die Baukosten auf etwa 140 Millionen Euro steigen würden – spätestens da hätten das Kulturstaatsministerium, der Kulturausschuss des Bundestags, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Bundesbauverwaltungen reagieren müssen. Doch es wurde immer weiter gebaut. Es zeigte sich das gleiche Problem wie beim Flughafen BER: Politiker und Verwaltungen betrachten Planungen schon als das fertige Projekt. Sie als Test zu sehen, der auch einmal zur Seite gelegt werden kann, ist nicht vorgesehen, das Scheitern eines Projektes schon gar nicht. Ist es einmal etatisiert, wird jede Kostensteigerung hingenommen.

Kein Lernprozess

Dazu kommt die oft beobachtete finanzielle Verantwortungslosigkeit der zuständigen Behörden. Das Geld wird doch ausgegeben für die Kunst! Damit wurden auch die skandalösen Kosten etwa für den Staatsopernumbau oder derzeit der für das Pergamonmuseum legitimiert. Als kürzlich bekanntgegeben wurde, dass das Museum der Moderne auf dem Kulturforum wohl 400 statt der geplanten 200 Millionen kosten würde, gab es weiterhin nur ästhetisierende Einsprüche, aber keine funktionalen oder gar finanzpolitischen Proteste.

Für das Geld, das in Berlin für eine Garderobe ausgegeben wird, könnte sich Mecklenburg-Vorpommern gleich fünf neue Universitätsbibliotheken leisten. James-Simon-Galerie nennen die Staatlichen Museen ihr neues Eingangsgebäude, das im Sommer dann auch für das Publikum geöffnet wird. Es ist eine Gemeinheit gegenüber diesem sparsamen und sozial verantwortlich handelnden Kaufmann, der als Mäzen in der Wilhelminischen Ära zahlreiche Kunstwerke der Museumsinsel finanziert hat. Wahrscheinlich hätte er niemals ein solches Projekt unterstützt. Trotz all der schönen Materialien und Stadtperspektiven.