Jamie Hewlett gibt ungern Interviews. Nicht, weil ihm die Worte fehlen würden – im Gegenteil: Als wir für unser Gespräch in seinem Studio in seiner Wahlheimat Paris anrufen, spricht der Brite lässig bis schnodderig, aber ausführlich und überaus fröhlich  über seinen ersten eigenen Kunstband und seine bisherigen 25 Jahre als Comiczeichner. Er lacht viel, erzählt aus der Kindheit und klingt auch mit knapp 50 ein bisschen nach Schul-Rowdy, wenn er über seinen WG-Kumpel Damon Albarn witzelt, mit dem er die erfolgreichste virtuelle Band der Popgeschichte erfand: die Gorillaz.

Dass Jamie Hewlett Interviews meidet, liegt eher daran, dass er findet, seine Kunst solle für sich selbst sprechen – und daran, dass Journalisten zu oft nur eine Seite von ihm sehen. Denn tatsächlich ist er zwar Comiczeichner, mit seiner Figur Tank Girl –  einer Punk-Göre mit Gewehr und Sex-Appeal in einem postapokalyptischen Australien –  schuf er aber Ende der 80er-Jahre auch eine Vorreiterin der Riot-Girl-Bewegung und Anti-Fashion-Welle der 90er. Und als Hälfte der Gorillaz wirkt er an einem preisgekrönten und kommerziell enorm erfolgreichen Gesamtkunstwerk mit.

Ohnehin hat Hewlett sich schon immer als Künstler gesehen, sagt er im Interview – er klingt dabei nicht, als wolle er sich aufwerten; eher, als wolle er die teils versnobte Kunstwelt auf den Boden zurückholen. Seit einigen Jahren dringt er nun selbst in diese Welt vor: Erst mit Albarn, als die beiden eine chinesische Oper adaptierten, dann auch als Maler, Zeichner und Grafiker mit Ausstellungen in renommierten Galerien. Und nun eben mit einem eigenen Kunstband beim Taschen-Verlag. Die Werkschau zeigt, dass sich Hewlett längst nicht mehr auf einen Stil festlegen lässt. „Alles andere“, sagt er, „würde mich zu Tode langweilen.“

Ihr neuer Kunstband beginnt mit Ihrem Anarcho-Comic „Tank Girl“, dessen Heldin schon vorab die spätere Girl-Power-Bewegung verkörperte. Im Buch heißt es, Björk und Courtney Love waren Fans, und viele junge Frauen sahen Tank Girl damals als „inoffizielles Maskottchen ihrer Selbstermächtigung“ in den frühen 90er-Jahren. Hatten Sie reale Vorlagen für die Figur?

Tank Girl stellt einfach die Art Frau dar, die ich selbst immer faszinierend fand: Frauen, vor denen andere Männer Angst hatten. Ich bin schon mit vielen starken Frauen aufgewachsen, und dann, in der Schule, so mit zehn, elf Jahren, war ich hingerissen von einem Skinhead-Mädchen ein paar Klassen über mir. Ihr Kopf war geschoren, sie trug Doc-Martens-Stiefel, war knallhart. Sie war aufregend, strahlte aber auch Macht aus: Keiner hat sich mit ihr angelegt. Auf der Kunsthochschule traf ich dann die verschiedensten Frauen: ausgeflippte, feierwütige, intellektuelle; sie redeten Klartext, ließen sich nichts gefallen. Ich genoss ihre Gesellschaft, sie inspirierten mich.

Mehr als die Stilikonen aus Film und Pop?

Ich glaube schon. Natürlich bin ich in einer Zeit mit starken Frauenfiguren in der Popkultur aufgewachsen wie Debbie Harry und Siouxsie Sioux. Aber auf Ideen für meine Kunst brachten mich eher die Menschen aus Fleisch und Blut. Bei Stars musst du dem Bild auf der Leinwand oder dem Poster glauben. Heute ist es noch schlimmer: Wer in den Medien ist, spielt eine Rolle. Mit der wahren Persönlichkeit hat das oft nichts zu tun – so kamen wir ja auf die Gorillaz: Wenn Popstars schon „fake“ sind, wollten wir gleich eine ganze Band frei erfinden. Sicher, da flossen auch Figuren wie Keith Richards ein. Aber am prägendsten waren die Leute, mit denen ich redete und abhing.

Tank Girl galt seinerzeit als feministisch und kämpferisch. Aber wenn man die Comics nun wieder liest, wirkt aus heutiger Sicht vieles  wie im Pin-up-Stil: nackte Haut, sexy Posen, anzügliche Sprüche. Ist das kein Widerspruch?

Nein, das sollte ja ein Seitenhieb auf einige meiner Zeichnerkollegen sein, die in ihren Superhelden-Comics sehr sexy Frauen in sehr engen Kostümen zeigten – ohne im wahren Leben je ernsthaft mit einer Frau gesprochen zu haben. Tank Girl sah auf den ersten Blick auch so aus – nur ist ihr Schädel rasiert, sie ist vulgär, hat mal einen abgebrochenen Zahn, mal ein blaues Auge. Klar ist sie sexy, sie ist eine Frau. Aber sie schert sich um nichts und will keinem gefallen: Sie hat Sex mit einem mutierten Känguru! Das fanden wir damals witzig.

Auch in Ihrer Plakatserie „Honey“ zeigen Sie Ihre Ehefrau – die Schauspielerin ist und sich als Feministin sieht – in der Rolle eines fiktiven 70er-Jahre-Softporno-Stars, halbnackt, in aufreizenden Posen ...

Damit wollte ich vor allem die Entwicklung der Pornografie kommentieren: Heute lässt sich im Internet alles ansehen, nichts ist mehr versteckt oder geheimnisvoll. In den 70ern, als es diese Plakate, die ich mit „Honey“ zitiere, wirklich gab, waren die zwar auch sexy, aber sie verrieten nicht zu viel. Die Frauen strahlten dadurch Macht über die Männer aus, die sie begehrten. Sie waren kein Objekt, sondern setzten ihre Sexualität selbstbewusst ein.

Ob das heutige Feministinnen so sehen?

Keine Ahnung, jeder hat ja das Recht auf eine eigene Meinung. Der Sinn meiner „Honey“-Bilder war jedenfalls nicht, sexy Bilder von meiner Frau zu machen, an denen ich mich aufgeilen kann. Sondern, genau dazu Stellung zu beziehen: dass Pornografie im Grunde jedem gefällt, auch wenn es mancher nicht zugibt; dass aber die heutige Porno-Industrie alles ruiniert – weil sie jede Fantasie tötet.

Die jüngste feministische Bewegung, #MeToo, hat in Ihrer Wahlheimat Frankreich eine besondere Reaktion ausgelöst: In einem Text, den Le Monde abdruckte und den mehr als 100 prominente Französinnen um die Schauspielerin Catherine Deneuve unterschrieben, hieß es, #MeToo habe totalitäre Züge und gefährde das Flirten an sich. Es gebe aber ein Recht auch auf „hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten“.

Ich war ja ganz nah dran bei der Genese der Enthüllungsgeschichte des „New Yorker“ über Harvey Weinstein: Meine Ehefrau Emma de Caunes war unter den ersten, die ihre eigenen unangenehmen Erlebnisse mit Weinstein darin öffentlich machten. Viele seiner Opfer hatten Angst, ihre Klarnamen zu nennen, weil Weinstein so einflussreich war. Sie haben es sehr lange untereinander und mit den Autoren debattiert; und auch ich habe mit meiner Frau lange gesprochen. Am Ende sagte sie: Er muss entlarvt werden, und ich werde mit meinem Namen dazu stehen – wenn es nach hinten losgeht, sei’s drum. Seitdem ist das Ganze regelrecht explodiert. Natürlich könnten unter den Unmengen wahrer Geschichten misshandelter Frauen auch einige ausgedachte Beschuldigungen sein. Und natürlich ist es ein großer Unterschied, ob ein Schauspieler etwas Unhöfliches zu einer Frau sagt oder ob jemand eine Frau tatsächlich vergewaltigt oder es versucht hat. Wenn man diese Grenzen verwischt, droht eine Hexenjagd ...

Also geben Sie Deneuve & Co. in dem Punkt Recht, wo sie #MeToo-Hysterie und Prüderie vorwerfen?

Nein, kein bisschen! Stellen Sie sich vor: Einige der Unterzeichnerinnen behaupten, dass eine Frau selbst aus einer Vergewaltigung gewissen Gefallen ziehen könnte. Unfassbar. Aber das ist die alte Riege. So wie diese – mit Verlaub – älteren Frauen zu ihrer Zeit behandelt wurden, geht man heute nicht mehr miteinander um.  Ich verstehe auch nicht, wie eine Frau sagen kann, dass es okay ist, wenn ein Mann dich anfasst oder sich in der Metro an dir reibt. Diese Frauen schreiben darüber, ihre Töchter nicht zu Opfern, sondern zu selbstbewussten Frauen zu erziehen, denen das nichts ausmacht. Wie sie ihre Söhne erziehen wollen, dazu gibt es kein Wort.

Vielleicht sollte Tank Girl für alle Jungs zum Pflichtstoff in der Schule werden. Da kann man zumindest lernen, was Aggression und Macht von Flirts und Sex unterscheidet.

Genau! Alles, was ein Mann nicht mehr zu einer Frau sagen würde, sobald sie ein Maschinengewehr über der Schulter hat, ist wahrscheinlich kein Flirten.

Als Sie Tank Girl entwarfen, waren Sie ein Underground-Zeichner. Danach haben Sie mit den Gorillaz die Popkultur geprägt. Inzwischen jedoch stellen Sie in berühmten Galerien aus und legen nun einen Kunstband vor. Wollen Sie etwa werden, was der Urvater des Underground-Comics, Robert Crumb, „artsy-fartsy“ nannte?

Kommt wohl auf die Definition von „artsy-fartsy“ an ...

Naja, Crumb hadert damit, „Künstler“ genannt und im Museum of Modern Art ausgestellt zu werden. Er sieht sich nur als Comiczeichner und reimte darum Kunst auf Furz.

Klar, vieles in der heutigen Kunstwelt ist abgehoben und fake. Aber klassische Kunst hat schon immer zu meinen Einflüssen gehört. Als ich jung war, habe ich zwar Comics verschlungen – vor allem das amerikanische Witzheft MAD und das französische Science-Fiction-Magazin Métal Hurlant. Damals wollte ich unbedingt Comiczeichner werden. Aber darauf brachten mich eben nicht allein die Comics.

Sondern schon klassische Kunst – als Kind?

Ja, meine Mutter war Künstlerin, also hatten wir eine Menge Kunstbücher zu Hause. Ich war schon immer ein sehr visueller Mensch: Ich kann mich eher erinnern, welche Kleidung jemand bei unserem letzten Treffen trug, als daran, was er erzählt hat. Als Kind habe ich alles aufgesogen, was mir unterkam und  was mich ansprach – wegen Motiv, Farbe, Layout. Mir war egal, wer es gemalt hatte. Was mich visuell ansprach, versuchte ich nachzuahmen: Karikaturen, den Americana-Zeichner Norman Rockwell, auch Picasso liebte ich schon als Kind.

Und warum zeichneten Sie dann doch zuerst Comics?

Da hatte ich das Gefühl, dass ich so etwas – im Gegensatz zur Malerei – auch könnte. Bei Gemälden konnte ich mir nicht mal vorstellen, wie sie das überhaupt hinbekommen hatten. Bei Comics sah ich, wie die Linien aufgetragen waren. Ich ahmte den Strich nach, die Drucktechniken – aber nicht etwa, indem ich Vorlagen abzeichnete, sondern indem ich es in meinem Kopf behielt und später aus der Erinnerung heraus zeichnete. Deshalb kann ich bis heute von einem Stil zum nächsten springen. Alles andere würde mich auch zu Tode langweilen.

Aber Ihre Motive kamen eindeutig aus dem Pop, seit den ersten Comics. Bei den Gorillaz verschmolzen Sie Ihre Zeichnungen dann sogar mit der Musik von Damon Albarn zu einem Gesamtkunstwerk. Wollten Sie so zeigen, dass Ihre Arbeit in erster Linie Pop und erst in zweiter Linie Kunst ist?

Die Gorillaz sind einfach  ein Gemeinschaftsprojekt: Was man hört, kommt von Damon, was man sieht, ist mir dann zu seiner Musik eingefallen. Es stimmt aber, dass das für mich ein konsequenter nächster Schritt war. Ich höre seit jeher Musik, wenn ich zeichne. Vor dem tatsächlichen Zeichnen inspiriert mich das mehr, als mir  andere Künstler anzusehen. Mit Musik entsteht ein spezieller Moment: Meine Laune passt zu den Motiven, und das Zeichnen läuft wie von selbst – das ist dann regelrecht beglückend. Besser als Drogen. Aber ich brauche diesen Gemütszustand, ich kann nicht den Autopiloten einschalten und loszeichnen.

Welche Musik lief denn, als Sie seinerzeit Tank Girl erfanden?

Hm ... Damals habe ich sehr viel Tom Waits gehört. Mein Bruder überließ mir für sechs Monate sein kleines Ferienhaus auf dem Land. Da saß ich allein, isoliert auf dem flachen englischen Land, und tat nichts als Tank Girl zu zeichnen. Und die ganze Zeit lief Tom Waits.

Ja, das passt. Und bei Ihrer Serie mit den fast Albrecht-Dürer-haften Zeichnungen von Pinienbäumen war es dann Jazz oder Klassik?

Gute Frage. Ich glaube, ich hörte viel französische Musik, Colette Renard und Edith Piaf und Serge Gainsbourg. Die Bilder entstanden ja in Südfrankreich, und auch meine Frau, die ja Französin ist, empfahl mir französische Musik, Barbara zum Beispiel. Ich habe diese feinen, detaillierten Linien fast schon mechanisch gezeichnet. Die Musik untermalte das perfekt, es entstand wieder dieser Moment. Hätte ich dazu, sagen wir, die Sex Pistols gehört, wäre wohl etwas anderes herausgekommen.