BerlinFast ein ganzes Jahr hat man ihn nicht gesehen. Mitte Dezember des vergangenen Jahres verabschiedete sich der Satiriker Jan Böhmermann mit der Sendung „NEO Magazin Royale“ von seinem ZDFneo-Publikum. Er gönnte sich eine wohlverdiente Fernsehpause und ist jetzt mit der neuen Sendung „ZDF Magazin Royale“ ins ZDF-Abendprogramm zurückgekehrt.

Schade eigentlich, dass er ausgerechnet im Schreckensjahr 2020 aussetzte, es bot sich einiges an komödiantischem Material an. Großbritannien ist dabei, endgültig aus der Europäischen Union auszutreten. Thomas Kemmerich ließ sich in Thüringen durch Björn Höckes AfD zum liberalen Ministerpräsidenten wählen, nahm die Wahl an, nur um das Amt kurze Zeit später wieder niederzulegen. Die Fußball-Europameisterschaft der Männer wurde verschoben, Olympia auch, und die Bundesliga konnte mit dem Aufstand der Ultras gegen Dietmar Hopp ebenfalls einen größeren Skandal beisteuern. Pandemieleugner und Anhänger kruder Verschwörungstheorien – prominenteste Beispiele sind Xavier Naidoo und Attila Hildmann – sorgen schließlich regelmäßig für Kopfschütteln. Was hätte der Satiriker Böhmermann daraus wohl alles machen können?

Jetzt ist er jedenfalls zurück. Im Anschluss an die beliebte „heute-show“ heißt der mehrfache Grimme-Preisträger am Freitagabend das TV-Publikum vor leeren Zuschauerrängen im alten, aber neu gestalteten Studio in Köln-Ehrenfeld willkommen. Wieder mit dabei ist das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, alle musizieren in sicherer Entfernung aus dem Home Office. Alles also wie vorher? Nicht ganz. Produziert wird „ZDF Magazin Royale“ nicht wie die Vorgängersendung von der bildundtonfabrik, sondern vom Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld, einer gemeinsamen Firma von Böhmermann und der ZDF-Tochter Gruppe 5. Die Late-Night-Show ist mit 30 Minuten Sendezeit außerdem 15 Minuten kürzer als noch bei ZDFneo. Schön knackig, es wird sich schnell zeigen, dass Böhmermann weniger Zeit zum Rumblödeln haben wird.

Böhmermann schreibt auf Telegram: „Sie wollen uns manipulieren!!“

Vielleicht ist es den Pandemiebedingungen geschuldet, aber der Satiriker moderiert die gesamte Sendung vom mittig im Studio platzierten Schreibtisch aus und bewegt sich kaum. Es soll der Atmosphäre nicht schaden. Er wirkt entspannt, die gewaltige Berichterstattung der vergangenen Wochen scheint ihn nicht nervös gemacht zu haben. Auch das gewohnt jugendlich-schelmische Grinsen hat er im Hauptprogramm nicht abgelegt.

Seit Tagen rührte der Entertainer fleißig die Werbetrommel, löschte zeitweise seine Kanäle auf Twitter und Instagram und meldete sich beim Messengerdienst Telegram als „REAL JAN BÖHMERMANN“ an. Der Nachrichtendienst wird von den Gründern des russischen sozialen Netzwerks Vk.com als gemeinnütziges Unternehmen betrieben und entzieht sich weitestgehend dem Zugriff von Strafverfolgungsbehörden. Umso interessanter ist die Plattform deshalb für Journalisten und Whistleblower, es tummeln sich dort aber auch haufenweise Verschwörungstheoretiker und Menschen, die mehr oder weniger illegale Aktionen planen. Der echte Jan Böhmermann irrlichterte dort in klassisch-konspirativer Manier etwa mit Posts, dass sich seine Follower „nicht vom Weg abbringen“ lassen sollen. Oder: „Menschengemachter Klimawandel verursacht klimagemachten Menschenwandel. Menschenwandel hört ihr!? Sie wollen uns manipulieren!!“ Deutete der Satiriker hier schon das Thema seiner ersten Sendung an? Wer seine Aktivitäten in den sozialen Medien in den Tagen vor der Premiere verfolgte, erwartete eine scharfe Verhöhnung der Verschwörungstheorien.

Mitspielen im „Verschwörungsgame“

Nur wenige Stunden vor der Ausstrahlung schrieb Böhmermann über Telegram, dass es dort „echte Vollidioten“ gebe und er froh sei, „niemanden davon persönlich zu kennen“. In der ersten Show nehmen das „digitale Mordor“ und „Verschwörungsgeschwurbel“ um Corona dann zunächst auch einigen Raum ein. Böhmermann erklärt seinen Einstieg in die „alternative Wirklichkeit“: Er wolle im „Verschwörungsgame“ mal so richtig mitspielen. Nur um anschließend gleich aufzulösen, dass es einfach keine gute Idee sei, aus Spaß Verschwörungsirrsinn zu verbreiten. Auch deshalb habe er in den vergangenen Tagen nur sinnfreie Sprüche geteilt und so jede Menge „Querdenker und andere Schlauberger eingefangen“.

Das wars dann aber auch schon zum Thema. Denn das bestimmende Thema sind nicht rechte Verschwörungsfanatiker, sondern die „Aufdeckung der eigentlichen Verschwörung“. Für den Moderator sind die wahren Pandemiegewinner nicht die vielen Querdenkerdemos, sondern Superreiche. Wie BMW-Eigentümerfamilie Quandt, für den Grimme-Preisträger „eine ganz normale Milliardärsfamilie Cunt“, die sich in diesem Jahr erst durch Kurzarbeitergeld vom Staat aushelfen ließ, um sich dann großzügige 760 Millionen Euro Dividende auszuschütten. Offenbar wird „ZDF Magazin Royale“ politischer als seine Vorgängersendungen, vielleicht auch ein bisschen erwachsener. 

Wenn Kultur auf Wirklichkeit trifft

Böhmermann kritisiert, dass Amazon in den USA noch immer keine Steuern zahlt, stattdessen sogar zwei Jahre in Folge Steuern zurückbekommen hat. Besitzer Jeff Bezos hätte allein am 5. November Aktien im Wert von 3 Milliarden US-Dollar verkauft und verdiente an einem Julitag in einer Sekunde mehr als ein Amazon-Mitarbeiter in fünf Jahren.

Auch der reichste Deutsche, Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland, habe seit Beginn der Corona-Krise 300 Millionen Euro zusätzlich verdient. Für Böhmermann ist klar: „Einige freuen sich über die Reichweite, die anderen darüber, dass sie weiter reich werden.“ Der fast zwanzigminütige Monolog des Entertainers ist getränkt von seinen sozialdemokratischen Idealen. Böhmermann hat sich in der Vergangenheit auch öffentlich immer wieder für die SPD ausgesprochen, deren Mitglied er seit 2019 ist. Er kritisiert die fehlende Reichensteuer, sagt ganz direkt, dass die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern neben dem Klimawandel das größte Problem der Gesellschaft sei. Und stellt ganz offen die Frage, wozu man ausgedachte Verschwörungstheorien auf Telegram brauche, wenn Superreiche mit Parteispenden und Vetternpolitik Politik und Gesellschaft gestalten und so die eigentlichen Strippen ziehen würden.

Dann betreibt der ausgebildete Journalist noch Medienkritik. Am Ende kämen Verschwörungsmärchen den Superreichen nämlichen ganz gelegen, denn so „interessieren sich Medien, Politik und Gesellschaft noch weniger dafür“, wie Reiche in der Pandemie noch reicher werden. Auf Telegram informiert er mit seinem Team wohl auch deshalb nun regelmäßig über das „wichtigste Thema der Gegenwart“: Ungleichheit.

Dem „ZDF Magazin Royale“ und Jan Böhmermann ist damit wieder einmal gelungen, die Erwartungen zu unterlaufen. In kluger satirischer Tradition prangert Böhmermann  gesellschaftliche Missstände an. Und das mit seinem bekannten Lausbubencharme, mit dem er beweist, dass auch über unbequeme politische Tatsachen – die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich – gelacht werden kann. Zum Schluss gibt Böhmermann noch die allgemeine Stoßrichtung vor: „‚ZDF Magazin Royale‘: Wenn Kultur auf Wirklichkeit trifft“. 

ZDF Magazin Royale: Verschwörung, 6. November 2020