Der Theaterregisseur Jan Bosse.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinObwohl wir nun schon Monate Zeit hatten, uns mit Corona und den Folgen zu beschäftigen, scheinen die Unklarheiten mitzuwachsen. Es ist geboten, sich Sorgen zu machen. Der nächste Lockdown droht, Existenzgrundlagen lösen sich auf, Menschen leiden und sterben – die Pandemie ist eine Katastrophe mit einem langen, vernichtenden Atem. Ist es zynisch, die Krise auch als Chance begreifen und ihr künstlerisch gar etwas abgewinnen zu wollen? Wir sprachen mit dem Berliner Theaterregisseur Jan Bosse über die falsche Bescheidenheit und den nötigen Aufbruch der Kulturszene, über pragmatische Lösungen beim „Spuckberuf“ des Bühnenschauspielers, über die symbolische und katalytische Kraft des Virus, über Betriebsroutinen und die neu erlebte Kostbarkeit des Theaters.  

Berliner Zeitung: Herr Bosse, wir alle haben irgendwann die ersten Nachrichten über das Virus mitbekommen und kaum wurde einem klar, dass das etwas Ernstes ist, war auch schon der Lockdown da. Wie war das bei Ihnen?

Jan Bosse: In den ersten Wochen habe ich es fast genossen. Auch wenn das von Anfang an auch mit einem Schamgefühl einherging. Dennoch hat man viele Leute getroffen, die das auch so erlebten. Ich bin nicht fest angestellt, sondern Freelancer, aber gut etabliert. Und meine Projekte sollten ja alle stattfinden. Deswegen hatte ich erst einmal nicht den riesigen Geldverlust. Ich habe es meiner privilegierten Situation zu verdanken, aber es löste ein geradezu euphorisches Gefühl aus, dass dieses Hamsterrad des Theaters, aber auch das der Gesellschaft einfach mal anhielt. Was für ein Glück: Berlin fast ohne Autos, der Himmel frei von Flugzeugen, die Flüsse wieder sauberer, Tiere, die in die Stadt zurückkehrten, und so weiter. All der Fatalismus, dass man ja doch nichts Entscheidendes ändern könne, auch wenn die Klimakrise noch so evident ist, war auf einmal widerlegt. Klar, das ist eine blauäugige Sicht. Denn zugleich starben die Leute – zum Beispiel in Norditialien …

Und wann vermissten Sie den Schwung des Hamsterrads?

Es war schon seltsam, dass so wenig passierte, als wir unsere Arbeit niederlegen mussten. In den Reden der Politiker spielte die Kultur erst einmal keine Rolle. Da hat man gemerkt, dass andere Sachen wichtiger sind. Und wer wollte das auch bestreiten? Es kam dieses kalte Wort „systemrelevant“ auf, und dieses Attribut wurde dann schnell gekapert von Leuten, die über mehr Geld verfügen und ihre Interessen rücksichtsloser verfolgen.

Haben Sie an sich selber gezweifelt?

Ich mache den Beruf seit über zwanzig Jahren. Und dann kommt so eine Zwangspause. Was wäre gewesen, wenn man als Theatermacher merkt, dass man das Theater selbst eigentlich gar nicht so vermisst? Und wie wird es dann erst dem Publikum ergehen? Es war ja schon vor Corona immer die Rede davon, dass das Theater an Bedeutung verliert.

Ist das nicht in jedem Sommer so, dass einem das Theater erst einmal gestohlen bleiben kann?

Und man war sich nie sicher, ob bis Mitte September die Lust wieder da ist ... Aber das ist ja kein ernster Überdruss, sondern menschliche Trägheit. Das kann man sich nur leisten, wenn man weiß, dass die nächsten Produktionen kommen. Und zum Glück ist es ja in meinem Fall so, dass sie kommen. Wenn auch etwas später.

Noch ein Vorteil: Da hat man mehr Zeit, um sich vorzubereiten.

Ja, man kriegt Zeit geschenkt, so kann man es auch sehen. Und nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ich habe die Zeit mit meiner Frau und meinen Teenager-Töchtern sehr genossen. Das hätte ich ohne Corona so intensiv mit ihnen nicht erlebt. Das wird auch jeder anders sehen, vor allem, wenn die Kinder kleiner sind, oder wenn die finanziellen Einbußen existenziell sind. Wie gesagt, ich bin mir meiner Privilegien bewusst. Ich weiß, wie falsch es sich anhört, wenn einer das Leben genießt in dieser Horrorkrise.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Theater- und Opernregisseur

Jan Bosse, geboren 1969 in Stuttgart, studierte in Erlangen Theaterwissenschaft und an der Berliner Ernst-Busch-Schule Regie. Nach Assistenzen für Manfred Karge und Robert Wilson holte ihn Dieter Dorn 1998 an die Münchner Kammerspiele, wo er mit Marius von Mayenburgs „Feuergesicht“ als Regisseur debütierte. 2000 bis 2005 war er unter dem Intendanten Tom Stromberg Hausregisseur am Hamburger Schauspielhaus.

Seitdem arbeitet er frei, inszenierte in Berlin am Gorki-Theater, am Deutschen Theater, an der Deutschen Oper und an vielen großen Bühnen im deutschsprachigen Raum. Bosse lebt mit seiner Frau, der Kostümbildnerin Kathrin Plath, und zwei Töchtern in Berlin.

Sie sind jetzt fünfzig, da justiert man gern einmal die Work-Life-Balance ein bisschen nach, zumal die Sommer gefühlt immer kürzer werden.

Trotzdem bekam ich irgendwann auch wieder Hummeln im Hintern, aber nicht, weil ich so ein Workaholic bin, sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich die Kunst vermisse. Wie dringend notwendig es ist, sich gerade in dieser Krise mit ihr zu beschäftigen. Was haben wir denn sonst für einen Weg, das, was wir hier erleben, seelisch zu verarbeiten oder überhaupt erst einmal zu erkennen und zu verstehen. Das ist die Aufgabe von Theater. Ich fühle mich da richtig aufgerufen. Wir müssen da ran!

Und zugleich müssen Sie sich bremsen.

Ich habe eine gewisse Passivität bei einigen Intendanten bemerkt. Klar, die tragen auch viel Verantwortung – für die Kosten und für die Gesundheit der Mitarbeiterschaft. Aber diese Angst, etwas falsch zu machen, hat dazu geführt – auch bei mir – dass man sich fast freiwillig hinten angestellt hat. Lieber erst einmal warten, was die Behörden für Dienstanweisungen und Regelungen ausgeben. Dass die von Experten beraten werden, die selbst nicht wissen können, was richtig und was falsch ist, macht es mit dem Handlungsmut nicht besser.

Theater ist mir fast noch kostbarer geworden.

Jan Bosse

Aber Sie haben dann gehandelt?

Ja. Ich habe dann Entscheidungen gefällt, zusammen mit meinen Theatern. Das tat gut, aktiv zu werden. Ich hatte drei Projekte in der Pipeline, in drei verschiedenen Städten, und die haben alle unterschiedlich reagiert. Es tat gut, da nach vorn zu gehen und zu sagen: Wir wollen produzieren, wir wollen proben, her mit den Auflagen! Die waren mir fast ein bisschen wurscht.

Sie müssen schließlich das Budget nicht verwalten.

Ja, ich weiß. Aber das war ja auch gerade der befreiende Gedanke: Mir als Regisseur darf es für die Ausübung meiner Kunst schnuppe sein, wie viele Leute welche Ticketpreise bezahlen. Ich kann auch draußen Theater machen, ich kann Spaziergänge inszenieren, ich kann für einen einzigen Zuschauer Theater machen, diese Formate gibt es ja alle, die freie Szene macht uns das seit Jahrzehnten vor. Also: Mir egal, unter welchen Bedingungen ich arbeite. Wenn ich etwas zu erzählen habe, muss ich es erzählen. Theater ist mir fast noch kostbarer geworden. Wie es so ist mit Dingen, auf die man plötzlich verzichten soll. Ich bin ja auch drin in der Betriebsroutine mit ungefähr drei Produktionen pro Jahr. Es ist eigentlich unglaublich, dass das so ungefragt und selbstverständlich vor sich hin tuckert oder eben rast. Und jetzt, da es nach den Unterbrechungen wieder langsam losgeht, macht es fast mehr Spaß als vorher. Ich glaube auch, dass im September erst einmal die ins Theater drängen, die es wirklich vermissen. Auf dieses Publikum freue ich mich.

Und die Schauspieler?

Die sind nach zwei, drei Monaten Bühnen- und Publikumsabstinenz schon echt ausgehungert. Das war sehr lustig nach den ersten Verklemmungen, die die Auflagen mit sich brachten, die Masken und die Abstandsregeln und so weiter. Als die akzeptiert waren und sich alle sicher fühlten, hatten die unglaubliche Freude wieder zu spielen. Das ist deren täglich Brot.

Hat es lange gedauert, bis sich alle sicher fühlten?

Sagen wir mal so. Es gab halt in der ganzen Gesellschaft auch welche, die es sich ein bisschen bequem gemacht haben. Ich habe einen deutlichen Unterschied gemerkt zwischen Freiberuflern und manchen Festangestellten, die bei Kurzarbeit fast 90 Prozent ihres Gehalts bekommen haben. Also ohne etwas tun zu müssen. Die haben dann doch ziemlich schnell, kritiklos und penibel die Auflagen interpretiert. Nicht aus Faulheit, sondern aus Ängstlichkeit.

Eine Ängstlichkeit, die man sich leisten können muss ...

Ich will das nicht werten. Man kann niemanden für seine Angst kritisieren, die muss man akzeptieren. Aber man muss schon genau hinschauen, wie und von wem die Pandemie und der Lockdown für seine Interessen instrumentalisiert werden. Ich kann als Regisseur niemandem diktieren, wie er die Gefahr einzuschätzen hat. Und das war sogar ganz schön in den ersten Proben, als man auf einmal so achtsam miteinander umging und sich jeder getraut hat zu sagen, wenn er sich unwohl fühlt, und dass das dann galt.

Wie haben sich denn konkret die Pläne geändert?

Für Köln hatte ich eine große „Falstaff“-Produktion geplant. Shakespeare in einer Volkstheaterkonzeption mit einer Raumbühne, in der auch die Zuschauer an Biertischen gesessen hätten. Es sollte wie ein Fest sein, es gibt schon das Bühnenbild und sogar einen Biersponsor. Die Schauspieler sollten quasi auf den Schößen der Zuschauer sitzen. Und das geht natürlich nicht, solange auch nur eine Abstandsregel eingehalten werden muss.

Und das ist nicht geplatzt?

Es ist um ein Jahr verschoben, in der Hoffnung, dass es dann möglich sein wird. Dafür bin ich dem Intendanten Stefan Bachmann sehr dankbar. Es wäre unmöglich gewesen, dieses Konzept zurechtzustutzen. Stattdessen machen wir jetzt dort „Warten auf Godot“.

Beckett passt immer.

Das stimmt wohl, aber es passt jetzt ganz besonders. Auch wenn es jetzt kein Virus-Stück ist. Es erwischt einen auf einer viel existenzielleren Ebene: Auf was warten wir eigentlich? Wer sind wir und wie leben wir eigentlich, wenn wir keine Vorstellung von der Zukunft haben. Das ist ein großes Thema, das das Virus verschärft und noch sichtbarer gemacht hat: Es gibt keine Utopie, wir starren nur hilflos auf das nahende Ende.

Kann man überhaupt am Virus vorbeierzählen?

Warum sollte man? Theater hat immer etwas mit der Gegenwart zu tun. Ich denke, dass diese große gemeinsame Erfahrung, die wir gerade machen, in unsere Erzählungen einfließt, damit werden wir spielen.

Wie soll man die Abstandsregeln justieren? Soundso viele Zentimeter pro Dezibel?

Jan Bosse

Sind Sie versucht, die Auflagen hier und da mal zu vergessen und zu unterlaufen?

Nun, Theaterschauspieler ist ein „Spuckberuf“, jeder hat die Aerosole, die das Rampenlicht so schön sichtbar macht, vor Augen. Ich habe für die nächsten beiden Produktionen einfach komplett auf körperliche Nähe verzichtet. Dadurch haben wir uns eine Menge Probleme und Absprachen mit irgendwelchen Corona-Beauftragten erspart. Kann sein, dass sich das bis Herbst noch einmal ändert, dann können wir darauf reagieren. Das ist ja auch das Schöne am Theater, dass es so schnell reagieren kann. Ich fände es frustrierend, wenn man jede einzelne Szene von irgendeinem künstlerisch ahnungslosen Experten abnehmen lassen müsste.

Ist das tatsächlich so eine Wissenschaft, dass man Experten benötigt?

Na ja ... Das mit dem Abstand ist so geregelt: anderthalb Meter bei normalem Sprechen, aber sechs Meter bei „erregtem oder exzessivem Sprechen“. Und letzteres soll ja vorkommen auf der Bühne. Aber wie soll man das justieren? Soundso viele Zentimeter pro Dezibel? Da sind wir lieber gleich auf volle Distanz gegangen. Vielleicht rede ich mir das auch alles schön. Und vielleicht haben gerade alle Regisseure dieselben Ideen, mit den Bedingungen umzugehen. Mit dem Ergebnis, dass alle Inszenierungen gleich aussehen. Aber das glaube ich nicht. Ich freue mich über jedes einzelne Mittel, das ich wieder in die Hand bekomme. Und jedes einzelne ist mir kostbar und wie neu, jedes einzelne gucke ich mir an und probiere herum, was man damit anfangen kann. Und auf den ersten Kuss freue ich mich. Den stelle ich mir schon sehr toll vor. Aber der zweite ist dann wahrscheinlich schon fast wie immer.

Theater wird bleiben?

Unbedingt. Theater ist systemrelevant. Und es ist stabiler als jedes System.