Der Schriftsteller Jan Koneffke, Jahrgang 1960, studierte Philosophie und Germanistik an der FU Berlin. 1995 bekam er ein Villa-Massimo-Stipendium und lebte bis 2003 in Rom. Seitdem wohnt er in Wien und Bukarest. Im August war er wieder zu Besuch in Berlin.

Im August kam der dritte Roman Ihrer Kannmacher-Trilogie heraus. Worum geht es da?

Jan Koneffke: Zunächst einmal: Der Name Koneffke kommt aus dem Polnischen, wo das Wort „konefka“ heute noch so viel wie „Gießkanne“ bedeutet. Ursprünglich verbarg sich darin die Berufsbezeichnung des Kannengießers. Ich habe das zu Kannmacher hin verschoben, um die fiktive Seite einer Familiengeschichte zu betonen, die ansonsten auf authentischem Material beruht. Mal ist mehr Authentisches im Spiel, wie in „Eine nie vergessene Geschichte“, mal weniger, wie in „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“, denn dieser Onkel ist um 1933/34 verschollen und ich habe ihm mit dem Roman, der hauptsächlich in Rumänien spielt, eine weitere Biografie geschenkt. Alle drei Romane sind unabhängig voneinander lesbar, hängen aber trotzdem zusammen. Sie ergeben einen Kosmos sowohl individueller Lebens- als auch gesellschaftlicher und politischer Zeitgeschichte. Alles beginnt Ende des 19. und endet Anfang des 21. Jahrhunderts, die Geschichte bewegt sich durch Polen, Rumänien und Deutschland.

Es ist eine Art deutscher Heimatroman, noch im letzten Buch geht es um die Vertreibung aus Pommern.

Ja, bei „Ein Sonntagskind“ handelt es sich um ein westdeutsches Nachkriegspanorama, von 1944 über das Kriegsende bis 1989 und in die Gegenwart. Die DDR kommt eher am Rande vor.

Dafür aber gleich heftig mit einer Stasiverwicklung des zweischneidigen Helden Konrad Kannmacher.

Daran kann man erkennen, wie die Geschichte instrumentalisiert wurde, in diesem Fall von der Stasi, die Konrad mit seiner verdrängten Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg erpresst.

In der er sich als siebzehnjähriger Soldat mit patriotischer Grausamkeit das Eiserne Kreuz Erster Klasse verdient hat …

Er schämt sich für seine Taten, fühlt sich schuldig am einsamen Tod seines Kameraden Hartmut, von dessen Bruder er später an die Stasi vermittelt wird. Dieser Bruder wiederum will sich nach dem Ende der DDR an rein gar nichts erinnern, womit eine neue Verdrängung einsetzt.

Abgesehen von den „Sieben Leben“, dem freiesten, fantastischsten und orientalischsten Buch der Trilogie, die einen Luftikus zum Helden hat, dem man keine Schuld vorwerfen kann … ist dieses Schuldgefühl etwas, das uns Deutsche charakterisiert?

Es ging mir darum zu zeigen, dass dieses Schuldgefühl auch konstitutiv wird für die Demokratisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es gibt ja nicht nur die 68er, sondern auch jene, die mit 17 in den Krieg mussten und 1968 moralische Vorzeigefiguren, intellektuelle Mentoren waren. Der Roman spielt an der Stelle in Frankfurt am Main, wo die kritische Theorie um Adorno ihre Ursprünge hat. Ohne offen zu reflektieren, dass ihr Engagement auch mit ihrem Schuldempfinden zusammenhängt.

Diente das Linkssein als Traumakompensation?

Die Theorien bieten Schutz. Bei Konrad Kannmacher ist es die marxistisch gewendete Kantische Ethik. Die allgemeinen Philosopheme verleihen eben auch die Möglichkeit, besondere Erfahrungen zu verbergen.

Vom Urgroßvater an sind das alles Kantianer. Wieso Kant?

Der kategorische Imperativ ist in seinem Abstraktheitsgrad besonders anziehend – allgemein gültig, aber auch fern von der Einzelerfahrung. Mehr als das: Schon der Begriff des Imperativs klingt ja doch verdächtig nach Befehl. Eben nach Preußentum und Protestantismus. Dabei bräuchte das, was einer moralischen Einsicht folgen müsste, doch gerade keinen Befehl. Konrad ist schon als Kind zwiegespalten, zwischen Großvater und Eltern, die den Nationalsozialismus ablehnen, Pazifisten sind, und der Tante, den Nachbarn, den nationalsozialistischen Organisationen, die ihn indoktrinieren. Er weiß nicht, zu wem er halten soll. Bis er dann von den soldatischen Werten mitgerissen wird. Gleichzeitig verträgt sich die Begeisterung für den Imperativ ganz gut mit der Unterwerfung unter den soldatischen Eid. Nach dem Krieg muss er das wieder auseinanderklamüsern. Weil er sich der eigenen Geschichte nicht stellen kann, macht er das auf der abstrakten Ebene, indem er eine Doktorarbeit schreibt über die „Antinomie zwischen Freiheit und Pflicht zur moralischen Handlung“.

Kants Imperativ und der Eid auf den Führer?

Nun ja, mich wundert es nicht, dass Kants Ethik so deutsch ist. Preußentum und Protestantismus, im Guten wie im Schlechten. Beim Arbeitsethos, das auch das Handwerk des Tötens meinen kann, wie bei Scham- und Schuldgefühl.

Im Roman tauchen aber auch Teufel und verführerische Wassernixen auf, Mondraketen und das „Dings an sich“.

Ja, in einer der in die Romanhandlung eingestreuten Geschichten des pubertierenden Konrad fällt er gewissermaßen vom Baum der Erkenntnis und entdeckt das „Ding an sich“. Das erklärt er dem Großvater, dann Adolf Hitler, der das als „Dings an sich“ missversteht. Damit verändert Konrad den Lauf der Weltgeschichte zum Guten. Das sind die Abenteuervorstellungen eines unschuldigen Jungen, der noch keine feste Identität hat, noch nicht zugerichtet wurde, und sich ein anderes Leben erträumt.

Oder sieben, wie sein Onkel Felix, der Pianist aus dem Schelmenroman, dem zweiten Teil der Trilogie, der der grausigen Nazischnepfe Alma gerade noch entkommen ist? Und der möglicherweise der heimliche Erzeuger von Konrad sein könnte?

Felix lebt sieben Leben, weil er sieben Tode stirbt. Es geht immer nur dann schelmisch zu, wenn er seine Geschichten erfindet, um am Leben zu bleiben. Das Leben und die Welt kontrafaktisch erzählen, um nicht gänzlich zu verzweifeln. Das verleiht dem Roman bei aller Schwere eine leichtere Seite. Auch in „Ein Sonntagskind“, wo die Abenteuergeschichten Konrads aus seiner frühen Jugendzeit den komischen und umso schmerzhafteren Kontrapunkt zu seiner tatsächlichen Lebensgeschichte bilden.

Ganz schön verzwickt. Die Figuren in „Ein Sonntagskind“ sind alle miteinander verwickelt und verwoben in einem Schuld- und Schamverhältnis. Wieviel davon ist eigenes Familientrauma?

Sehr viel. Die Erfahrung, die man als Kind in einer Familie macht, die sich im permanenten Prozess des Zerfalls befindet, hat ihre psychischen Auswirkungen, doch dauert es lange, bis man die Ursachen dieser Störung erkennt. Dieses Buch war für mich auch eine persönliche Recherche. Konrads Seite als Wehrmachtssoldat hätte ich nicht beschreiben können, wären mir nicht die Briefe meines Vaters vom Dezember 1945 zugespielt worden. Da kommen Sätze vor wie: „Da habe ich den vorwitzigen Tommy vom Jeep geschossen.“ Diese nassforsche, zynische Schilderung war so unendlich weit entfernt von dem Menschen, meinem Vater, wie ich ihn kannte. Ich habe versucht, diese tiefen Lebens- und Vorstellungsbrüche zu erkennen. Wie kommt jemand damit zurecht? Was fügt er anderen und sich selbst mit seinem Schweigen zu? Man kann das zur Frage darüber verallgemeinern, auf welche Weise sich individuelle und kollektive Verdrängung in einer Gesellschaft und ihrer Entwicklung niederschlagen.

Das Gespräch führte Sabine Vogel.

Jan Koneffke liest an diesem Dienstag, 8. September, 20 Uhr, im Berliner Literaturhaus, Fasanenstraße 23.