Jana Simon ist Journalistin bei der Zeit. Sie ist die Enkelin von Christa und Gerhard Wolf. Sie hat sechs lange Gespräche mit ihren Großeltern geführt und sie jetzt veröffentlicht: 283 Seiten. Sie tat es, weil sie fand, dass ihre Kinder einmal wissen sollten, wer ihre Urgroßeltern waren, was sie dachten und wie sie auf ihr Leben sahen. Das Buch hat den Titel „Sei dennoch unverzagt“, der Anfang eines Gedichtes von Paul Fleming (1609-1640). Das geht so weiter: „gib dennoch unverloren,/ weich keinem Glücke nicht, steh‘ höher als der Neid,/ vergnüge dich an dir und acht‘ es für kein Leid,/ hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.“ Ich habe Jana Simons Buch nicht gelesen. Ich habe es in einer Nach verschlungen. Es ist ein Geschichtsbuch. Es sind die letzten fünfzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Ende der Nazijahre, die ersten Jahre der DDR bis zum Ende der DDR, gesehen durch die Augen von Christa und Gerhard Wolf, aufgeschrieben von einer skeptischen Zuhörerin. Jana Simon versteht sehr vieles von dem, das die beiden taten und dachten, nicht. Das ist gut, denn sie fragt nach. Sie liebt sie. Das gibt den beiden die Möglichkeit sich zu öffnen. Sie müssen sich nicht verteidigen. Darum tun sie es umso besser.

Warum sind sie so lange geblieben? Man versteht es nicht. Schon 1950 zeigte die Partei Christa und Gerhard, was sie von ihnen hielt: Das war bei der Wahl zur ersten Volkskammer der DDR. Christa und Gerhard Wolf waren Wahlhelfer. Sie gingen in Jena von Tür zu Tür und versuchten auch die Kritiker davon zu überzeugen wählen zu gehen: „Als wir dann selbst ins Wahllokal kamen, suchten wir nach der Wahlkabine, es gab aber keine, nicht mal pro forma. Wir waren völlig irritiert.“ Sagt Christa Wolf. Gerhard Wolf fügt hinzu: „Die Menschen sollten eingeschüchtert werden, dass sie nicht das falsche Kreuzchen setzten.“ Christa Wolf: „Man sagte uns dort. Na Sie sind doch sicher für die Kandidaten der Nationalen Front, dann brauchen Sie den Zettel nur zusammenfalten und reinstecken. Wir sind danach in die Berge spazieren gegangen und haben uns den ganzen Nachmittag gefragt: Soll es das nun sein? Die haben uns doch betrogen, wir haben uns doch als Wahlhelfer für demokratische Wahlen beworben. Das war uns nicht gesagt worden. Das war der erste Punkt, an dem wir merkten: Mensch, da stimmt was nicht!“ In seinem 1962 erschienenen Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen beschreibt Thomas S. Kuhn, dass zum Beispiel nicht mehr die Erde sondern die Sonne als das Zentrum der Welt zu sehen, selbst unter Astronomen kaum etwas mit Berechnungen und überprüfbaren Fakten zu tun hatte, sondern dass es einer das Weltbild verändernden Revolution bedurfte, um die Fakten nicht länger mit raffinierten Hilfskonstruktionen in den alten Weltenbau zu stopfen. „Sei dennoch unverzagt“ zeigt wie schwierig der Ausbruch aus einem Weltbild ist. Vor allem, wenn es das ist, zu dessen Gunsten man ein früheres abgeworfen hatte. Man verteidigt es nicht nur gegen seine Feinde, sondern auch gegen die, die es usurpiert haben und sich als seine energischsten Verteidiger ausgeben.

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