Berlin - Das Songwriter-Genre hat wahrlich einige der sonderbarsten Gestalten der Popmusik hervorgebracht. Rauschbärtige Eremiten, hängengebliebene Psychedeliker und autistische Idiosynkraten. Doch selbst in dieser verschrobenen Gesellschaft gilt der Künstler namens Jandek als Solitär. Niemand kennt mit letzter Sicherheit seinen richtigen Namen, lange existierten lediglich ein paar Schnappschüsse von ihm.

Dabei ist Jandek für das wohl umfangreichste Gesamtwerk der jüngeren Musikgeschichte verantwortlich. Über sechzig Alben hat er seit Ende der Siebziger Jahre auf seinem Label Corwood Industries veröffentlicht: schroffe, sperrige und in prächtig schimmernder Hoffnungslosigkeit getränkte Blues- und Folk-Kleinode mit einer Tendenz zum verrauschten Missklang; die dazu gehörige Geisterstimme schien direkt aus dem Jenseits herüberzukriechen.

Es kam also einer kleinen Sensation gleich, als das Phantom Jandek am vergangenen Dienstag in Berlin eines seiner überaus seltenen Konzerte zum Besten gab. Knapp zweihundert Kultisten waren ins HAU gepilgert, um einen Blick auf den heimlichen Übervater aller popmusikalischen Hauntologen zu erhaschen. Irgendwann stand er einfach auf der Bühne: hochgewachsen, den schlaksigen Körper in einem schwarzen, Amish-ähnlichen Outfit gewandet, der unter modernen Freak-Folkisten obligate Vollbart lugte unter einer gewaltigen Hutkrempe hervor.

Eigene Vorstellung von Folk und Blues

Unser Mann in Schwarz. Aber wer sich angesichts der Besetzung von Kontrabass, Cello, Schlagzeug und Piano auf einen beschaulichen Abend mit traditionellem amerikanischen Liedgut eingestellt hatte, wurde eines Besseren belehrt. Lieder im klassischen Sinne hatte Jandek nicht im Repertoir. Stattdessen erzeugten er und seine zwei Mitmusiker über zwei Stunden ein mal mehr, mal weniger dichtes Free Folk-Mantra, das die weniger hart gesottenen Fans bald wieder ins Foyer trieb.

Wer weiter ausharrte, erlebte den schlagenden Gegenbeweis für den weit verbreiteten Irrtum, dass Outsider-Kunst eine Form von Primitivismus sei. Primitiv ist an Jandeks Musik gar nichts, sie folgt vielmehr einer sehr eigenen Vorstellung von Folk und Blues, die der Avant Hillbilly-Idee des amerikanischen Fluxus-Künstlers und Musikers Henry Flynt ähnelt. Thematisch ist Jandek in der Tradition amerikanischer Volksmusik verankert, seine assoziativen Texte handeln von Tod, Liebe, Religion. Musikalisch haben diese Bezüge am ehesten Spuren in den rückgekoppelten Blues-Schlieren hinterlassen, mit denen Jandek auf seiner E-Gitarre der manchmal etwas knödeligen Free Jazz/Drone-Entropie seiner Mitstreiter im richtigen Moment den nötigen Nachdruck verleiht.

Man muss sich Jandek als einen glücklichen Menschen vorstellen. Gemäß der These Ornette Colemans, dass in der schlichtesten Volksseele der wildeste Avantgardegeist schlummert, gelingt ihm durch den Tunnelblick auf die eigene Privatmythologie eine Öffnung der musikalischen Formen. Logische Konsequenz dieser Eigenwilligkeit ist, dass ein Jandek keine Zugaben spielt. Der Mann geht, wie er gekommen ist. Wortlos.