Die Kindheit, sagt Miss Philemon, ist „eine schreckliche Zeit“. Das merke man schon daran, dass ständig irgendwo ein Kind weint, „auf der Straße oder im Bus oder irgendwo, wenn man einfach mal hinhört“. Wenn Miss Philemon das sagt, muss was dran sein, denn die alte Lehrerin, eine dieser typischen unvergesslichen Nebenfiguren, wie wir sie schon aus anderen Büchern von Jane Gardam kennen, ist blitzklug. Es wundert nicht, dass Jessica ihr vertraut. Obwohl die schrullige Dame ein Bild mit halb nackten Frauen über dem Ofen hängen hat und trotz magerer Kriegszeiten ständig Butterkekse isst.

Jessica Vye weint nicht oft. Sie ist das „Kind mit den wilden Augen“. So nennt ein Pfarrer die Ich-Erzählerin des Romans „Weit weg von Verona“, auf einem Kinderfest im feinen Hause Fanshawe-Smith. Sie hat sich gewehrt gegen die Einladung, doch die Mutter bestand darauf, dass sie hingeht, im viel zu kleinen Samtkleid, zu diesen Leuten, deren Töchter „bonfortionös“ sagen und Jessica blöd finden.

Sie übersteht den Besuch ohne Tränen, mit Kraft und Trotz. Dass sie die Gastgeber später nur noch abgekürzt nennt, also F.-N., liest sich wie einer der hübschen kleinen Seitenhiebe, wie sie Gardam gerne einbaut in Richtung der strampelnden, um ihren unaufhaltsamen Abstieg wissenden britischen Upperclass.

Gedanken lesen ja, lügen nein

In der jugendlichen Jessica – zu Beginn des Romans ist sie zwölf, am Ende 14 Jahre alt – hat sie sich für dieses Sujet ein perfektes Sprachrohr geschaffen. „Versprichst du mir, dass du versuchen wirst, dich wie eine echte Lady zu verhalten?“, fragt die Schuldirektorin sie einmal durchaus gutmütig nach langer Unterredung. „Es tut mir sehr leid, aber ich fürchte, das kann ich nicht“, antwortet Jessica.

Sie kann zwar Gedanken lesen, Gedichte schreiben und sich selbst zum Lachen bringen, aber lügen und so-tun-als-ob? Nein. Lady-Sein? Allenfalls ein Spiel. Der Five-o’Clock-Tea, den Jessica und ihre Freundinnen zur Feier des Schuljahresendes in einem glanzlos gewordenen Lokal einnehmen wollen, gerät zur Farce – über die sich die Mädchen köstlich amüsieren, und mit ihnen der Leser. Der Leser, der komplett vergisst, warum es kaum mehr Kuchen gibt.

Wie in der Old-Filth-Trilogie, mit der Jane Gardam, die im Juli ihren 90. Geburtstag feierte, in Deutschland spät und heftig populär wurde, ist der Krieg meist nur als ferner Kanonendonner zu lesen. Und wie das Leben des Richters Edward Feathers und seiner Frau Elisabeth liest sich „Letztes Jahr in Verona“ fast immer funkelnd und leicht. Das liegt an der liebevoll-spöttischen, doch nie verächtlichen Sprachdistanz der Autorin, erneut von Isabel Bogdan perlend und stilsicher ins Deutsche übersetzt. Was für ein Gespann.

Selten nur, unerwartet bricht der Krieg mal herein in die Handlung: „,Lauft! (...) Rennt, Kinder, los!‘ (...) Dann übernahm die Flak (...) und die Welt versank in gelbem Staub.“ Sätze mitten hinein in Jessicas erstes Date mit dem schönen Christian. Gardam’sche Schleudersitz-Sätze, mit der sie einen hinterrücks nicht nur an die Zerbrechlichkeit großer Reiche wie dem British Empire, sondern letztlich alles Menschlichen erinnert.

Und so würde man auch Jessica nicht gerecht, betrachtete man sie ausschließlich als stolze Einzelgängerin. Als die Lehrerin sie bittet, einen Aufsatz wegzuwerfen, weil sie sich später dafür schämen würde, weint Jessica. Verzweifelt? Vieles schwingt mit, Schmerz, Unverstandensein, aber auch die wütende Weigerung, sich dem auszuliefern. Hält doch die Welt so viel Schönes bereit. Nicht zuletzt Bücher!

So viel Brontës, noch mehr Dickens

Nachdem die Schule ausgebombt wurde, vertreibt sich Jessica die Zeit damit, sich alphabetisch durch die englischen Klassiker zu lesen. „Es gibt jede Menge A und B und D, das geht weiter bis ungefähr H (...) Es ist ein bisschen deprimierend, man hat das Gefühl, man kommt gar nicht voran, wenn man nach einem Monat erst bei den Brontës ist und dann sieht, wie viel Dickens da auf einen zukommt.“

Sie ist, neben ihrem großen, manchmal altklugen Ernst, ungeheuer witzig, diese Jessica – ein Nebeneinander, über das man nicht müde wird nachzudenken. Lächelnd, weil froh, sie zu kennen. Endlich – der Roman ist Gardams Debüt, 40 war sie, als sie ihn begann, das dritte Kind gerade eingeschult. 25 Bücher hat sie danach noch geschrieben.

Bis 2019, wenn das nächste auf Deutsch erscheint, müssen wir uns mit dem Nachdenken über Jessica begnügen. Es gibt Schlimmeres. Die Kindheit mag mitunter eine schreckliche Zeit sein. Aber mit Humor, Eigensinn und der richtigen Lektüre kommt man gut durch. Die weise Miss Philemon weiß das von Anfang an.