Sie wurde in Dänemark geboren und lebt in New York. Sie hat bei der EU und der UNO als Konfliktberaterin gearbeitet und wurde dann Schriftstellerin. Ein Jugendbuch, das existenzielle Fragen stellt, machte sie international bekannt: „Nichts – was im Leben wichtig ist“. Es ist typisch für sie, solche Fragen zu stellen. Doch Janne Teller gehört zu denen, die auch Antworten geben können.

Ihr Buch „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ ist gerade in einer Neuauflage erschienen. Es geht darin um die Flüchtlingsproblematik. Doch schon der Titel klingt aktuell. Haben Sie Angst, wenn Sie an den Konflikt um die Krim denken?

Ja. Es sieht nicht gut aus. Selbst wenn sich die Lage auf der Krim beruhigt, scheint es so, als würde Putin schon in andere Richtungen blicken, um Russland zu erweitern. Also nicht nur auf die Ukraine, sondern vielleicht sogar zum Baltikum. Die internationale Gemeinschaft muss sehr klar sagen, dass die Unabhängigkeit jeder Nation verteidigt wird. Im Falle einer russischen Invasion wäre eine deutliche Antwort notwendig.

Die Verschärfung des Tons zwischen Russland und den USA, dem Westen allgemein, erinnert an den Kalten Krieg. Lässt sich die Spirale stoppen?

Ich habe noch immer die Hoffnung, dass in unserer voneinander abhängigen Welt die ökonomischen Druckmittel so stark sind, dass ein Einmarsch oder eine Besetzung für Russland zu teuer und damit sinnlos würde. Mit weiteren und weiter gehenden Sanktionen – gegen russische Banken, den Finanzsektor wie auch gegen die Oligarchen – kann hoffentlich ein militärischer Konflikt verhindert werden.

Ein anderes Buch von Ihnen, „Alles – worum es geht“ wurde gerade für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Was bedeutet es Ihnen, dass es nicht die Experten- sondern die Jugendjury war, die es auswählte?

Da es ja um ein Jugendbuch geht, glaube ich, dass die Jugendlichen am besten wissen müssten, was sie und ihresgleichen erreicht. Ich freue mich, weil es dadurch nicht im Verdacht steht, pädagogische Ideen zu verbreiten.

Schreiben Sie weiter für junge Leser?

Eigentlich war ich immer eine Autorin für Erwachsene. Als meine eigentlichen, meine großen Werke sehe ich die Romane „Odins Insel“ und „Europa – Alles, was dir fehlt“; an beiden habe ich je vier bis fünf Jahre gearbeitet.

Und dann gibt es noch den schmaleren Roman „Komm“, der nach der Moral in der Kunst fragt.

Ja, „Komm“ ist mir sehr nahe. Für mich ist hier auf poetische Weise verdichtet, was ich in meinem Leben gelernt habe – aber nur in genau dieser Geschichte erzählen kann. Die Jugendbücher habe ich eigentlich nur zwischendurch geschrieben, um mal etwas anderes zu machen. Andere Autoren schreiben dann ein Schauspiel oder einen Krimi. Ich habe allerdings jetzt das Gefühl, irgendwie in einer Box gelandet zu sein…

In einem Schubfach, wie man auf Deutsch sagt?

Ja, und zwar vor allem in Deutschland! Hier bin ich erst durch die Jugendbücher bekannt geworden. In anderen Ländern ist das nicht so.

Ihre Jugendbücher sind allerdings so schwergewichtig, dass sie nicht wie dazwischen geschoben wirken.

Ich meine sie auch ernst, ich bin bei ihnen genauso perfektionistisch wie bei den Romanen. Sie umkreisen Fragen, die ich besser mit der radikal offenen jugendlichen Stimme ansprechen konnte. Aber das ist eben an diese Themen geknüpft. Nun habe ich erst einmal alles gesagt, was ich mit dieser Stimme sagen konnte. „Alles – worum es geht“ ist vermutlich auf längere Sicht mein letztes Jugendbuch.

Sie haben den NSA-Protest der mehr als 500 Schriftsteller mit initiiert und sind nun auch Mitglied des Stiftungsrates für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Hat Sie Ihr früheres Leben wieder eingeholt?

Ja, aber das freut mich sehr. Ich habe als Konfliktberaterin bei der UNO gearbeitet, in Krisenherden, an Friedensprojekten. Nachts habe ich geschrieben – das war mein eigener geheimer Garten. 1995 hörte ich bei der UNO auf, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Und obwohl auch meine fiktiven Geschichten die Existenz in der Gegenwart verhandelten, hatten mein literarisches Leben und die Politik nichts mehr miteinander zu tun. Wenn man in Europa oder überhaupt im Westen Literatur schreibt, ist Politik traditionellerweise fast ein Tabu. Erst mit meinen Essays fing ich wieder an, mich direkter mit der Politik zu beschäftigen. Durch „Schriftsteller für den Frieden“ und die Aktionen gegen die Massenüberwachung kommen die verschiedenen Seiten meines Lebens letztlich wieder zusammen. Das finde ich schön.

Ist es an der Zeit, dass Schriftsteller sich wieder mehr einmischen?

Ja. Das kapitalistische System ist Amok gelaufen. Die Ökonomie bietet uns keinen ethischen Leitfaden zum Handeln, die Welt ist auf keinem guten Weg. Die Politiker wissen nicht ausreichend, wie sie reagieren sollen – das Geld ist immer stärker.

Na ja, die Kirchen wollen vielleicht so etwas wie Leitfäden auslegen.

Aber die sind auch ideologisch bestimmt. Ich finde, dass es notwendig ist heutzutage, dass unabhängige Menschen, die über Leben und Tod und philosophische Fragen nachdenken, sich äußern. Wir brauchen einen Werte-Kompass. Der kommt aber nicht von den Politikern. Den können aber vielleicht die Schriftsteller finden.

Wie verständigen Sie sich mit den anderen Kollegen, haben Sie einen E-Mail-Verteiler der Engagierten?

Zum Teil ist es ganz zufällig entstanden. Bei der Aktion gegen Massenüberwachung ergab es sich, dass mich Ilija Trojanow ansprach, den ich kenne, dann kam einer zum anderen. Wir haben E-Mails geschrieben und uns erst im Dezember, als wir den Protest in Berlin übergaben, alle sieben zusammen gesehen.

Und wie läuft es bei „Schriftsteller für den Frieden“?

Das hat sich aus einer Begegnung mit Boualem Sansal und David Grossman ergeben. Sie hatten Ende 2012 den Straßburger Appell für einen Frieden im Nahen Osten initiiert. Ich wollte die Idee des Dialogs, der aus dieser Erklärung sprach, unbedingt unterstützen. Gegenwärtig bereiten wir ein Buch vor, das „Imagine Peace“ – etwa: „Frieden denken“ – heißen wird. Schriftsteller aus Konfliktgebieten schreiben dort, wie sie sich eine friedliche Lösung vorstellen. Solange man sich etwas vorstellen kann, lässt es sich auch erreichen. Und wir könnten damit eine Brücke zwischen Literatur und Politik bauen. Ich fühle mich selbst unmittelbar betroffen durch diese existenziellen Probleme. Aber auch einer, der Naturgedichte schreibt, beschäftigt sich mit Werten des Lebens und kommt nicht ohne eine Perspektive für die Gesellschaft aus.

In Deutschland könnte man an dieser Stelle an Brecht denken, wenn „ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“.

Ja genau. Es ist eine Frage der Perspektive: Wie sehe ich die Natur, wenn ich sie beschreibe? Eigentlich müssen wir doch heute die Zukunft – die unsichere Zukunft – der Natur, des Lebens überhaupt mitdenken. Das ist letztlich auch politisch. Ich habe so viele Katastrophen in der Welt gesehen, in Afrika und anderswo. Ich fühle eine Verantwortung. Ich kann nicht einfach nur schreiben.

Und wie konzentrieren Sie sich dann auf die literarische Arbeit?

Das ist schwierig. Ich reise zu viel. Normalerweise habe ich drei bis fünf Monate, in denen ich nicht reise. Jetzt geht es bis Ende Mai so weiter, dann werde ich nur in ein oder zwei Städten bleiben. Sonst bin ich zu erschöpft.

Welche zweite Stadt wird das neben New York sein?

Ich glaube: Berlin. Aber ich weiß nie, was das Leben bringt.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler