Im Jahr 1944 bringt eine Mutter ihre 13-jährigen Zwillinge aufs Land zur Großmutter. Sie erteilt den Jungen zwei Aufgaben: Immer zu lernen und unbedingt den Krieg zu überleben. Die Großmutter nennt die Kinder Hundesöhne und lässt sie für wenig Essen hart arbeiten. Die beiden stählen sich in Gefühlskälte. Ihre Erfahrungen in einer Zeit ohne Moral schreiben sie in „Das große Heft“. – Der ungarische Regisseur Janos Szász hat den gleichnamigen Roman von Ágota Kristóf verfilmt: als „Kriegsfilm ohne Krieg“. Christian Bergers („Das weiße Band“) Kamerabilder unterstützen die parabelhafte Strenge der Erzählung.

Herr Szász, warum hat Sie dieser Roman so interessiert?

„Das große Heft“ spricht meine Verantwortung als Vater unmittelbar an. Ich habe Kinder, zwei Jungen. Agota Kristofs Buch erzählt ja davon, wie das Verhalten der Erwachsenen die Kinder prägt. Mich beschäftigt, wann genau Kinder zu Erwachsenen werden und wie aus Kindern Barbaren werden können. Ich begann bereits vor vielen Jahren, vielleicht 15, mit dem Roman zu flirten. Schon Mitte der 1990er-Jahre haben wir uns um die Filmrechte bemüht. Das war noch vor meinem Film „The Witman Boys“ (1997), in dem es um vernachlässigte Heranwachsende geht. Aber die Rechte waren über Jahre vergeben. Dann wurden sie wieder frei. Drei Tage später saßen wir bei Ágota Kristóf zu Hause in Neuchâtel, in der Schweiz.

Die Zwillinge im Roman und Film tun eigentlich nur, was die Mutter ihnen gesagt hat: Lernen und versuchen zu überleben.

Genau. Eigentlich sind es gute Jungen. Aber sie lernen unter bestimmten Umständen zu überleben – nämlich im Krieg. Und das ist brutal. Aber ihre Moral ändert sich eigentlich nicht. Sie sehen beispielsweise, was die Haushälterin des Pfarrers den Juden antut und bestrafen sie dafür, sie legen ihr Granaten in den Ofen. Die Kinder haben ein ganz spezielles Urteil; sie wissen eigentlich, was richtig und falsch ist.

Wo haben Sie die beiden Kinderdarsteller, András und László Gyémánt , gefunden?

Wir haben alle Schulen in Ungarn angeschrieben, das hat drei oder vier Monate gedauert, allein um Antwort zu bekommen. Nach einem halben Jahr bekam ich ein Video von einer der Crews, die im südwestlichen Ungarn suchte. Da saßen die beiden Jungs auf der Sofakante, Schulter an Schulter. Ich wusste, das waren sie! Die Jungen stammen aus einem Dorf in einer sehr armen Region. Sie leben in schwierigen Verhältnissen, harte Arbeit gehört zu ihrem Alltag. Was ein schweres Leben ist, wussten sie besser als ich. Die erwachsenen Profi-Schauspieler wie Ulrich Matthes und Piroska Molnar lernten von diesen Kindern etwas, das ich „trockenes Spiel“ nenne – nämlich sehr schlicht zu bleiben in der Darstellung.

Ágota Kristófs Roman handelt von keinem bestimmten Krieg und spielt in einem nicht näher bezeichnetem Land. Sie haben die Handlung nach Ungarn verlegt, in den Zweiten Weltkrieg. Warum?

Weil dies das einzig Richtige war. Es ging gar nicht anders. Als ich Ágota Kristóf näher kennen lernte, fragte ich sie: Das alles in „Das große Heft“ ist doch dein Leben, oder Ágota? Und sie sagte: Ja, das ist meine Geschichte. Ich erwiderte: Dann lass uns mit diesem Film zurückgehen zu deinen Leben. Sie war sofort einverstanden.

Aber diese genaue Ansiedlung der Handlung wirft sensible Themen auf, etwa die Rolle der Pfeilkreuzler, der ungarischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg.

Nicht nur im Zweiten Weltkrieg. Die ungarischen Faschisten sind sehr lebendig und präsent.

Wie reagierte man in Ungarn auf diese Themen in Ihrem Film?

Die ungarischen Faschisten gehen nicht ins Kino. Jedenfalls nicht in meinen Film. Und komme ich aus einem Land, das sich nie mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Es gab genau zwei Monate in der Geschichte, in denen Ungarn sehr gut organisiert war – das war, als die ungarischen Juden und Zigeuner in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die Deutschen mussten keinen Finger rühren. Die Ungarn erledigten alles für sie.

Dabei war die Kollaboration bei der Deportation der ungarischen Juden zu diesem Zeitpunkt, 1944, überhaupt nicht erforderlich – die Deutschen hatten den Krieg schon so gut wie verloren. Aber die Ungarn erledigten das. Ich weiß darüber Bescheid. Ich habe eine Dokumentation über die Shoa in Ungarn gedreht. Ich bin selbst sehr, sehr jüdisch. Mein Vater war im KZ Dachau interniert, hat aber überlebt.

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Wie haben denn die ungarischen Zuschauer auf Ihren Film reagiert?

Ganz anders als die Deutschen. Die Deutschen reflektieren über die Geschichte, Philosophie, Moral im Film. Die ungarischen Zuschauer haben nicht diese politische Sicht. Sie bemängelten, dass in „Das große Heft“ ja nur so wenig Gewalt zu sehen sei, weniger als im Roman beschrieben.

Es war ihnen zu wenig explizite Gewalt? Das haut mich jetzt um. Dass die Gewalt nur in den Erfahrungen der Kinder gespiegelt ist, macht den Film gerade so stark und glaubhaft!

Deswegen habe ich es so inszeniert. Aber selbst viele ungarische Journalisten hassten meinen Film und schrieben: Aber wo ist die Gewalt? Können Sie sich vorstellen, wie seltsam es für mich sein muss, in einem solchen Land zu leben?

Tatsächlich kommen immer wieder verstörende Nachrichten aus Ungarn. Hatten Sie Schwierigkeiten, diesen Film zu machen?

Nein. Denn glücklicherweise ist das eine große französisch-österreichisch-deutsch-ungarische Koproduktion. Ich bin sehr glücklich über Europa! Wir drehten die Szenen in der Stadt und auf dem Hof der Oma in Ungarn, den Rest in Deutschland. Der ungarische Film ist derzeit so gut wie tot. Wir hatten ein sehr substanzielles Filmfördersystem. Doch die derzeitige ungarische Regierung hat alles geändert: die Kriterien der Förderung, der Akzeptanz eines Films; natürlich wurden die Funktionäre ausgetauscht.

Es fand praktisch ein Elitenaustausch statt. Aber das System verfügt gleichzeitig über mehr Geld denn je! Es werden viele ungarische Filme gemacht. Aber während der vergangenen drei Jahre hat das ungarische Publikum irgendwie das Interesse an ungarischen Filmen verloren. Ich hoffe, das ändert sich wieder, sonst muss ich Ungarn verlassen. – Inzwischen sind die Theater zur Bühne für politische Themen geworden – dort wird gewissermaßen zurückgeschlagen. Das Theater übernimmt in Ungarn mehr und mehr die Rolle des Films.

Sie erwähnten, dass Sie Jude sind. Antisemitismus ist ein Problem in Ungarn. Wie kommen Sie zurecht?

Ich habe Angst. Es gibt Anschläge; neulich wurde ein 89-jähriger Rabbi auf der Straße zusammengeschlagen. Die rechten Garden Ungarns marschieren öffentlich in den Uniformen von vor 1945 auf, und niemand hindert sie daran! Das ist eine Schande. Die ungarischen Rechten heute tragen die gleichen Uniformen wie die Leute, von denen mein Vater damals abgeholt wurde. Hooligans singen in den Fußballstadien „Juden, nehmt den Zug nach Auschwitz“, und niemand hindert sie. Und diese neuen ungarischen Faschisten vernetzen sich immer besser, etwa mit den rumänischen. Vielleicht sollte ich an Auswanderung denken.

Hat Ihr Vater Ihnen von seinen Erfahrungen im KZ erzählt?

Er sprach nie darüber. Ich erfuhr das alles erst nach seinem Tod von meinem Großvater. Am Tag der Beerdigung. Vielleicht wollte mein Vater nicht als Opfer dastehen. Ich engagiere mich in Budapest für ein Holocaust-Memorial für die ermordeten ungarisch-jüdischen Kinder. Da kommt das Geld übrigens von der Regierung! Und dieses Museum wird es noch geben, wenn andere Regierungen kommen und gehen.

Das Gespräch führte Anke Westphal.