Berlin - Wem soll man nun glauben, dem eigenen Auge oder dem Geigerzähler? Und wenn dem Geigerzähler: welchem? Dem des Kontrolleurs von der Regionalverwaltung oder dem eigenen, der andere Werte zeigt? Und dann der Fischmarkt: Die Verkäuferin sagt, die Verwaltung sage, der Fisch sei einwandfrei.

Aber kann das überhaupt jemand sagen in diesen Tagen in der Stadt Mito an der Ostküste Japans? Es sind dokumentarische Szenen, die man derzeit in den HAUs sehen kann, wo ein Multispartenfestival sich mit Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima befasst. Ein Parcours diverser Video-Installationen ist dafür durch die HAUs gebaut, und wer sich drei Stunden Zeit nimmt, der wird dort Bilder einer Gesellschaft finden, die nach dem 11.3.2011 etwas viel Grundlegenderes verloren zu haben scheint als wir vermuten: das Vertrauen in grundlegende Konstanten des Lebens.

Politischen Furor, gesellschaftliche Verwerfungen, Anti-AKW-Demos sucht man vergebens in diesen Bildern. Vereinzelt nur tauchen ein paar Demonstranten in den Arbeiten des deutschen Künstlerduos Nina Fischer und Maroan el Sani auf, Leute, die davon sprechen, wie die seit langem erstarrende japanische Gesellschaft vielleicht jetzt aufbreche.

Aus den Arbeiten der Japaner selbst aber spricht das Gegenteil. Nicht irgendeine politische Gewissheit ist aus der Katastrophe gesprungen, vielmehr eine noch größere Unsicherheit, ja der Verlust des Gefühls, eine halbwegs belastbare Beziehung zur Realität überhaupt herstellen zu können. Hikaru Suzuki erzählt davon in einer rückläufigen Kamerafahrt: Erst führt sie die Straßen entlang in das Krisengebiet, kurz vor Fukushima aber schlagen die Bilder um in irreale Animes.

Sympathisch skurril

Nichtwissen, Orakeln, auch mit den besten Messapparaten in der Hand, ist zur wichtigsten Lebensbewältigungsstrategie vieler geworden. Denn auch die Wissenschaftler hingen den Fukushima-Ereignissen immer hinterher, und viele Ansichten über die Strahlenwirkung widersprechen sich bis heute. Auch im Rangfoyer des HAU1 steht man etwas überrascht vor einer Wand aus gefüllten PET-Flaschen. Es ist eine Installation, die die Idee eines Lehrers aus Fukushima aufgreift, der gemessen haben will, dass hinter einer solchen Wasserwand die radioaktive Strahlung 10 bis 30 Mal geringer ist. Seine Klassen stehen nun voller Flaschen. Gute Aktion oder Quatsch? Jedenfalls ein schönes Beispiel dafür, wie manche im Kleinen dennoch tätig werden. Sympathisch skurrile Versuche, sich den unsichtbar zerstörten Lebensraum wieder anzueignen.

Der Filmemacher Hikaru Fujii gehört auch dazu, der das „Projekt Fukushima“ vom August 2011 dokumentiert. Ursprünglich sollte es ein Anti-Atomkraft-Festival werden, wandelte sich aber schnell zu einer politisch unverfänglichen Fukushima-Ermutigungsaktion. Nun sieht man, wie Menschen sich auf einem großen Platz versammeln und versuchen, durch gemeinsames Tanzen, Basteln, Musizieren wieder Herr über ihre Stimmungen, Handlungen und Entscheidungen zu werden. Hört sich dilettantisch an, sieht auch so aus, ist aber mehr als das. Denn wo nichts politisch wird, ist die Einübung in derart spielerische Selbstermächtigung ein erster Schritt. Zu einer echten Feier des Dilettantismus mit politischem Ätzeffekt lud dagegen der einstige Punk-Musiker und heutige „Naivist“ Tori Kudo leibhaftig ins HAU1 ein.

Ein ehrlicher falsche Griff in die Saite

Und was die wie zufällig zusammengewürfelten Nicht-Musiker seiner Band dann an Unterbietungskunst vorführten, gehört zum Witzigsten, was vorgeblich naive Kunst kann. Trocken-betroffen setzt sich die Band zunächst in ein weihevolles Verhältnis zu Fukushima, indem jeder die Kilometerentfernung seiner Wohnung zum Unglücksort angibt. Eine Nullinformation natürlich, die dann zusätzlich in würdigende Klänge gepackt wird – vielmehr in so kläglich aufheulende Posaunen-und-Trompeten-Paraden mit jazzigem Geklirre darunter, dass die gute Absicht dahinter immer guter wird.

Der ehrliche falsche Griff in die Saite ist immer noch besser als die glatte Lüge, jodelt diese Performance. Und wie sehr das in die japanische Gesellschaft der Gesichtswahrung schneidet, zeigte Toshiki Okadas Denkstück „Current Location“ am Tag zuvor. Sieben Frauen erzählen sich gleichnishaft von ihrem „Dorf“, das durch eine mysteriöse Wolke vom Untergang bedroht ist. Fakten und Gerüchte werden eins, weshalb die sieben Realität bald nur noch in ihren Haltungen erkennen: Die einen nehmen ihre Angst ernst, die anderen halten die Angst selbst für den Untergang und alle haben auf ihre Weise Recht. Und sitzen starr da. Und man möchte mit Kudos Posaune rein pfeifen.

HAU 1–3, bis 29. 5., täglich ab 17 Uhr.

Programm: hebbel-am-ufer.de