Jasmin Tabatabai im Bürgerpark Pankow. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinNoch vor kurzem hätte Jasmin Tabatabai den Bürgerpark in Pankow nicht als Ort für ein Gespräch vorschlagen können: Flugzeuge im Minutentakt in der Einflugschneise des Flughafen Tegel hätten jede Unterhaltung verhindert. Die Schauspielerin und Musikerin wohnt in der Nähe. 2005 ist sie mit ihrer Familie aus dem rauen Kreuzberg 36 nach Pankow gezogen und hat im früheren Regierungsviertel im Majakowskiring eine denkmalgeschützte, lange leer stehende Villa übernommen und renoviert, auch in der Hoffnung, der Fluglärm höre bald auf. Doch erst Corona sorgte dafür, dass man hier die Vögel zwitschern hört. Im Kiez fühlt sie sich wohl. Da viele Künstler hier wohnten, falle sie nicht auf. „Man grüßt sich freundlich, lässt sich aber in Ruhe – eine angenehme Unaufgeregtheit, ruhig wie eine Vorstadt, aber nah am Zentrum.“ Ihr gefällt, dass in Pankow die Zuzügler, oft Familien mit Kindern, die Alteingesessenen nicht verdrängt hätten, dass Ost und West hier zusammenleben. Im Rosengarten gibt sie lebhaft gestikulierend Auskunft darüber, wie sie die erzwungene Ruhe meistert und warum sie in der Musik heute die ruhigeren Töne bevorzugt.

Sie sind gerade jeden Sonnabend im Fernsehen die Stimme Berlins. In der großen RBB-Dokureihe „Schicksalsjahre einer Stadt“ sind Sie die Sprecherin der Nullerjahre. War damals wirklich alles „schicksalhaft“?

Ich fand den Namen auch etwas seltsam, doch mich hat der Fokus auf Berlin überzeugt. Ich hatte mir zuvor andere Folgen angesehen, zum Beispiel aus den Siebzigern, die meine Freundin Katja Riemann spricht. Wie sehr Ost und West damals verschiedene Welten waren! Besonders interessant war für mich auch die Folge von 1992 – damals bin ich nach Berlin gezogen, nach Kreuzberg. Der Rückblick auf die Nullerjahre bescherte mir immer wieder Aha-Erlebnisse: So wurden damals Fehler gemacht, für die wir heute bezahlen.

Zum Beispiel?

Etwa, dass der damalige Finanzsenator Sarrazin den Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GSW an eine Fondsgesellschaft namens Cerberus durchgeboxt hat, was direkt dazu geführt hat, dass wir in Berlin heute so wenig bezahlbaren Wohnraum haben und viele sich die Mieten in der Stadt nicht mehr leisten können.

Am Tag, an dem unser Interview erscheint, läuft im RBB die Folge über das Schicksalsjahr 2006. Was verbinden Sie mit dem Jahr?

Das Ereignis des Jahres war ganz klar die Fußballweltmeisterschaft. Wir waren frisch nach Pankow gezogen und hatten ein kleines Public Viewing im Garten gemacht, unsere Nachbarn eingeladen. Es herrschte eine unglaublich schöne Stimmung. Ist das Public Viewing im großen Stil nicht sogar eine der letzten erfolgreichsten Erfindungen aus Deutschland? Ich erinnere mich an Hunderttausende am Brandenburger Tor, an Deutschland von seiner schönsten Seite, alle waren leicht und freundlich. Das Spiel gegen Argentinien habe ich im Olympiastadion gesehen: Boah, war das spannend. Ich bin ja fußballbegeistert.

Und heute muss die Bundesliga vor leeren Rängen spielen. Wie finden Sie das als Fan?

Geisterspiele sind natürlich nicht so sexy. Aber die ganze Welt schaut bewundernd auf Deutschland, wie wir das hier hinkriegen, die Saison zu Ende zu spielen. Und auch ich glaube, es ist gut, dass der Ball wieder rollt, und ich drücke die Daumen, dass es auch weiterhin klappt. Auch, weil wir dann vielleicht Erfahrungswerte sammeln, wie wir bald die Kinos, Theater und Konzertsäle wieder öffnen können.

In Ihrem Garten können Sie derzeit keine Nachbarn einladen, sondern müssen als Heimlehrer agieren. Wie kommen Sie damit klar?

Die Doppelbelastung ist schon hoch. Die Schule von unserer mittleren Tochter hat jetzt zwei Tage in der Woche geöffnet, und Helena bekommt echt viele Hausaufgaben. Ich habe derzeit weniger Zeit für mich als je zuvor. Aber dafür rücken wir als Familie intensiver zusammen, sitzen immer zu siebt am Tisch. Meine Mutter und unser Au-pair wohnen mit uns im Haus.

Nun kommt Ihr Album „Jagd auf Rehe“ heraus. Eigentlich hätte es in diesen Tagen Konzerte und eine Record-Release-Party in Berlin geben sollen. Lohnt es sich ohne Auftritte überhaupt, jetzt ein solch aufwendiges Album zu veröffentlichen?

Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen und haben uns bewusst dafür entschieden, jetzt zu veröffentlichen. Wir sind ja unsere eigene Plattenfirma und finden, dass kulturelle Inhalte gerade jetzt besonders wichtig sind. Die Konzerte holen wir nach, sobald es geht. Unsere Musik wird ja nicht schlecht.

Aber der Verkauf eines Jazz-Albums bringt kaum Einnahmen, und Spotify hilft auch nicht weiter.

Dass man durch Streaming kaum etwas verdient, ist ja bekannt, auch Tonträger bringen kaum noch etwas ein. Unser Soundtrack zu „Bandits“ war 1997 noch sehr erfolgreich, aber schon ein paar Jahre später war der Verkauf von CDs total eingebrochen. Tatsächlich geht es für viele Musiker gerade um ihre Existenz. Manche geben Unterricht – derzeit auch online. Aber genauso schmerzlich wie die Verluste sind die fehlenden Kontakte zum Publikum.

Sie stehen seit 2012 im ZDF für die Krimiserie „Letzte Spur Berlin“ als Kommissarin Mina Amiri vor der Kamera. Kürzlich lief die 100. Folge. Wissen Sie schon, ob und wann weitergedreht werden kann?

Die Dreharbeiten, die in dieser Woche hätten starten sollen, sind zwar verschoben, aber ich bin guter Dinge. „Letzte Spur“ ist ein Format, wo man auch improvisieren kann, kleinere Sets mit Abstand einrichten kann. Richtig hart trifft es große Filme, die mit Hunderten Komparsen arbeiten.

Sie haben also keine Existenzängste wegen Corona?

Ich bin bestimmt nicht das typische Beispiel, ich habe extrem viel gearbeitet im letzten Jahr: die Musik, die Serie, zwei Kinofilme ...

Die es vermutlich auch schwer haben werden, ins Kino zu kommen.

Der Start von „Fly“ mit Katja von Garnier ist auf Januar 2021 verschoben. Es ist der erste deutsche Urban-Dance-Film, und ich spiele neben Svenja Jung und fantastischen echten Tänzern eine Lehrerin. Auch die anderen „Bandits“-Darstellerinnen Katja Riemann und Nicolette Krebitz sind mit am Start, obgleich der Film keine Fortsetzung ist. Paula Riemann, Katjas Tochter, hat zudem die Story mitentwickelt. So schließen sich Kreise. Wir hatten großes Glück, dass wir überhaupt fertig geworden sind, wir hatten bis Mitte Februar gedreht. Der andere Film von 2019 aber war ein Novum für mich: Ich habe zum ersten Mal auf Persisch gedreht!

Das muss ein ganz besonderes Projekt für Sie gewesen sein.

Erst mal war es besonders fordernd. Denn ich spreche die Sprache zwar fließend und akzentfrei, aber es ist nun mal nicht die Sprache, in der ich mich jeden Tag bewege. Deshalb musste ich schon hart arbeiten.

Worum geht es in dem Film?

Im Film des iranisch-holländischen Regisseurs Kaweh Modiri spiele ich eine Frau, die in den 80er-Jahren nach Holland geflüchtet war und nun in einer Exilantin jene Frau wiedererkennt, die vor 37 Jahren in Teheran ihre Tochter verraten hatte. In der Gegenwart spiele ich eine 72-Jährige, in den Rückblicken bin ich 35. „Mitra“ ist ein sehr politischer Film, der nur in Amsterdam und Halle und in Jordanien gedreht werden konnte und der ein Festival als Starthilfe bräuchte.

Wie liefen die Dreharbeiten?

Natürlich sehr emotional, das ging sehr tief. Alle Exiliraner sind ja durch den Heimatverlust stark miteinander verbunden. Ich habe ganz tolle iranische Schauspieler und Musiker kennengelernt – zum Beispiel Mohsen Namjoo, der meinen Bruder spielt. Der lebt in New York, ist ein weltweit bekannter Musiker, wenn er in Berlin spielt, sind seine Konzerte rappelvoll. Er hat seine schwere, dramatische Rolle gut gemeistert. Im Iran müsste Mohsen für sechs Jahre ins Gefängnis, nur aufgrund von künstlerischen Entscheidungen. Eine andere Schauspielerin kann wegen ihrer Minderheiten-Religion nicht mehr zurück. Es bleibt eines der repressivsten Regimes. Wenn du nur einmal etwas Kritisches sagst, kriegst du richtige Probleme.

Sie selbst haben das Land zuletzt 1987 besucht, zur Beerdigung Ihres Vaters. Befürchten Sie auch, Probleme zu bekommen, wenn Sie wieder in den Iran reisen?

Ich habe mich auch kritisch übers Regime geäußert, will mich selbst aber gar nicht so wichtig nehmen. Aber eine Reise dorthin ist derzeit keine Option – solange Frauen dort ein Kopftuch tragen müssen.

Aus dem Iran stammt das Herz- und Titelstück Ihres neuen Albums, die Ballade „Shekare Ahoo“, auf Deutsch „Jagd auf Rehe“. Ist das ein Lied aus Ihrer Kindheit?

Nein, ich hatte bei den Dreharbeiten zu „Mitra“ Mohsen Namjoo gebeten, mir Lieder zu nennen, die zu mir passen würden. Einer der Vorschläge war „Shekare Ahoo“, ein altes Volkslied, ein trauriges Liebeslied.

Deutsche Jagdlieder feiern immer den Jäger, mit viel Halali und Fanfaren. Dieses Lied scheint um die Rehe zu trauern ...

Der Titel ist natürlich metaphorisch! Ich habe mich gleich gefragt, was er eigentlich bedeutet. Will wirklich jemand Rehe jagen? Er oder sie – es gibt im Persischen ja kein Gender – ist erlegt worden vom Blick des Geliebten, will ins Gebirge flüchten, um Rehe zu jagen? Wofür steht das eigentlich, ist es etwa ein sexueller Inhalt? Ich finde es schön, wenn Dinge nicht so vordergründig sind, wenn man viel hineininterpretieren kann. Das ist ganz typisch für die iranische Kultur: Vieles bleibt unausgesprochen. Bei Gedichten von Rumi rätselst du auch bis heute – 800 Jahre später.

Dann gibt es im Persischen also auch kein belehrendes Sprach-Gendern mit Sternchen, Doppelpunkten, Unterstrichen ...

Es gibt keine Artikel, und es gibt kein Geschlecht, er oder sie ist immer „uh“. Deshalb kann jedes Liebesgedicht, jedes Liebeslied, von einer Frau oder von einem Mann für eine Frau oder für einen Mann gesungen sein. Das lässt immer sehr viel Raum für Interpretationen und funktioniert wunderbar.

Ihre Alben kommen im Abstand von Fußballweltmeisterschaften, nur alle vier Jahre. Warum?

Wir gehen ja nicht für ein paar Wochen auf Tour und treffen uns alle vier Jahre wieder. Beim Jazz spielst du das ganze Jahr über Konzerte, reist immer an und wieder ab. Das geht, weil die Musiker so gut sind, dass sie keine Proben brauchen. Wir treffen uns erst zum Soundcheck. Die Noten sind das Gerüst, auf dem sie sich schlafwandelnd bewegen, sie spielen aber jeden Abend anders – das fasziniert mich unendlich! Ich kann mich einfach draufsetzen. Das Material verändert sich live, bekommt eine eigene Dynamik. „Jagd auf Rehe“ ist unser drittes Album, wir verstehen uns musikalisch sehr gut, vieles funktioniert unausgesprochen.

„Man muss politisch nicht auf einer Seite stehen, um zivilisiert miteinander umzugehen“, sagt Jasmin Tabatabai. 
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Ihr wichtigster musikalischer Partner, David Klein, Nachfahre von Holocaust-Opfern, ist in der Schweiz immer wieder mit politischen Provokationen aufgefallen. Er polemisierte gegen antisemitische Muslime als neue Nazis. Wie gehen Sie mit diesen Dissonanzen um?

Wir streiten uns tatsächlich oft. Ich stehe politisch wirklich ganz woanders als er. Aber ich denke, wenn man aufhört, miteinander Musik zu machen, dann ist die ganze Welt verloren. Musik ist Kommunikation, man muss politisch nicht auf einer Seite stehen, um zivilisiert miteinander umzugehen. Das ist extrem wichtig heutzutage, wo sich viele in Blasen komplett abschotten, schnell Mauern hochfahren oder grundsätzlich empört reagieren. Differenzen gibt es doch auch im Privaten: Ich habe sogar in meiner iranischen Familie Trump-Verehrer. Was machst du? Kündigst du denen die Familie? Nein, du musst dich mit ihnen auseinandersetzen und versuchen zu verstehen, warum sie das sagen, was sie sagen. Es wäre besser, wenn wir das alle mehr täten.

Es ist schwer vorstellbar, dass Iraner für einen amerikanischen Präsidenten schwärmen, der mit der Zerstörung ihrer historischen Bauten gedroht hat. Rücken die Leute nicht stärker zusammen bei solchen Drohungen?

Dass Populisten gut ankommen, die scheinbar einfache Lösungen bieten, ist nicht unbedingt ein amerikanisches Phänomen. Das Mullah-Regime ist bei den Menschen verhasst – und Trump ist deren Gegner.

Wie eng sind Ihre Kontakte zur Familie im Iran?

Wie viele iranische Familien sind wir mittlerweile weltweit verstreut, viele leben in Amerika. Aber es bleibt das Land, in dem ich aufgewachsen bin und zu dem ich immer noch eine sehr starke emotionale Bindung habe.

Viele Deutsche kennen das Land nur über die starken Filme – auch der letzte Gewinner der Berlinale „Es gibt kein Böses“ kam wieder aus dem Iran.

Den Film kenne ich noch nicht. Aber auch die Filme sind deshalb so stark, weil die iranische Kultur darin geübt ist, Dinge zwar zu zeigen, aber nicht direkt auszusprechen, sondern etwas Symbolisches zu finden, auf das man sich selbst seinen Reim machen kann. Das ist vielleicht vergleichbar mit der früheren DDR – der andere nahe Osten. Auch ein Land, das es nicht mehr gibt, so wie den Iran meiner Kindheit. Und ähnlich wie viele Ostdeutsche muss ich bis heute klarstellen: Ja, ich hatte eine schöne Kindheit! Leute aus der DDR erzählen mir, wie das Publikum früher allein durch die Betonungen oder Pausen bei Gedichten merkte – das ist jetzt eine Kritik am System. Das führt auch dazu, dass man selbst unglaublich kreativ wird, und das tut gerade Filmen sehr gut.

Das gilt auch für die Musik. Wer zu DDR-Zeiten etwas Aktuelles singen wollte, wirkt heute überholt, wer etwas verschlüsselte, klingt heute interessant. Sie haben auf der vorigen Platte ein Lied von den Puhdys gesungen – „Wenn ein Mensch lebt“ ...

Ja, das ist ein Stück aus dem wunderschönen Film „Die Legende von Paul und Paula“, den man auch versteht, wenn man nicht in der DDR aufgewachsen ist. Ich habe den Film als Teenager im Westfernsehen gesehen und bin wirklich verzaubert worden, auch von der Musik.

Wer sucht Ihre Songs aus – Sie allein?

Nein, David und ich suchen gemeinsam nach Songs, er sprüht über von Ideen. Das ist ein langer Prozess, Songs zu finden, die ich singen möchte und auch singen kann. Wir suchen nach der Tonart, dem Arrangement, müssen extrem gut vorbereitet sein. Denn wir nehmen die Stücke live in den teuersten Studios mit dem besten Equipment auf. Du kannst einen Pianisten vom Kaliber eines Olaf Polziehn ja nicht im Homestudio am Elektro-Klavier aufnehmen und dann sagen: Passt schon – we will fix it in the mix. Die Backing Tracks, also Schlagzeug, Bass und Flügel, werden zuerst gemeinsam im Baseler Idee-und-Klang-Studio aufgenommen, dann kommt mein Gesang drauf. Dafür durfte ich ins Hansa-Studio gehen, wo U2 und David Bowie aufgenommen haben, das war ein fantastisches Erlebnis. Zum Schluss kommen die Overdubs – bis hin zu einem Musiker, der im Iran lebt, Zhubin Kalhor.

Er spielt die Kamantsche, die persische Stachelgeige, beim Stück „Jagd auf Rehe“. Haben Sie ihm seinen Part vorgegeben?

Das was er hier spielt, das ist so urpersisch, das kann keiner vorgeben, das kann auch kein anderer so spielen.

Live kann er aber wohl nicht dabei sein?

Nein, seinen Part übernimmt dann ein anderes Instrument. Wir sind auf der Bühne ja nur ein Quartett. Die Leute kommen ja auch, um es live anders zu hören.

Ein anderes auffälliges Stück ist Reinhard Meys „Männer im Baumarkt“. Die Auswahl verwundert auf den ersten Blick, denn hier eilen Männer durch die Gänge, die Frauen parken vorm Eingang, diese Rollenverteilung passt doch gar nicht zu Ihnen. Dann aber hört man Ihre neu erfundene Zeile: „Andi kauft für Jasmine die große Schlagbohrmaschine, denn die wünsch ich mir so sehr“ ...

Ja, ich liebe die Schlagbohrmaschine! Wir lieben auch Reinhard Mey heiß und innig, er ist ein echter Poet und hat über 500 Lieder geschrieben. Bei manchen muss ich wirklich weinen. Wie er menschliche Eigenheiten und Schwächen auf die Schippe nimmt, aber nie den liebevollen Blick verliert! Er freut sich sehr, wenn wir alle paar Jahre einen Song von ihm spielen, und wir bekommen immer seinen Segen. Beim letzten Mal war es „Aller guten Dinge sind drei“. Da hatte ich ihn gefragt, ob ich das umdichten kann auf meine Situation mit zwei Töchtern und einem Sohn. Bei „Männer im Baumarkt“ haben wir nicht nur eine Zeile geändert, sondern es mit lateinamerikanischen Rhythmen arrangiert. Und wenn es eine Frau singt, bekommt es sowieso eine andere Dimension.

In welchem Stadium hört Ihr Mann Andreas „Andi“ Pietschmann die Songs?

Erst wenn’s fertig ist. Dieses spezielle Stück habe ich ihm im Auto vorgespielt, und er fand es sehr lustig. Meine Kinder aber hören keinen Jazz.

Das haben Sie vermutlich als Jugendliche auch nicht getan, oder?

Ich habe als Teenager die Popcharts verfolgt und auf dem Kassettenrecorder aufgenommen. Was ist diese Woche die Nummer eins auf Bayern 3 oder in den Top Fourty auf AFN? Selbst als junge Erwachsene konnte ich mit Jazz nichts anfangen. Ich habe mir mal ein Album von Frank Sinatra geholt, als ich auf der Schauspielschule war, und gedacht: Ja, es swingt – aber der ist doch eigentlich immer zu spät! Erst viel später habe ich begriffen, wie unglaublich entspannt der Typ war, dass diese Lässigkeit erst seine Unnachahmlichkeit ausmacht.

Wann haben Sie selbst sich dem Jazz zugewandt? Bei den „Bandits“ waren Sie noch die laute, punkige Rabaukin.

Erst viel später, als ich mit meiner zweiten Tochter schwanger war und merkte, dass ich singen will, mich aber nach etwas Ruhigerem, Entspannterem, Leiserem sehne. Ich wollte auch nicht mehr dreimal die Woche in den Proberaum kommen müssen und darüber diskutieren, ob man vielleicht leiser spielen kann.

Das Album „Bandits“ haben Sie fast komplett geschrieben, auf dem aktuellen Album aber nur einen eigenen Song, das wunderbar melancholische „Anymore“.

Ich kann Musik nur schreiben, wenn ich komplett alleine bin, die volle Solitude habe, aber die Zeit ist einfach sehr knapp, wenn du drei Kinder hast und zwei Berufe. Doch es gibt ja so viele tolle Lieder, man muss gar nicht alles selber schreiben.

Stehen die „Bandits“-Hits immer noch im Live-Repertoire?

„Another Sad Song“ funktioniert immer noch wahnsinnig gut, aber wir haben mittlerweile Programm für sechs Stunden. Da müssen wir auswählen und ich freue mich jetzt natürlich darauf, die neuen Sachen zu spielen – irgendwann.

Ihr erster Berliner Auftritt ist im Herbst bei den Jüdischen Kulturtagen geplant. Ein besonderer Ort für Sie?

Wir hatten schon unser erstes Album dort vorgestellt, und ich habe mich sehr gewundert, als ich von einer Journalistin gefragt wurde, warum denn ausgerechnet so jemand wie ich sein Album auf den Jüdischen Kulturtagen vorstellt. Dabei spielt Religion in meinem Privatleben überhaupt keine Rolle! Meine Religion ist die Musik, eine universelle Sprache, die alle zusammenbringt. Wir haben in der Band einen Schweizer, einen Holländer, einen Schwaben, ich komme aus dem Iran, habe eine deutsche Mutter, und alle zusammen schaffen wir etwas Schönes.


Jasmin Tabatabai ...

  • ... wurde 1967 in Teheran geboren und wuchs dort zweisprachig auf. Ihre deutsche Mutter und ihr persischer Vater hatten sich auf dem Oktoberfest kennengelernt. 1979 übersiedelte die Familie nach München. Im Buch „Rosenjahre“ hat Jasmin Tabatabai 2010 ihre turbulente Familiengeschichte aufgeschrieben.
  •  ... kam nach dem  Schauspielstudium in Stuttgart 1992 nach Berlin-Kreuzberg und machte mit der Trash-Country-Band „Even Cowgirls Get the Blues“ auf sich aufmerksam. Musik und Schauspiel verband sie erfolgreich in dem Filmhit „Bandits“ von Regisseurin Katja von Garnier, mit der sie bis heute zusammenarbeitet. Jasmin Tabatabai spielte eine der vier Hauptrollen, schrieb und sang die meisten Songs. Das Album gilt mit über 700.000 verkauften Exemplaren bis heute als erfolgreichster Original-Soundtrack aus Europa.
  • ... gründete  2001 für ihr erstes Soloalbum „Only Love“ ein eigenes Plattenlabel namens „Polytrash“. 2010 wandte sie sich dem Jazz zu und arbeitet seither mit dem Schweizer Musiker David Klein zusammen. Für das Album „Eine Frau“ bekam sie sofort den Jazz-Echo. Das neu erschienene Album „Jagd auf Rehe“ ist die dritte gemeinsame Platte von Tabatabai und Klein. Es enthält u. a. Neuarrangements von Liedern von Franz Schubert, Hildegard Knef, den Beatles, Annie Lennox und Nick Drake.
  • ... hat drei Kinder. Ihre große Tochter stammt aus ihrer Ehe mit dem Musiker Tico Zamora. Seit 2007 lebt sie mit dem Schauspielkollegen Andreas Pietschmann zusammen, mit dem sie eine Tochter und einen Sohn bekam.