Etliche Jahre war Jason Bourne untergetaucht. Die tödlichen Intrigen und mörderischen Verwicklungen diverser Filme hatten ihren Tribut gefordert; Bourne hatte Gefährten verloren und war erbarmungslos gejagt worden. Doch nun ist der ehemalige CIA-Auftragskiller wieder da – in einem Action-Thriller, der seinen Namen zum Titel hat. Wir begegnen Bourne erneut, weil ihn die unerledigte Vergangenheit einholt. Doch zunächst zeigt ihn der Regisseur Paul Greengrass beim Nahkampf irgendwo an der griechisch-albanischen Grenze: Jason Bourne verdient sein Geld mit Auftritten in illegalen Fight Clubs.

Gleichzeitig hackt irgendwo in Reykjavik eine Frau den CIA-Rechner: Nicky Parsons war früher Logistikerin für CIA-Geheimprogramme wie „Treadstone“; jetzt arbeitet sie für eine Enthüllungsplattform à la Wikileaks. Dem Kampfnomaden Bourne spielt sie Informationen über seine Vergangenheit zu, an die er sich lange nicht erinnern konnte, über den ungeklärten Mord an seinem Vater, aber auch Dateien über das neue CIA-Projekt „Iron Hand“. Das bringt Bourne wie Nicky in tödliche Gefahr. Jason Bourne begibt sich auf die Suche nach den Hintergründen und -männern.

Permanente Bewegung

Gut 25 Minuten dauert die Sequenz gleich zu Beginn von „Jason Bourne“, in der Nicky und Jason Kontakt aufnehmen und auf einem gestohlenen Motorrad vor einem CIA-Killer durch die griechische Hauptstadt fliehen – vorbei an aufgebrachten Demonstranten; gerade wurde der Ausnahmezustand verhängt; schwer bewaffnete Polizei ist aufmarschiert. Alles ist in Bewegung; Brandsätze fliegen durch die Luft; Körper stoßen aneinander, fallen; Menschen rennen, weichen zurück oder gehen gegeneinander vor. Mittendrin im politischen Chaos Griechenlands versuchen zwei Amerikaner, sich auf der Suche nach Antworten gegen die Übermacht einer US-Behörde zu behaupten.

Die Szene ist repräsentativ für den Film. Zuschauer, die Action wünschen, kriegen hier sehr, sehr viel davon. Die permanente Unruhe und Bewegung erfasst sofort weitere Schauplätze, darunter Berlin, und bildet sich zeitgleich in Datenströmen ab. Denn in der CIA-Zentrale in Langley, Virginia, sitzt die Cyber-Chefin Heather Lee vor den Großrechnern und folgt Bourne auf dessen Flucht virtuell. Währenddessen stellt ein smarter Typ in Washington, D.C., die neue Internetplattform „DeepDream“ vor, einst als Startup vom CIA kofinanziert; Aaron Kalloor erinnert nicht zufällig an den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Beeindruckend und verwirrend

Das waren jetzt eine Menge Informationen! Als Zuschauer ist man gleichermaßen beeindruckt wie verwirrt; man weiß nicht, was man mehr bestaunen soll: Greengrass’ Fähigkeit, in kürzester Zeit globale Zusammenhänge zu etablieren – von der Staatsschuldenkrise über den Mythos vom freien Internet bis hin zu Edward Snowden – oder die handwerkliche Virtuosität, mit der die zwangsweise Getriebenheit seines Protagonisten ins Bild gesetzt wird. Die Kamera klebt quasi immer am Ohr von Jason Bourne; sie scheint in seiner Schulter, seinem Rücken, an Füßen, Händen implantiert zu sein und sogar in seinen irgendwie sehr alten Augen.

Als Matt Damon im Jahr 2002 mit Greengrass den ersten Film der Reihe drehte, „Die Bourne Identität“, war er 31 Jahre alt. Inzwischen sind 14 Jahre vergangen. Damons Bourne ist ein tragischer Held, ein von Jugend an zugerichteter, vom Arbeitgeber ausgesonderter und terrorisierter Mensch, der schwer um seine Identität ringt. Erinnerungsflashs quälen ihn, die er nicht zu deuten vermag. In der privaten Verunsicherung spiegelt sich die globale, wenn der Film das Persönlichkeitsrecht mit der Phrase von der öffentlichen Sicherheit konfrontiert.

Dass Heather Lee diesem Bourne noch zur Seite springt, hat indes eher bedingt mit moralischen Standards zu tun. In einem interessanten Nebenstrang verhandelt Greengrass, der gemeinsam mit Christopher Rouse auch das Drehbuch schrieb, am Fall der CIA-Cyber-Chefin das Drama einer ebenso fähigen wie ehrgeizigen Frau, die durch eine Intrige kalt gestellt werden soll, weil CIA-Direktor Dewey (Tommy Lee Jones) sie zu Recht als Bedrohung seiner Macht einstuft. Drei Oscar-Gewinner spielen in „Jason Bourne“; die Schwedin Alicia Vikander stiehlt Matt Damon und Tommy Lee Jones indes die Schau.

Totaler Zugriff

Abschließend eine hypothetische Frage: Wie würden echte CIA-Agenten den Film sehen? Würden sie sich zufrieden im Kinosessel zurücklehnen – angetan davon, wie düster-elegant Paul Greengrass die großen Player des US-Auslandsgeheimdienstes in Szene setzt? Oder würden sie indigniert sein, weil so viele Details der internen Arbeit dargelegt werden, die allzu real wirken und nicht eben schmeichelhaft? „Jason Bourne“ handelt letztlich auch von der totalen globalen Zugriffsmacht der CIA – und das auf eine Art, die vollkommen nahtlos Anschluss findet an die politischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit.