Javier Bardem bei der diesjährigen Berlinale.
Foto: Imago Images/Beata Siewicz

BerlinJavier Bardem liefert mit seinem neuen Film „Wege des Lebens - The Roads Not Taken“ sicher kein unbeschwert-leichtes Kinoerlebnis. Der 51-jährige Oscar-Preisträger spielt in dem Drama von Sally Potter (ab 13. August im Kino) den Mittfünfziger Leo, der an einer Hirnatrophie leidet. Dürfen Angehörige einen kranken Menschen im Stich lassen? Diese Frage stellt „Wege des Lebens“ und bietet damit viel Diskussionsstoff. Als wir mit Bardem über den Film sprechen, wirkt der Spanier entspannt und gut gelaunt. Was nicht heißt, dass der Ehemann von Penélope Cruz im Gespräch nicht auch richtig leidenschaftlich werden kann ...

Mr. Bardem, in „The Roads Not Taken“ spielen Sie einen Mann, der an einer Form von Demenz leidet und sich kaum noch im Leben zurechtfindet. Schauspielerisch eine echte Herausforderung, oder?

Das können Sie laut sagen. Für mich war Leo ein Mann, der alles verloren hat. Denn wenn man keine klaren Gedanken mehr fassen und sich nicht mehr wirklich artikulieren kann, dann hat man doch nichts mehr. Man weiß nicht mehr, wer man selbst ist oder irgendwer anderes. Man weiß nicht mehr, wo man ist und was man machen muss. Aber gleichzeitig merkt man, dass man Hilfe braucht und will unbedingt eine Verbindung zu seinen Mitmenschen herstellen. Was aber nicht mehr wirklich möglich ist. Mich hat das fertig gemacht. Zumal es eben nicht um Alzheimer geht, sondern um diese spezielle Demenz-Variante, die man auch schon als 30-Jähriger bekommen kann.

Wussten Sie vorher etwas über diese Krankheit?

Nein, deswegen war ich auch so verblüfft, als ich das Drehbuch bekam. Warum sollte ich das spielen, ich war doch nicht 90? Aber dann habe ich mit der Regisseurin Sally Potter gesprochen. Sie erzählte mir von dieser Krankheit – und vor allem von ihrem Bruder, der an dieser Form von Demenz erkrankte, als er 50 Jahre alt war. Ihre Erzählungen davon, wie sie versucht hat, trotz der Krankheit Zugang zu ihrem Bruders zu bekommen, haben mir bei der Vorbereitung auf die Rolle sehr geholfen.

Wie konnten Sie sich in diesen Zustand versetzen?

Mit Hilfe von Entspannungs- und Atemübungen habe ich mich heruntergefahren. Ich führte in einer Tour innere Dialoge mit mir selbst, um diese Distanz zur Außenwelt herzustellen und mich aus dem Hier und Jetzt zu verabschieden. 20 Minuten vor einer Szene fing ich damit an, das reichte. Ist ja schließlich mein Job und keine Zauberei.

Der offizielle Trailer zum Film.

Video: YouTube

Es gibt Schauspieler, die viel Aufhebens darum machen, mit welchen Methoden sie sich in ihre Figur verwandeln.

Mein Ding ist das nicht. Die Schauspielerei ist meine Arbeit, ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt, aber ich muss der Sache auch nicht zu viel Bedeutung beimessen. Wenn nach einer Szene „Cut“ gerufen wird, lege ich die Figur ab. Ich rufe meine Kinder an und bin ich selbst. Rund um die Uhr in der Rolle bleiben, damit kann ich nichts anfangen. 

Im Film wird auch die Frage gestellt, ob man für seine Kunst Opfer bringen muss. Wie sehen Sie das?

Für mich kam es nie in Frage, dass ich mein Privatleben meiner künstlerischen Arbeit unterordne. Aber natürlich fallen gewisse Dinge meiner Karriere zum Opfer. Allen voran die Privatsphäre, auch wenn ich um die immer noch kämpfe wie ein Löwe. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass man sein Recht auf Privatsphäre aufgibt, wenn man Schauspieler wird. Ich werde dafür bezahlt, vor der Kamera mein Bestes zu geben. Wenn ich wieder zu Hause bei meiner Familie bin, hat niemand das Recht, mich zu behelligen. 

Sie klingen richtig aufgebracht. 

Klar, denn heute hat jeder ein Telefon und damit eine Kamera. Aber dafür gibt es ja Anwälte (lacht). Früher habe ich versucht, das alles selbst zu kontrollieren und immer wieder geguckt, was über mich gepostet wird. Bis ich mir irgendwann die Frage stellte: Warum zum Teufel verschwende ich damit meine Zeit? Seither bezahle ich Leute dafür, das alles im Blick zu haben. Und wann immer die etwas gefunden haben, habe ich mich juristisch gewehrt – und jedes Mal gewonnen. Es ist schon heftig, was für ein Mist da kursiert. Was heutzutage geschrieben wird, auch von vermeintlichen Journalisten. Was ist das für ein unprofessioneller Journalismus, der einfach nur berichtet, was irgendwer auf Twitter geschrieben hat, ohne vielleicht auch mal etwas zu überprüfen?! 

Dann hoffe ich jetzt mal, dass Ihnen die nächste Frage nicht schon zu privat ist. Aber eine Ihrer Filmpartnerinnen in „The Roads Not Taken“ ist ja Salma Hayek. Ist es seltsam, wenn man mit einer der besten Freundinnen der eigenen Ehefrau vor der Kamera steht?

Tatsächlich kennen Salma und ich uns ja schon länger, als ich mit Penélope zusammen bin. Mit ihr zu drehen fand ich aber nicht komisch, sondern im Gegenteil total unkompliziert. Salma ist fantastisch und eine echte Naturgewalt. Meine größte Sorge in den Szenen mit ihr war mein mexikanischer Akzent, den wollte ich natürlich nicht versauen. Ich wusste: Wenn ich den nicht richtig hinbekomme, werde ich es sofort merken, denn Salma wird immer ganz ernst, wenn die Dinge nicht richtig laufen (lacht).

In Ihrer Filmografie stehen kleine, anspruchsvolle Filme neben riesigen Blockbustern. Welche Art des Arbeitens macht mehr Spaß?

Im Grunde ist der Unterschied gar nicht so groß, zumindest was meine Arbeit als Schauspieler angeht. Für mich geht es immer um den nächsten Dialog, die nächste Szene, einen Schritt nach dem nächsten, bis der Film eben fertig ist. Ob die Rolle groß oder klein ist und die Dreharbeiten ein paar Tage oder viele Wochen dauern, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass mir ein gewisser Zeitdruck durchaus gefällt. 

Imago Images/Doug Peters
Zur Person

Javier Bardem kam 1969 auf Gran Canaria zur Welt. Er wurde mit Filmen wie „Skyfall“, „Vicky Cristina Barcelona“ und „Das Meer in mir“ bekannt und gewann 2008 einen Oscar als bester Nebendarsteller in „No Country for Old Men“.

Seit 2010 ist der Spanier mit der Schauspielerin Penélope Cruz (Foto) verheiratet. Das Paar hat zwei gemeinsame Kinder. (avo.)

Ein höheres Budget macht also die Arbeitsbedingungen nicht besser?

Na ja, das Catering ist bei großen Filmen oft besser. Aber man sitzt eben auch viel herum und wartet. Und mehr Zeit bedeutet nicht automatisch, dass man bessere Leistungen bringt, denn manchmal geht dabei das Unmittelbare verloren. Wobei: Mein nächstes Projekt ist eine große Sache, eine Serie für Amazon Prime über die Eroberung Mexikos durch die Spanier und Hérnan Cortés. Da gibt’s ein hohes Budget und viel Zeit, aber auch so viel zu tun, dass ich mir zunächst gar nicht vorstellen konnte, wie das zu schaffen ist.

So ein Großprojekt als Hauptdarsteller zu schultern, macht Ihnen das Angst?

Nein, Angst machte mir bei „Cortés“ etwas ganz anderes.

Nämlich?

Das Reiten. Die Spanier kamen damals ja mit ihren Pferden, und das waren riesige Tiere. Ich hatte davor einen Heidenrespekt. Anfangs machte der Reitunterricht wirklich keinen Spaß, so mulmig war mir. Aber inzwischen bin ich so sicher, dass ich sogar das Gefühl habe, schauspielern zu können, während ich auf einem Pferd sitze (lacht).