Wenn die Frau anfing, ging ich immer kaputt. Sie hätte alles von mir haben können, wenn sie da vorn stand mit ihrer großen Brille und sich langsam in die Truppe einsang.“ Uschi Brüning hat viele Huldigungen bekommen. Doch am prägendsten blieb jene, die Ulrich Plenzdorf 1973 seinem „jungen W.“ mitgab: „Ich hätte jedes Mal heulen können.“

Der Musikclub „Große Melodie“, in dem Plenzdorfs Held einst sein Paradies erlebte, ist längst abgerissen. Doch Uschi Brüning steht immer noch in Klubs auf der Bühne. Ihre warme, strahlende Stimme überwältigt noch immer. Vor ein paar Tagen etwa gastierte sie mit ihrem Mann, der Saxofon-Legende Ernst-Ludwig Petrowsky, mit der Engerling Blues Band im Frannz Club. Die Leute im kleinen Saal, von denen einige schon die seligen Zeiten in der „Großen Melodie“ miterlebt haben könnten, werden von Uschi Brüning sofort elektrisiert. Sie singt Klassiker wie „Compared To What“, den Engerling-Song „Tagtraum im Park“, und ihre Version des Beatles-Titels „And I Love Her“ ist wirklich jedes Mal zum Heulen schön.

Ihr einstiger Schlagerhit „Dein Name“, den das Publikum mitsingt, bekommt an diesem Abend eine besondere Note: Sie hat ihn für ihr neues Album neu eingesungen. „So wie ich“ ist Uschi Brünings erstes komplett deutschsprachiges Album seit vierzig Jahren – kaum zu glauben, wenn man diese Stimme kennt. Doch gibt es am Erscheinungstag keine Record Release Party wie bei anderen. Der Manager von Engerling verkauft in der Pause nebenbei ein paar Exemplare. Nach dem Konzert muss er das Schlagzeug abbauen.

Völlig ungewohnt ist es für Uschi Brüning, mit Journalisten über ein Album zu reden. Bescheiden, wie sie ist, lobt sie sofort andere: „Das Album habe ich Manfred Krug zu verdanken.“ Der war zu Zeiten, in denen Plenzdorf Uschi Brüning pries, in der DDR ein gefeierter Schauspieler und Sänger und schwärmte heimlich für die junge Sängerin aus Leipzig, holte sie damals auf die großen Bühnen. Seit einigen Jahren ist sie seine Gesangspartnerin. Auch wenn sie von der Popularität Krugs profitiert, so ist Uschi Brüning längst der musikalische Halt des Abends, erst recht, nachdem Manfred Krug nach einer Herz-OP nur langsam wieder in Form kam. „Als er krank war, war er richtig lieb, aber jetzt wird er schon wieder frecher“, scherzt Uschi Brüning.

Für ihr gemeinsames Album hatte Manfred Krug den Text zum Titelsong „Auserwählt“ geschrieben. Die Platte brachte Uschi Brüning im Alter von 68 Jahren erstmals in die gesamtdeutschen Charts und bewog die Plattenfirma Edel, mit ihr ein Solo-Album aufzunehmen – und zwar in deutscher Sprache. So etwas hatte Uschi Brüning zuletzt Mitte der Siebzigerjahre getan. Danach hatte sie einfach nicht mehr die richtigen Leute für ein solches Projekt gefunden, sagt sie beim Treffen in den Räumen von Edel in Mitte. Viele Kollegen, die als Mitstreiter infrage gekommen wären, gingen in den Westen, etwa Manfred Krug, Franz Bartzsch, Holger Biege und Bandleader Klaus Lenz, der bei Plenzdorf als „Old Lenz“ gewürdigt wird.

Für die Musikproduzenten der DDR saß die Sängerin, die alle Spielarten zwischen Schlager, Soul, Rock, Gospel und Jazz beherrschte, zwischen allen Stühlen. Mit ihrem Mann Ernst-Ludwig Petrowsky, auch er bei Plenzdorf literarisch verewigt, fand sie einen Weg, frei von Zwängen. Das „Duo für Stimmband und Bambusblatt“ ist bis heute schier unzertrennlich, ob auf der Bühne oder im Interview.

Uschi Brüning gibt zu, dass sie sich schwerer tut mit der deutschen Sprache, glaubt, dass sie sich in der Anonymität einer fremden Sprache besser ausdrücken kann: „Wenn man deutsche Texte zu sehr ausschmückt, klingt es schnell albern.“ Natürlich klang nichts an ihrem Gesang je albern! Für ihr Album „So wie ich“ hat sie Songs ausgesucht, die sie immer schon mal singen wollte – etwa die Ballade „Wenn der Abend kommt“ von Holger Biege. Dazu ließ sie sich neue Stücke schreiben. Drei Texte stammen von Gisela Steineckert, schon zu DDR-Zeiten ihre wichtigste Autorin. Uschi Brüning kennt die Vorbehalte gegen Steineckert als einstige Kulturfunktionärin, stellt aber fest: „Texten kann sie immer noch!“

„September ist der Täuschungsmonat"

Tatsächlich treffen die von Andreas Bicking sehr feinfühlig und elegant komponierten Stücke die Situation einer reifen Frau, die sich aber keineswegs mit der wehmütigen Rückschau bescheiden will. „Der Tag, der grad beginnt, malt mir Visionen, kühner als je“, heißt es da. Im wunderbaren Swing „September“ nach einem Gedicht von Eva Strittmatter singt sie: „September ist der Täuschungsmonat. Dass alles noch einmal beginnt. Verwirrung wie vor einem Frühling. Und wir: als ob wir ewig sind.“ Im Gespräch über ihre Version des Schlagers „Mit 17 hat man noch Träume“, besteht Uschi Brüning darauf, dass die Betonung nicht etwa auf dem „noch“ liege: „Mit 70 hat man auch noch Träume!“

Verglichen mit den epischen, hymnischen Stücken ihrer frühen Jahre wirken die neuen Songs intimer. Richtig stolz ist Uschi Brüning auf das Stück „Tagesträume“. Hier hat sie auf eine Komposition von Ernst-Ludwig Petrowsky selbst einen Text geschrieben, „Gedankensplitter, Assoziationen“. Es ist eine zarte Liebeserklärung an ihren Mann, der mit 82 neben ihr auf der Bühne sitzt – und so scharf spielt wie einst in der „Großen Melodie“.

Demnächst gastiert sie mit Manfred Krug im Konzerthaus. Doch statt neuer Songs hier sind eher Klassiker wie „Ganz Paris träumt von der Liebe“ gefragt: „Beim Jazzen kann das doch jeden Abend anders klingen.“ Im nächsten Jahr aber wird sie mit ihrer erlesenen Session-Band um Andreas Bicking, den Pianisten Matthias Bätzel und natürlich Ernst-Ludwig Petrowsky ihre neuen Lieder singen. Termine muss der Fan noch mühsam suchen. Hoffentlich bastelt ihr mal ein Verehrer eine eigene Webseite.