Ein Jazzfest zu kuratieren, gehört zu den kniffeligsten Aufgaben im Kulturbetrieb. Es gilt ein Programm zu gestalten, das der Tradition gerecht wird, als auch zeitgleich die spannendsten Experimente zu finden. Dann wäre da noch die Gier der Medien nach internationalen Stars und Sternchen. Und von den ganz Großen sind in der Jazzmusik, die man ja schon heute gern als „Klassik des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, leider nicht mehr viele lebende Exemplare übrig geblieben.

Und ständig braucht es besondere Anlässe: runde Geburtstage, Todestage, neue Tonträger und – im Jazz seit Jahrzehnten extrem beliebt – das Konzerteignisformat „Musiker spielen exklusiv für einen Festival-Abend zusammen“. Davon können etablierte Jazz-Labels dann gleich eine CD pressen, die unsere öffentlichen Sendeanstalten vorher für sie aufnehmen dürfen.

Für das diesjährige Jazzfest in Berlin brauchte man nicht lange nach einem Anlass zu suchen: Der 50. Festivalgeburtstag reichte aus, um von der Stadt in die Jazzwelt hinaus zu strahlen. Eine zweite thematische Klammer aber bot dem scheidenden Festivalleiter Bert Noglik der Tod des Holzbläsers und Flötenspielers Eric Dolphy, der tragischer Weise im Berliner Jazzfest-Gründungsjahr 1964 ausgerechnet in Berlin im Alter von nur 36 Jahren an den Folgen einer Diabetes gestorben ist.

Eric Dolphy gilt noch heute vielen Fans als unerreichter Avantgardist. Er führte nicht nur die Bassklarinette als Soloinstrument in den Jazz ein. Seine Musik –zwischen den Stühlen des Modern und Free Jazz wie auch an die Pforte der Neuen Musik anklopfend – wirkt noch heute wie George Gershwin mit einem gehörigen Sprung in der Schüssel. Und das ist ganz und gar nicht spöttisch gemeint, sondern soll nur zum Ausdruck bringen, wie unbeschreiblich frei und komplex Eric Dolphy für alle Ewigkeit klingt.

Aus dem Korsett der Erwartungen befreien

Niemand Geringeres als die Berliner Jazzlegende Alexander von Schlippenbach und seine kongeniale musikalische Partnerin Aki Takase führten am Freitag mit ihrem achtköpfigen Ensemble die Musik von Eric Dolphy in der Akademie der Künste am Hanseatenweg auf. Und ihre Aufführung war tatsächlich so etwas wie die Eierlegende Wollmilchsau für das Jazzfest 2014. Denn Dolphys Kompositionen – wie etwa aus dem wundervollen Album „Out To Lunch“ – zeigen, wie weit im Jetzt sich diese Musik schon in den Sechzigerjahren befand. Und wie sie sich noch heute Intervall um Intervall aus dem Korsett der Erwartungen befreien kann.

Die Musiker des Ensembles – wie etwa der stets gut aufgelegte Rudi Mahall, der die bei Dolphy so besondere Bassklarinette spielen durfte – überzeugten in ihren Solo-Ausflügen, aber vor allem als dröhnendes, durch Raum und Zeit jagendes Bläsersatz-Geschwader: mal hochkonzentriert, mal taumelnd in imaginierter Trunkenheit, so wie es dem großen Meister in seinen Kompositionen tatsächlich vorschwebte.

Auch der Sonnabend wurde in der Akademie Eric Dolphy gewidmet. Silke Eberhard und ihre Band Potsa Lotsa führten die unvollendete „Love Suite“ vor. Wunderbare, nervöse Kammermusik für den Termitenbau mit dem herausragenden Posaunisten Gerhardt Gschlößl.

Ein skurriler Beginn

Der 85-jährige Hardbop-Saxofonist Benny Golson hatte wenige Tage vor Festivalbeginn gesundheitsbedingt seinen Auftritt absagen müssen. Aber wie der findige Manager eines Fußballclubs, der für einen verletzten Top-Spieler auf dem Transfermarkt einen weiteren Star verpflichtet, verkündete das Jazzfest Berlin, statt Golson den ebenso legendären, 77-jährigen Saxofonisten Archie Shepp verpflichtet zu haben. Dessen Auftritt im Haus der Berliner Festspiele begann gleich ziemlich skurril, als er seine drei Mitmusiker vorstellte und ihm partout der Name des Pianisten nicht einfallen wollte. Dieser stand verlegen auf und gab selbst bekannt:, wie er heißt: Carl Morisset.

Das kurze Programm, in dem Archie Shepp zwischen Instrument und Gesang wechselte, stand allein schon wegen Shepps rundum gerechtfertigtem Legendenstatus über den Dingen und wurde – wie auch sein Konzert am Sonnabend in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zusammen mit Jasper Van’t Hof an der Orgel – frenetisch bejubelt. Auch Archie Shepp hat schließlich den Jazz über Jahrzehnte hinweg immer wieder zurück in die Freiheit geführt und sich nur allzu gerne mit außerparlamentarischem Widerständlern solidarisiert.

Der Saxofonist und Rapper Soweto Kinch zeigte dem Publikum am Freitagabend mit dem fantastischen, blutjungen Drummer Moses Boyd, wie verwandt Free Jazz und Freestyle Rap sind. Dass einige Gäste im Haus der Berliner Festspiele bei den HipHop-Einlagen kopfschüttelnd den Saal verließen, verdeutlichte einem ein weiteres Mal das Problem der Programmgestaltung. Ja, wie lange ist das noch einmal her, dass sich Jazz-Größen wie Herbie Hancock, Ornette Coleman oder Donald Byrd für die Anerkennung des HipHop im Jazz stark gemacht hatten?

Solche Fragen wird sich der kommende Festivalleiter stellen müssen. Von der Rechtfertigung neuer Jazz-Avantgardisten im Elektronik-Lager wie aktuell Flying Lotus ganz zu schweigen. Und dann gibt es noch all die jungen Berliner Jazzmusiker, die auch gerne wüssten, wo denn hier eigentlich ihre Bühne ist.