Jazzfest 2014 in Berlin : Wie ein durchgedrehtes Radio von 1970

Jason Morans „Fats Waller Dance Party“ schien ein Konzert, wie geschaffen für den 50. Geburtstag des Jazzfests. Eines, das die Vergangenheit ehrt und in die Zukunft blickt, auf höchstem Niveau von einem Star geführt, mit intellektueller Weitsicht und aktuellem Anspruch. Und es lud dabei, weil Jazz einst Pop war, noch explizit zum Tanz.

Morans Projekt würdigt mit dem 1943 jung verstorbenen Waller einen der einflussreichsten Pianisten und Entertainer der älteren Jazzgeschichte, dessen intensives Stride-Spiel Swinggrößen wie Count Basie und Modernisten wie Thelonious Monk gleichermaßen beeindruckte. Der 39-jährige Moran wiederum ist einer der brillantesten Pianisten seiner Generation, wie er im randvoll gepackten Saal des Hauses der Festspiele mit einem einleitenden, funkelnd intelligenten Set seines Trios Bandwagon unterstrich. Moran bewegt sich mitunter abenteuerlich, immer souverän und technisch virtuos, in jeder modernen Tradition und zeigt sich zudem stets klug aufgeschlossen gegenüber HipHop und allerlei Avantgarden.

Umso eigenartiger wirkte die Bearbeitung von Wallers Musik mit seinem Begleitquartett. Plakativ stand ein großer Pappmaché-Kopf des Geehrten, grinsend, mit Kippe im Mundwinkel, auf der Bühne. Er wird ihn doch nicht aufsetzen, konnte man noch kurz denken, bevor Moran ihn, nach einem rätselhaften Einstieg mit dem seit Santana 1970 auch popbekannten „Jingo-lo-ba“, tatsächlich überstülpte. Es folgten diverse Neo-Soul-Bearbeitungen von Waller-Klassikern wie „Ain’t Misbehavin’“ – das auf zwei monoton durchgezogene Harmonien reduziert und von Lisa Harris mit eleganter Seele gesungen wurde –, ein paar vom Kanye-West-Tourdrummer Charles Haynes expertenhaft gezischelte Drum’n’Bass-Breakbeat-Strecken und eine abschließende, lebhafte Latinsause. Trompeter Leron Thomas streute einige schöne, kühl modale Linien ein, Bandwagon-E-Bassist Tarus Mateen spielte angemessen funky, und zwischendurch verblüffte Moran an E-Piano und Flügel mit todschicken Engführungen seines zeitgenössisch freien Tons und Wallers Stride.

Aber das ganze Konzert hindurch fragte man sich – übrigens ergebnislos – nach dem Sinn dieses musikalischen Updates, das seine knapp neunzigjährigen Songs mit etwa zwanzig Jahre alten Beats fusionierte und dabei methodisch an die mittleren Siebziger erinnerte.

Immerhin war es in diesen Grenzen gekonnt und unterhaltsam, was man vom gleichermaßen historisch informierten Slapstickjazz der letzten Formation auf der Hauptbühne nicht sagen konnte. Mostly Other People Do the Killing, so ihr Name, parodierten mit allerlei Schnickschnack wie lustigen Bläsern, umfallenden Drummern und elektrifiziert quietschendem Banjo den New-Orleans-Jazz der Zwanzigerjahre. Exemplarisch für den lehrerhaften Auftritt spielte der Pianist sogar sein unswingendes Stride-Solo mit laut augenzwinkernden Hitzitaten von Beethoven, Debussy und allerlei Siebziger-Pop vom Blatt.

Schönerweise jedoch hatte der Tag am Nachmittag mit Mats Gustafsson begonnen. In der ausverkauften Akademie der Künste trötete der Brachialist aus der Brötzmann-Schule zunächst eine Stunde in seinem Trio The Thing ganz prachtvoll über harte, monotone, metalhaltige Punkriffs von Bass und Schlagzeug, bevor er sich vor die 27 jungen Musiker seines Fire! Orchestra stellte. Dieses irrsinnige Ensemble kann man sich ungefähr wie den Versuch vorstellen, ein durchgedrehtes Radio von 1970 mit modernen Mitteln nachzuempfinden. Es knurpselten diverse Keyboards und Analogsynthies, boten zwei Hippiemädchen und ein zugewachsener Zausel abwechselnd wunderbar freie Summer-of-Love-Gesänge und abstrakte Vokalgeräusche, drei Bässe und ein paar Trommler spielten sture, langsame Stonerrock-Mantren oder eintönige Punklinien, eine Pedalsteelgitarre ließ heftige Feedbacks streunen, und zwölf Bläser mischten in verschiedenen Formationen und Tutti Free-Jazz-Sätze und seltsam zärtliche Wogen darüber, darunter und hinein.

Mit dem dirigierenden Gustafsson in der Mitte entstand aus diesem eigentlich wilden und wirren Gemisch ein fantastischer, abwechslungsreicher, superlauter und jederzeit einleuchtend nachvollziehbarer Groove – ein Konzert, wie geschaffen für den Nachweis, dass man Jazz auch heute noch wunderbar feiern kann.