Seit Dienstag proben Sanders und Kühn mit Kühns Africa-Connection-Band im Haus der Festspiele. Zum Gespräch in seinem Hotelzimmer hat Sanders Räucherstäbchen angezündet, „damit es gut riecht, wenn die Gäste kommen“.

Vor 45 Jahren sind Sie schon einmal gemeinsam in Berlin aufgetreten, in der Bigband von Don Cherry. Wie kam es dazu?

Joachim Kühn: Don Cherry und ich hatten bereits 1965 in Prag zusammen gejammt, damals war ich noch DDR-Bürger, wohnte aber in Prag, weil ich Jazz spielen wollte. 1968 traf ich Cherry dann in Paris wieder, zufällig auf der Straße, und er engagierte mich sofort für eine zweiwöchige Club-Konzertreihe.

Pharoah Sanders: Don und ich haben in unserer New Yorker Zeit fast jeden Tag zusammen geprobt. New York war unsere Stadt. Heute lebe ich in Los Angeles, ich habe geheiratet, meine Tochter hatte Montag ihren elften Geburtstag. Sie heißt Naima, so wie die erste Frau von John Coltrane.

Wie kamen Sie selbst eigentlich zu dem Namen Pharoah?

Sanders: Zunächst nannte man mich Little Rock, weil ich aus Little Rock, Arkansas, stamme. Eigentlich ist mein Vorname Ferrell, doch später in New York, als ich mich bei der Musikergewerkschaft anmeldete, konnte ich einen Künstlernamen eintragen, da schrieb ich Pharoah. Meine Großmutter hatte mich als kleines Kind so genannt.

Kühn: Was mich mit Pharoah verbindet, ist sein unbeschreiblicher Sound. Es gibt viele Tenorsaxofonisten, doch ihn erkennt man am ersten Ton. Dass ein Übermusiker wie John Coltrane einen zweiten Tenorsaxofonisten in seine Band nimmt, hat mit Pharoahs gewaltigem Sound zu tun, der die Musik noch mehr befreit hat und über die Musik hinaus geht. Ihre gemeinsamen Aufnahmen bilden für mich den Höhepunkt der Jazzgeschichte. Diese Energie, diese Töne, als ich das hörte, wusste ich, damit werde ich mein Leben verbringen. Das ist bis heute der Fall.

Sanders: Ich wusste anfangs nicht, warum John mich engagieren wollte. Das war sein Ding, sein Gefühl. Ich fühlte mich seiner Musik noch gar nicht gewachsen. Ich war damals sehr scheu und dachte immer, dass ich nicht genügend über die Grundlagen der Musik wusste. Doch er sagte nur: „Spiel, du hast es in dir.“ Und dann spielte ich.

#textgallery

Ihre Musik war immer spirituell.

Sanders: Meine Mutter war sehr spirituell und religiös. Wenn ich Mist baute, sagte sie: „Gott mag das nicht.“ Später habe ich all die verschiedenen Erfahrungen in meiner Musik zum Ausdruck gebracht, als ein tief empfundenes Gefühl, das Klang wird. Als Alice Coltrane mich später fragte, ob ich mit ihr spielen möchte, improvisierte ich ausschließlich Sounds, die mit meiner Erfahrung zu tun haben. Ich hoffe, ich habe einen guten Job gemacht, habe mein Bestes gegeben. Hier ist Pharoah Sanders, und so klinge ich.

In Ihrer Zeit mit John Coltrane sollen Sie beide permanent auf der Suche nach neuen Mundstücken gewesen sein. Haben Sie das richtige mittlerweile gefunden?

Sanders: Ich habe die Suche aufgegeben und spiele heute mit denen, die ich habe. Der Sound kommt von innen, ist allein eine Frage des Gefühls und seines Ausdrucks. Das ist etwas sehr Natürliches. Es geht darum, immer weiter zu spielen, so deutlich und heftig wie möglich. Das versuche ich, das ist mein Weg. Ich versuche mich so gesund wie möglich zu ernähren, was nicht einfach ist, wenn man auf Reisen ist. Zu Hause koche ich gern vegetarisch, manchmal gibt es Fisch und Hühnchen.

Sie werden jetzt beim Jazzfest gemeinsam mit afrikanischen Voodoo- und Gnawa- Musikern auftreten. Welche Erfahrungen haben Sie selbst in Marokko gemacht?

Sanders: Sie verfügen über eine klassische musikalische Sprache, das gemeinsame Spiel war vor allem eine Erfahrung des kulturellen Austauschs. Ich habe ihnen eine meiner Kompositionen gezeigt, und sie haben sie in ihre Sprache übersetzt. Das Stück klang dann völlig anders, als ich es je zuvor gefühlt hatte. Die machen wirklich ihr eigenes Ding. Darin sehe ich trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen das Verbindende: Ich mache mein Ding.

Kühn: Bei der sehr rituellen Gnawa-Musik wird nicht improvisiert, das sind Sklavensongs, die seit Generationen innerhalb ihrer Kultur übermittelt werden. Da kommt ein ganz anderes Rhythmusgefühl zum Ausdruck, faszinierend.

Sanders: Ich habe mit Gospel und Blues angefangen, da komme ich her. Ich bin schon als Minderjähriger in den Blues-Clubs von Little Rock aufgetreten. Ich habe gefühlsmäßig eine starke Verbindung zu der Musik, die vom Leid unserer Vorfahren singt und von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Wann haben Sie in Ihrem Leben den Zeitpunkt gespürt, dass der große Sound vollendet ist?

Sanders: Daran arbeite ich bis heute. Jeden Tag. Man kann sich immer verbessern, die Suche nicht aufgeben, das Selbst zu finden. Wenn mich einer anruft und zu einem Konzert einlädt und die Konditionen stimmen, komme ich gern. Ich war nie der Tour-Musiker, die längste Tour meines Lebens hat knapp einen Monat gedauert. Jetzt bin ich in einem Alter, da ich auf meine Gesundheit achtgeben muss, damit ich weiterspielen kann. Ich bin dankbar, dass Joachim mich ausgewählt hat.

Das Gespräch führte Christian Broecking.