„Ich setze meinen rigorosen Optimismus dagegen.“ Dieser Satz gilt bei Anna Depenbusch, wann immer das Leben sich querstellt.
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BerlinIm bodenlang schwingenden Kleid läuft Anna Depenbusch eine breite Treppe hinauf, streift die Pumps ab, betritt den leeren Meistersaal mit Sakral-Akustik, formt ein paar helle Vokale wie aus dem Himmel gefallen – und strahlt. Dann setzt sie sich an den Flügel und singt ihr Album „Echtzeit“ ein. So kann man es sich auf YouTube ansehen. Sie wird keine Pause machen, bevor sie ihre elf Songs nicht in Echtzeit eingesungen hat, unterbrochen nur für den Moment, in dem der erste Vinylmitschnitt endet. Dort kann man die Platte später umdrehen. Sofort wird klar, was den Erfolg dieser Sängerin ausmacht – die Magie ihrer Stimme. Die ist von kristalliner Klarheit und trotzdem voller Wärme, in ihren Chansons wird jeder Buchstabe hörbar, sie bringt selbst finale Konsonanten zum Schweben. Und nichts an dieser Poesie wirkt artifiziell. Unter Anna Depenbusch kann man sich eine Erscheinung wie die Eisvogelfrau aus ihrem ersten Titel vorstellen, „glitzernd und heller leuchtend als jeder Scheinwerferschein“. Im Interview erzählt die Künstlerin von ihrer Deutschlandtournee, die am Tag eins endete, von ihrer Liebe zur Quantenphysik, ihren geplünderten Konten und warum sie es sich – nur der Kunst verpflichtet – bei allem immer richtig schwer macht.

Guten Morgen, Anna Depenbusch, ich erreiche Sie früh um neun in Ihrem Studio. Was machen Sie da? Ihre neue Platte ist gerade erst erschienen.

Ich zeige Bereitschaft für Inspiration. Nennen Sie es Aberglaube oder Disziplin, aber ich fahre jeden Morgen in mein Studio, sitze ab neun am Klavier und will bereit sein für das Treffen mit der Muse, denn sonst kann es nicht stattfinden. Es schwirren Lieder umher, die es noch gar nicht gibt – und wenn sich ein Lied für mich entscheidet, soll es auch seinen Weg finden. Daher versuche ich, regelmäßig zu erscheinen. Ich sitze und warte, eine wichtige Routine. Wenn nichts passiert, bin ich nicht enttäuscht, sondern übe Klavier. Das muss ich ja sowieso immer, immer.  

Die Lieder fliegen Ihnen also zu, wie praktisch! Müssen Sie denn in den Text Arbeit investieren oder ist der schon dabei?

Text und Harmonien kommen zusammen, sonst bleibt es nicht hängen. Ich spiele Klavier und singe dazu. Meist kommt ein Refrain oder eine Strophe, der Rest ist Arbeit. Ich tüftele an jeder Zeile.  

Am 12. März begann Ihre große Deutschland-Tournee in Fulda und am Freitag, dem 13., war sie wieder vorbei. Da hat das Land seine Jalousien runter gelassen und die Konzertsäle geschlossen. Wie wurden Sie damit fertig, monatelange Vorbereitungen in die Tonne zu treten? Haben Sie geheult oder Tassen an die Wand geworfen?

Na, ich hab schon geweint. Nach dieser ganzen Anspannung, es gab ja eine Dramaturgie, ein Ziel – und dann puff, alles weg! Ein Schicksalstag. Ich saß mit meiner kleinen Crew im Hotel, als der Tourmanager die Nachricht überbrachte, dass es jetzt nach Hause geht. Dort stellte sich Schockstarre ein. Ich war wie eingefroren, konnte nicht mal meinen Tourkoffer auspacken, mit den neuen Bühnenkleidern. Konnte mich vier Wochen nicht bewegen. Dann ging es wieder. Ich habe den Schalter umgelegt und bin zurück in mein Studio.

Frau Depenbusch, Sie machen sich das Leben gern schwer! Sie haben mit „Echtzeit“ eine Live-Schallplatte in Studio-Qualität eingesungen. Vollkommen altmodisch wurden alle Titel allein am Klavier in einem Durchlauf auf Vinyl aufgenommen. Warum so mühsam, wenn es auch einfach ginge?

Ich finde die Idee wahnsinnig zeitgemäß und modern, den Ton direkt an den Zuhörer weiterzugeben! Zu gucken, was bietet der Augenblick. Ja, so wurden früher Platten aufgenommen, und ich wollte umdenken, anders rangehen. Das verlangt natürlich Mut, weil man nachträglich gar nichts mehr ändern kann. Aber ich wollte der ganzen Selbstoptimierung, dem Perfektionismus, alles immer endlos zu schleifen und zu polieren, etwas entgegensetzen.  

Aber es ist gar nichts unperfekt an Ihrer Platte. Ehrgeiz und Optimierungswahn, den Sie auch Ihrer Liedfigur Tim mitgeben, wenn er seine Tina aus dem früheren Erfolgssong wiedertrifft, beides würde ich auch Ihnen attestieren. Sie machen sich sogar Tagespläne! Sicher sind Sie auch superfit und essen gesund.

Oh je, wie das klingt, aber ja, es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. In der Physik gilt das Komplementaritätsprinzip, etabliert von Niels Bohr. Die Gegensätze machen das System. Zum Perfekten gehört Chaos, zur Spielfreude die Lethargie. Wenn man wie ich seinen Beruf ein Leben lang ausüben möchte, kann man sich nicht nur auf Glück verlassen, er braucht auch Handwerk.

Sie argumentieren wie eine Naturwissenschaftlerin.

Ja klar, moderne Physik, Kosmologie, Quantenmechanik, Mathematik – das sind meine großen Hobbys. Auf meinem Nachttisch liegen nur Physikbücher. Das macht mich gerade jetzt so fertig, dass ich in keine Bücherhalle komme und zu keinem Vortrag. Was ich mir sonst alles anhöre am Desy, dem Teilchenbeschleuniger, oder an der Uni, das beflügelt meine Phantasie. Ich prophezeie sogar Umbrüche in den nächsten fünf Jahren, da wird in der Physik viel passieren.  

Sie sind so strukturiert!

Stimmt, dazu kommt ein Faible für Zahlen. Wenn ich um neun Uhr zum Anruf verabredet bin, rede ich mir zu, nee, warte mal noch auf 9:01, wie sieht das sonst aus? Ohne diese Struktur würde ich auseinanderfliegen. Je enger der Rahmen, desto bunter meine Fantasie!  

Sie ließen einen alten Flügel gegen jede wirtschaftliche Vernunft restaurieren und nennen ihn Frau Rachals. Sie reden mit ihr! Worüber?

Über Zeit und Vergangenheit. Sie ist ja hundert Jahre alt, in goldenen Lettern steht der Hersteller Rachals über der Tastatur. Ich stelle mir vor, wo die wohl überall gestanden hat! Holz ist ein organisches Material, das merkt sich Sachen. Ich frage mich, was sie erlebt hat, wer ihr wohl gegen die Beine getreten hat, dass die schon so schlimm aussehen. Sie regt meine Fantasie an. Von wegen Goldene Zwanziger! Was ich heute mache, wäre damals viel schwerer gewesen, wenn nicht aussichtslos.  

Beim Lesen des Archivmaterials hatte ich den Eindruck, dass man mehr weiß über die Herkunft Ihrer Flügeldame als über Ihre eigene. Wie konnten Sie werden, was Sie sind? Wie sind Sie aufgewachsen? Wer hat Sie ans Klavier gesetzt und für Ihren Gesang gelobt?  

Das Klavier war eine Hassliebe. Damit habe ich angefangen, weil es meinen Eltern für eine musikalische Grundausbildung wichtig war. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich dafür Dankbarkeit zeigen konnte. Es fiel mir einfach schwer, zehn Finger gleichzeitig zu koordinieren. Aber es lehrte mich, dranzubleiben. Etwas durch Üben beherrschen zu lernen, das man vorher nicht konnte, ist ein großartiges Gefühl. Es kommt nur zeitversetzt. Heute kommunizieren die Finger mit der Stimme, es gibt ein Wechselspiel. Ich schlage manchmal ganz reduzierte Akkorde an, aber wenn man darüber virtuos singt, fällt die spartanische Klavierbegleitung keinem auf.

Also geht Ihre Musikliebe zunächst auf die Eltern zurück.

Ich bin in einer sehr frankophilen Familie aufgewachsen, beide Eltern haben Französisch studiert, mein Vater spielte Akkordeon, wir sangen zusammen französische Chansons. Die Liebe zum dramatisch Chansonhaften kommt von zu Hause. Es gab auch großes Konfliktpotenzial, als ich Abitur machen sollte, aber schon Sängerin sein wollte. Der Deal hieß: erst Abitur! Dann konnte ich machen, was ich wollte.  

Mein Chor muss das Verdi-Requiem gerade online proben, wozu jeder seine Gesangsstimme aufnimmt – sie klingt ernüchternd! Umso anbetungswürdiger Ihre Stimme, die verliert selbst an gehauchten Stellen kein Volumen, behält in den Höhen jede Leichtigkeit. Ist sie gottgegeben, oder tun Sie was dafür?  

Die Stimmbänder sind für mich Muskeln, ich vergleiche sie gern mit denen von Leistungssportlern. Ich trainiere sie ständig, seit ich 15 bin, fühle ich mich dabei aber sehr zu Hause. Anders als das Klavierspiel gibt mir meine Stimme eine entspannte Sicherheit. Und ich singe einfach gern! Denke mir, ist auch gesund, kommt ein bisschen Sauerstoff ins Gehirn. Natürlich hatte ich tollen Gesangsunterricht und habe auch zeitig mit Auftritten angefangen, in Bands gesungen und bei Udo Lindenberg im Background. Ich bin sehr belastbar. Heiserkeit nach einem Konzert würde bei mir nicht vorkommen.  

Seit wann wissen Sie, dass Sie Sängerin werden wollen?

Ich bin eher in den Beruf reingestolpert. Mein älterer Bruder und ich waren auf einer Schule, in der Jazz eine große Rolle spielte, es gab Big Bands und Jazz-Ensembles. Improvisation und Gehörbildung hatten da schon ihren Stellenwert. Die Schule hat mich geprägt. Als meine Klasse im Berufsinformationszentrum war, fragte ich nach dem Ordner für Popsängerin und hörte: „Steht neben der Prinzessin“! Na ja, Popakademien gab es damals noch nicht. Mein Bruder hat dann die Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin abgeschlossen, ich aber fand das Studium für Jazzgesang dort enttäuschend und habe es nach einem Semester abgebrochen. Seitdem weiß ich, dass ich eigene Lieder singen will, und zwar auf Deutsch.  

Die wirken gerade jetzt wie der Soundtrack zur Corona-Zeit. Nicht gerade Müttern im Homeoffice, aber vielen anderen lässt der Shutdown die Muße, wegzutauchen, sich hineinzuhören in diese Zaubersongs.

Ja, ich glaube, die muss man mir dann tatsächlich schenken, die Zeit. Zuhören ist ja ein sehr aktiver Prozess. Ich wollte so einen Moment auf dem Album, wie er im Konzert entsteht. Da sitzen die Leute in wunderschönen Sälen und hören zu, erkennen sich vielleicht wieder in einem Lied.


Anna Depenbusch ...

  • ... ist Jahrgang 1977, wuchs in Hamburg auf. Sie trat schon als Schülerin in Bands und Jazzensembles auf. 2005 veröffentlichte sie ihr erstes von bislang sieben Alben. Bekannt wurde sie 2010 nach einem Auftritt bei „Inas Nacht“, mit Titeln wie „Tim und Tina“ sowie einem Duett mit Mark Forster. Sie schreibt auch unter Pseudonymen.
  • ... spielte ihr aktuelles Album „Echtzeit“ auf ihrem eigenen Label Liedland Records in den Emil-Berliner-Studios ein. Ihre Tournee musste sie abbrechen, am 23. September holt sie ihr Konzert im Admiralspalast nach.
  • ... verkauft ihre Platte bis  dahin auf ihrer Website www.annadepenbusch.de/shop.

Wollen wir ein bisschen Ina Müller huldigen? Ihre Sendung „Inas Nacht“ ist nicht nur hochamüsant, ohne sie hätte ich keine Ahnung von diesen Geschwadern großartiger Talente, die durchs Land schwirren. Und Sie wären sicher viel später aus dem Geheimtipp-Dasein getreten.  


Mein Auftritt in der Sendung 2010 war wirklich der Durchbruch. Plötzlich kannten alle meine Lieder, sodass ich eine deutschlandweite Tournee machen konnte. Ina Müller entscheidet ja nicht nur, wer in ihre Sendung kommt, sondern sie sucht auch das Lied aus. Die Plattenfirma kann sich da nichts wünschen. Sie wollte „Kommando Untergang“, statt „Tim liebt Tina“, womit ich gerechnet hatte, toll. Ina liebt die Musik, und ich bin ihr so dankbar.  

Unterdessen füllen Sie die schönsten Konzertsäle Deutschlands, die Elbphilharmonie war darunter, was kann da noch kommen?  

Meine Ambition ist nicht, noch größer zu werden. Gute Akustik ist mir wichtig – wie in Opern, Philharmonien, Theatern, Konzerthäusern. Ich weiß auch nicht, wie ich auf solche Sachen komme, aber ich stelle mir immer einen Stromausfall vor, und da möchte ich weiterspielen können, nur mit Klavier und Stimme. Das geht nicht in diesen Multikomplexhallen, da versendet sich der Sound. Ich will von der Bühnenkante gehört werden. In der Elbphilharmonie habe ich meine letzte Zugabe nur mit meiner kleinen Ukulele gegeben, ohne Verstärkung, einfach unglaublich. Auftritte in Österreich, der Schweiz oder auch in Frankreich würden mir natürlich auch gefallen.

Das verstärkt den Eindruck, dass Sie es sich gern schwer machen. Sie verzichten auf ein flirrendes Orchester für ein noch größeres Publikum, bieten stattdessen konzentrierte Lieder am Klavier. Eine Karriere wie Ihr früherer Duett-Partner Mark Forster streben Sie gar nicht an. Warum nicht? Was ist schlecht an Geld und Ruhm? Daran, im Radio zu laufen?

Vieles an der Mainstream-Popbranche reizt mich nicht. Den Karriereweg von Mark Forster habe ich ja miterlebt, er kann sich heute nicht mehr so einfach frei bewegen. Für mich wäre das ein großer Verlust. Ich will meine unsichtbare Beobachterposition nicht aufgeben, sondern vor die Tür gehen, mit der S-Bahn fahren, im Park spazieren, unerkannt in der Welt untertauchen und mitschwimmen in diesem ganzen Leben. Das ginge dann nicht mehr.  

Vom Zeitgeist getragene Popbands fürchten nach ersten Erfolgen, dass sie nichts mehr zu sagen haben. Kennen Sie das? Ihre Lieder verhandeln ja vor allem Beziehungsgeschichten – wollten Sie als Liedermacherin nie Titel von gesellschaftlicher Dimension schreiben? Mit Sendungsbewusstsein?

Sendungsbewusstsein habe ich auf der Bühne, da will ich natürlich nicht unsichtbar bleiben. Dieses Spiel zwischen Bühnenfigur im Rampenlicht und Naturforscher im Tarnanzug, das macht meine zwei Persönlichkeiten aus. Ich erzähle ja viel auf der Bühne. Etwa über dieses Lied „Astronaut“, in dem es um einen beziehungsunfähigen Mann geht. Mich erinnert er an Politiker, die glauben, ihnen gehöre die Welt. Doch ich lasse die Leute lieber mit ihren Gedanken allein, möchte keine Richtung vorgeben. Ob sie das auf dem persönlichen Ohr hören oder an den amerikanischen Präsidenten erinnert werden, sei ihnen überlassen.  

"Es schwirren Lieder umher, die es noch gar nicht gibt". Anna Depenbusch muss auch in der Krise täglich die Muse treffen.
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Kritiker und Fans sind ja absolut glücklich damit. Von Ihren Auftritten gibt es nicht einen Verriss, nur zügellose Schwärmereien. Wissen Sie überhaupt, wie sich Scheitern anfühlt?  

Also, das frag ich mich auch. Weil ich eine große Bewunderung habe für Stehaufmännchen, die in eine Schlammpfütze fallen, aufstehen und weitermachen. Das erlebe ich oft. Ich setze meinen rigorosen Optimismus dagegen, sehe überall noch Lichtlein flackern, was Leute in meinem Umfeld sehr nerven kann. Nennen Sie es naiv – meinen Optimismus habe ich mir erarbeitet.

Es gibt ein drittes Indiz dafür, wie schwer Sie es sich machen: Sie haben den Plattengiganten Sony verlassen und ein eigenes Label gegründet. Warum? Waren Sie unzufrieden?  

Ja. Dieses aufwändige Artwork finanziert keiner mehr. Eine Doppel-CD, auf beiden Seiten dasselbe – die Demo-Version mit Flügel und der Livemitschnitt, davon rät jeder ab. Auch von einer Vinyl-Platte, obwohl der Markt wieder in Richtung Schallplatte geht. Jedenfalls hätte ich dieses Album so nie machen können. Ich habe jetzt wahnsinnige Freiheiten, kann mehr ins Risiko gehen, flexibler reagieren, mein Timing gestalten und Leute jenseits vom Mainstream-Denken beschäftigen. In die Strukturen eines großen Labels muss man reinpassen, sich anpassen.  

Aber der Tournee-Abbruch wäre sanfter ausgefallen! Haben Sie keine schlaflosen Nächte?

Doch! Meine Reserven, Rücklagen, die Altersvorsorge, das alles habe ich in die Gründung des Labels gesteckt. Nichts von dem, was ich über zehn Jahre zurückgelegt habe, ist noch übrig. Die Herstellung der Platte zahle ich ja auch erst mal. Da gibt es Posten, die kannte ich gar nicht, Verpackungsgebühren, Retourenpauschalen. Also die Tournee muss stattfinden, unbedingt.

Springt jemand ein für den Abbruch, eine Versicherung?  

Nein, weil sie verschoben ist auf Herbst und Winter. Tickets behalten ihre Gültigkeit oder werden zurückgenommen. Natürlich fehlen mir die Einnahmen. Das nächste halbe Jahr muss ich irgendwie überbrücken, auch mit Staatshilfe. Letzte Woche habe ich spontan einen Online-Shop für Musik und Noten auf meiner Website eröffnet für Leute, die in der Quarantäne festsitzen. Ich schreibe Widmungen und verschicke die CDs direkt an die Absender, bis es mit den Konzerten weitergeht. Der Shop läuft sehr gut an.  

Nehmen Sie uns mal mit in Ihre Einkommenswelt. Ein Leben als Köchin, Ärztin oder Verkäuferin kann man sich indessen gut vorstellen, ein Künstlerleben nicht – zu unterschiedlich. Bekannt ist nur das lächerlich geringe Durchschnittseinkommen, Künstlerinnen verdienen 14 500 Euro – im Jahr! Durch Plattenverkäufe baut sich keiner mehr ein Häuschen – wie bestreiten Sie Ihr Einkommen?

Ich verkaufe Alben auf der Tournee, dazu kommen Lizenzen, Konzertgagen, Veranstaltungshonorare und Gema-Einnahmen. Jungen Musikern rate ich: Macht selbst, so viel ihr könnt. Ich habe mein eigenes Studio, kann die Produktion selbst fahren, die Software bedienen, das Mastering vorbereiten. Und ich schreibe eben alles allein, habe meine sieben Alben selbst produziert. Das zusammen macht es sehr stabil, also in normalen Zeiten. Schwierig wäre es bei Songwriter- und Produzententeams von fünf, sechs Leuten. Dann bliebe kaum was übrig.  

Den Zahnärzten wurden in der Corona-Zeit bereits 90 Prozent der Vergütungen von 2019 zugesagt. Der Hotel- und Gaststättenverband wirbt um Staatsgelder, denn jedes dritte Restaurant ist von einer Pleite bedroht, von Staats-Milliarden für Großkonzerne nicht zu reden. Die Existenz eines freiberuflichen Künstlers dagegen stirbt gewöhnlich still und unbemerkt. Was hören Sie aus Ihrer Branche?

Es gibt gewaltige Existenzsorgen und große Verzweiflung, viele fühlen sich jetzt schon hängen gelassen. Vor allem, wenn sie sofort an ihre Ersparnisse gehen sollen. Jeder Freiberufler hat so verinnerlicht, dass er Rücklagen bilden muss für Notfälle, für das Alter. Wenn das nun heute alles radikal aufgebraucht werden muss, führt das zu großer Zukunftsangst. Ja, auch wir Künstler haben ein Sicherheitsbedürfnis.  

Wie stabil ist Ihre Hoffnung, am 23. September im Admiralspalast aufzutreten, um das Konzert vom April nachzuholen?

Da schlägt sofort mein Optimismus durch, und ich sage: Das Konzert wird stattfinden wie die ganze Tournee! Ich freue mich wahnsinnig darauf. Hätte ich einen anderen Gedanken, wüsste ich nicht, wozu ich aufstehen soll. Aber ich sitze an Frau Rachals und übe schon!