Kristen Stewart als Jean Seberg - Against in All Enemies.
Foto: Prokino Filmverleih

Nur wenige Schauspielerinnen waren zu Lebzeiten so ikonisch und gleichzeitig so unglücklich wie Jean Seberg. Und nur von ihr darf man wohl sagen, dass FBI habe sie in den Tod gehetzt. Am 8. September 1979 fand man ihre Leiche in einem Renault, geparkt unweit der Champs-Élysées, wo sie zwanzig Jahre vorher zum Stern der Nouvelle Vague aufgestiegen war, in Jean-Luc Godards „Außer Atem“. Als Zeitungsverkäuferin Patricia, das burschikose US-Girl mit T-Shirt und dem legendären Kurzhaarschnitt, kannte sie die ganze Welt. Was war passiert?

Benedict Andrews’ „Seberg – Against all Enemies“ erzählt die weniger bekannte Geschichte hinter der Glitzerfassade. Und er beginnt zu diesem Zweck, das ist nicht ganz unwichtig, mit einer Pose. Als sich Jean Seberg auf einem Flugrollfeld neben die Black Panthers stellt und vor den Kameras der Weltpresse die Faust emporreckt, imitiert sie die Geste der Aktivisten – mit, wie sich zeigen wird, verheerenden Folgen. Eine Pose ist es auch, wenn sich Kristen Stewart in der Rolle der Schauspielerin mit dem Finger über den Mund streicht wie diese in ihrer berühmtesten Rolle. Streng genommen imitiert Seberg in „Außer Atem“ damit die Lieblingsgeste ihres Filmfreunds Jean-Paul Belmondo, den sie gerade verraten hat, aber ihr direkter Blick in die Kamera in dieser Szene war doch ein bisschen mehr, vermutlich Jean Sebergs größter Beitrag zur Filmkunst. Ein Regelbruch, für die Geschichtsbücher. Wie so oft in neueren Biopics ist die erfundene Szene die bessere.

Aber Sebergs Engagement für die Black-Lives-Matter-Bewegung der 1960er, die man noch nicht so nannte, ging tiefer. Und es war keineswegs öffentlich. Im Stillen tätigte sie ihre Überweisungen, beteiligte sich an Schulspeisungen für Ghettokinder. Es war ihr Versuch, einem Leben als Projektionsfläche zu entkommen, auch der notorisch schlechten Behandlung durch Männer. Die Brandwunden von ihren ersten Dreharbeiten – für die Rolle der heiligen Johanna von Orléans war das Mädchen aus Iowa von Regisseur Otto Preminger aus 18.000 Kandidatinnen ausgewählt worden – trug sie wie ein Kainsmal. Preminger hatte einfach weitergedreht. Ihr Künstlerleben begann auf dem Schafott, vielleicht ist sie von dort nie heruntergekommen.

Sebergs Beziehung zum Black-Panther-Führer lässt sich nicht belegen

All das schildert der Film in glatten, bisweilen luxuriösen, aber durchaus aussagekräftigen Bildern. Nicht alles lässt sich belegen, zum Beispiel ihre Beziehung zum charismatischen Black-Panther-Führer Hakim Jamal, doch man bekommt ein Gespür für die verlorene Situation des fragilen Weltstars. Sebergs Schriftsteller-Ehemann Romain Gary ist alles andere als begeistert (und sollte sich mit fiesen Drehbüchern rächen, die er ihr auf den Leib schrieb). Die militanten Panthers können sich nicht entscheiden, ob sie die Unterstützung dieser „Touristin“ wirklich wollen. Und dann, da wird es wieder problematisch, ist da auch noch das FBI.

Als der Filmemacher Andrews sein Werk letzten Herbst in Berlin vorstellte, auf dem „Around the World in 14 Films“-Festival, machte er aus seiner Bewunderung für Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ keinen Hehl. War es wirklich nötig, Sebergs geheimdienstliche Beobachtung aus der Sicht eines FBI-Mannes zu schildern? Sicher, als Stellvertreter eines jüngeren Publikums, dem der Name Seberg zunächst nichts sagt, hat er seinen Zweck. Doch bei der Beobachtung bleibt es nicht.

Der Bundesagent bekommt Skrupel, beginnt, ihre Motive nachzuvollziehen, ist entsetzt über eine von den Kollegen angezettelte Schmutzkampagne – man kennt die Geschichte. Der Erkenntniswert ist nur noch etwas geringer als im deutschen Stasi-Drama.

Die US-Kritiken des Films waren durchwachsen. Ein Film über eine weiße Schauspielerin im schwarzen Widerstand, darf man vermuten, passte nicht in die Zeit. Doch das war vor Corona, vor der weltweiten Protestbewegung, und manches sieht nun anders aus. Der eher konventionelle Film erinnert doch mit Wucht an eine Zeit, als es Solidarität noch nicht zum Nulltarif gab, die kleinste Geste geahndet wurde mit fürchterlichen Konsequenzen. Sebergs Rollen wurden kleiner, ihr Privatleben zusehends zur Katastrophe. Die einst Gefeierte war nicht Jane Fonda, von der es tatsächlich Fotos mit dem Vietcong gab, die selbst als „Hanoi-Jane“ eine Familie und halb Hollywood hinter sich hatte. Sie war wirklich allein. Mutmaßlich daran ging sie zugrunde, überfordert von allem.

Der Film kann unmöglich klären, was in einer Frau vorging, die an jedem Geburtstag ihres totgeborenen Kindes einen Suizidversuch unternahm. Aber er präsentiert Seberg auch nicht nur als Opfer, feiert ihre immersive Form des Aktivismus, promiskuitive Sexualität eingeschlossen. Und er hat mit Kristen Stewart eine Darstellerin, die in der filmischen Imitation dieses Lebens – seiner Widersprüche, vielleicht auch seiner Irrtümer – ganz bei sich ist. Eine wunderbare Leistung, zu der es schon mehr braucht als einen Kurzhaarschnitt.

Seberg – Against all Enemies ab 17. 9. im Kino, 102 Min., R.: Benedict Andrews, D.: Kristen Stewart, Jack O’Connell, Anthony Macki, Yvan Attal u. a.