Lise Leplat Prudhomme als "Jeanne d’Arc" im Film von Bruno Dumont.
Foto: Grandfilm

RouenVor genau 100 Jahren wurde Jeanne d’Arc heiliggesprochen – von jener Institution, die sie einst auf den Scheiterhaufen geführt hatte. Dass ihr Schicksal für Literatur, Musik und Film so bedeutsam werden konnte, liegt auch an der einzigartigen Quellenlage. Die bis zur Hinrichtung auf dem Marktplatz von Rouen führenden Prozessakten sind vollständig erhalten. An der Existenz des Mädchens und ihrem Leidensweg bestehen keine Zweifel. 

Georges Méliès, der früheste Magier des Kinos, hat im Jahr 1900 die Passion der Jeanne d’Arc zum ersten Mal verfilmt, dies auf betörende Weise, mit der ihm eigenen Lust am Experiment. Erzengel Michael schwebt etwa einen Meter über dem Waldboden, um sein Haupt erstrahlt ein handkolorierter, sich bewegender Lichtkranz, daneben weiden unbeteiligt zwei Ziegen. Der Film ist nur zehn Minuten lang. Er besteht aus Vision, Verhaftung, Prozess und Tod, so wie ungezählte nachfolgende Adaptionen auch. Darunter finden sich einige der eindringlichsten Leistungen der Weltfilmkunst.

Erinnert sei an Carl Theodor Dreyers fast ausschließlich aus Nahaufnahmen bestehende Bearbeitung von 1928 oder an Robert Bressons nicht minder statuarische Version aus dem Jahr 1962. Victor Fleming besetzte 1948 in seinem letzten Film Ingrid Bergman als Jeanne. Otto Preminger wählte 1957 unter mehr als zehntausend Bewerberinnen die damals noch völlig unbekannte Jean Seberg aus. Das auf dem Theaterstück von George Bernard Shaw beruhende Drehbuch schrieb Graham Greene.

1994 nahm sich der Nouvelle-Vague-Pionier Jacques Rivette in einer fast sechsstündigen Variante des Stoffes an, er besetzte Sandrine Bonnaire. 1999 folgte Luc Besson mit seiner damaligen Partnerin Milla Jovovich. Das Schicksal des von ihrer Mission bis in den Tod im Alter von nur 19 Jahren hinein überzeugten Bauernmädchens scheint ein unversiegbarer Inspirationsquell zu sein. Inzwischen gibt es auch japanische Anime-Varianten und Videospiele.

Doch ist es zunehmend schwierig geworden, den zahllosen Verfilmungen künstlerisch etwas hinzuzufügen. Der aus Nordfrankreich stammende Regisseur Bruno Dumont (Jahrgang 1958) hat es dennoch versucht, mit Erfolg. Seine beiden 2017 und 2019 entstandenen Filme basieren auf Texten des katholisch-sozialistischen Autors Charles Péguy (1873–1914), dessen Erbe von der Rechten wie Linken gleichermaßen in Anspruch genommen wird, genau wie das von Jeanne d’Arc.

Bei Dumont verwandelt sich die Nationalheilige zum unschuldigen Teenie-Girl zurück, das zunächst nicht recht begreift, was in ihm vorgeht. Verse aus dem späten 19. Jahrhundert deklamierend, hüpft sie zu Technobeats am Strand herum. So war die Heilige noch nie zu erleben. Einige Verfilmungen des historischen Stoffes um Jeanne d’Arc sind online oder auf DVD erhältlich. Die Bearbeitung durch Bruno Dumont kann auf der Webseite von Grandfilm abgerufen werden. Die Einnahmen werden mit den noch immer geschlossenen Kinos geteilt.