BerlinAls sich am Montagabend die erste Eilmeldung verbreitete, in Wien sei ein Anschlag verübt worden, fuhren die Medien ihre üblichen Affekte ab. Boulevard-Portale wie bild.de organisierten Live-Schalten, News-Redakteure setzten Sonderseiten auf, die sozialen Medien überschlugen sich mit emotionalen Nachrichten. Wie immer mischte sich in das berechtigte Informationsbedürfnis das pure Entsetzen und typische Sensationslust. Auf Twitter trendete der Hashtag #Wien, die ersten Videoaufnahmen der Attentate kursierten im Netz, Leser schwadronierten über Mutmaßungen und mögliche Hintergründe der Tat. Kurzzeitig ging sogar die Falschmeldung herum, in Wien sei es zu einer Geiselnahme gekommen.

Derweil bat die Wiener Polizei, Videoaufnahmen des Schusswechsels zwischen Polizei und Attentäter nicht zu verbreiten – aus ethischen Gründen, aber auch aus Schutz der Ermittler. Besondere Kritik erntete die Nachrichtenseite Oe24.at, die mehrere Videos der Attentate ins Netz gestellt und die Aufregung im Internet angepeitscht hatte. Danach teilte auch der Online-Kanal der Bild-Zeitung das Bildmaterial und präsentierte es in seinem Live-Feed in Endlosschleife, trotz der Bitte der Wiener Polizei, die Videos aus Respekt vor den Opfern nicht zu veröffentlichen. Rund 300 Beschwerden sind allein Montagabend gegen die Berichterstattung von Oe24.at und gegen die Tageszeitung Österreich beim Österreichischen Presserat eingegangen. Am Dienstag wuchs die Zahl der Beschwerden auf über 700. Auch Bild sieht sich aktuell mit Kritik konfrontiert. 

Die Rügen sind nachvollziehbar – nicht nur an den Boulevardmedien, sondern an jedem einzelnen Nutzer, der am Montagabend die Videos in den sozialen Medien geteilt und verbreitet hat. Denn, genau besehen, gleicht das Streuen von Terrorvideos der Vervielfachung von Angst und Schrecken. Und das ist genau das, was die Attentäter wollen. Sie wollen, dass wir uns fürchten, unsere Anstandsregeln, unsere zivilisatorischen Überzeugungen über den Haufen werfen, in Sensationslust verfallen und Hass, Panik und Angst verbreiten. Mit anderen Worten: Sie wollen, dass wir so werden wie sie. Wenn wir dieser Logik nachgeben, gerade medial, spielen wir den Terroristen in die Hände und werden nichts anderes als Handlanger ihres Terrors.

Was also tun? Die Beschwerden gegen die Medien sind verständlich, aber auch das gegenseitige Beschuldigen hilft jetzt nicht weiter. Was helfen würde, wäre eine innere Schulung in Besonnenheit – wenn jetzt alle Redaktionen und jeder Einzelne, der über einen Twitter- oder Facebook-Account verfügt, Schlüsse aus der Wiener Nacht zieht. Nachrichtenportale, Zeitungen und Onlinekanäle sind dazu da, um zu informieren. Natürlich muss die Öffentlichkeit über ein Attentat in Kenntnis gesetzt, müssen die Menschen vor Ort gewarnt werden. Aber das Teilen von Mutmaßungen, Halbwahrheiten und Schreckensvideos gehört nicht dazu. Die zivilisatorische Aufgabe besteht darin, Achtsamkeit von Panikmache zu unterscheiden. Terror kann nur mit dem Gegenteil von dem bekämpft werden, was Terror im Kern bedeutet: Unmenschlichkeit und Angst. Es mag plakativ wirken, doch hier passt ein Satz von Michelle Obama: „If they go low, we go high.“