Berlin - Jella Haase kommt auf leisen Sohlen. Die Schauspielerin hat sich ihrer Schuhe entledigt und läuft auf Socken durch die Räume ihrer Kreuzberger Künstleragentur. Plötzlich steht sie da, fast so wie mit ihrer Karriere: Haase ist gerade 23 Jahre geworden, sie hat schon den Bayerischen Filmpreis gewonnen. Der breiten Masse war die Berlinerin trotzdem lange unbekannt. Chantal hat das geändert, sie hat Jella Haase zum Star gemacht. Und plötzlich war sie da.

„Fack ju Göhte“ war 2013 der Überraschungserfolg in den deutschen Kinos. Elias M’Barek spielt darin einen Ex-Knacki, der Aushilfslehrer wird. Chantal ist seine Schülerin, eine Figur wie ein Klischee: prollig, nicht besonders helle, überschminkt. Eine Tussi, mit der sie nichts gemein habe, sagt Jella Haase. Aber sie respektiert den Charakter, verkörpert ihn glaubwürdig und widersteht der Verlockung, Chantal zur Witzfigur zu degradieren. Sie mag Stereotype erfüllen, oberflächlich bleibt ihre Figur nicht. Wahrscheinlich haben sie deshalb so viele Fans, Chantal und Jella.

Mehr als nur die Chantal

„Es war überhaupt nicht absehbar, dass es so erfolgreich wird“, sagt Haase. „Es hätte auch floppen können und dann hätte nie mehr jemand drüber gesprochen.“ Mehr als sieben Millionen Zuschauer haben den Film im Kino gesehen. Nach mehreren ernsten Filmen war die Rolle als Ausflug in ein anderes Fach gedacht, als Chance, sich auszuprobieren. Nach dem großen Erfolg spielte sie Chantal in diesem Jahr zum zweiten Mal. Schon nach wenigen Wochen übertraf „Fack ju Göhte 2“ die Zuschauerzahlen des Vorgängers.

„Den Durchbruch, das merkst du gar nicht“, sagt Jella Haase. „Man rutscht rein, das ist fast wie eine Abhängigkeit: Es passiert auf einmal.“ Sie stellt ein Bein angewinkelt auf den Stuhl, während sie Kaffee eingießt. Sie hat sich mal über ihr schiefes Gesicht beklagt, das manchmal auf Fotos sichtbar wird, weniger auf der Leinwand. Auch jetzt ist davon nichts zu sehen. Rundes Gesicht, lange Wimpern, mit ihren großen Augen hält sie Blickkontakt, wenn sie redet.

Tausende Menschen kamen, als die Filmcrew zum Kinostart von „Fack ju Göhte 2“ auf Werbetour ging. In Nürnberg brach die Polizei die Veranstaltung wegen Überfüllung ab, noch ehe sie begonnen hatte. Einige Mädchen kamen mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus. „Da habe ich gemerkt, dass es eine ganz neue Dynamik angenommen hat“, sagt Haase. Hysterisch kreischende junge Menschen, das habe sie überfordert – allerdings nicht lange: „Es ist surreal, weil man sich wirklich schnell daran gewöhnt.“

Während sie spricht, spielt die 23-Jährige an einer Halskette, die sie jetzt eigentlich gar nicht tragen dürfte. Ein befreundeter Stylist berät sie, er wählt Outfits für den roten Teppich, bei offiziellen Terminen soll sie keine privaten Sachen tragen, auch keinen Schmuck. Es gehe darum, die private Jella und die öffentliche Jella Haase zu trennen, sagt die, die beides ist. Der Pulli und die Jeans, die sie gerade trägt, sind von bekannten Marken zur Verfügung gestellt.

Jella Haase lebt momentan ein modernes Märchen: Fans, die ihr zujubeln, sie als Projektionsfläche sehen; sie fährt mit Chauffeur bei Premieren vor, zu denen ihr Designer teure Roben schicken. Gerät dabei ihre Bodenhaftung in Gefahr? „Ich habe Leute, die auf mich aufpassen“, sagt sie. Haase ist im Bergmannkiez aufgewachsen, ihre Eltern wohnen immer noch im gleichen Haus. Sie wohnt mit zwei Freundinnen in einer WG in Neukölln, in Schöneberg spielt sie Fußball im Verein, zweimal die Woche ist Training, am Wochenende ein Spiel. Sie umgibt sich mit alten Freunden, die nichts mit der Filmwelt zu tun haben.

„Manchmal ist mir alles zu viel“

Vor einem Jahr schrieb sich Haase an der FU ein: Geschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft. „Ich habe das schweren Herzens beendet“, sagt sie nun. Zu wenig Zeit, sie müsse das beim nächsten Anlauf besser planen. Ein Plan B für die Zeit nach der Filmkarriere soll das nicht sein. „Es fehlt mir total, etwas zu lernen: der Austausch, einen Text lesen, benotet zu werden. Es geht mir darum, mich geistig weiterzubilden.“

Sie sagt, sie könne sich hinter den Rollen verstecken, die sie spielt. Ihre Arbeit machen und dann nach Hause gehen. Aber sind diese Zeiten nicht vorbei? Heute rufen ihr Kids auf der Straße hinterher: „Ey, Chantal!“ Wenn sie allein unterwegs ist, sei das in Ordnung, aber in Gesellschaft von anderen, im Privatleben, fremdelt sie mit ihrer Bekanntheit. Vor ein paar Tagen, erzählt sie, saß sie mit Freunden in einem Restaurant, mitten beim Essen, als Fans sie nach einem gemeinsamen Foto fragten. Sie fand das unangebracht, wusste aber nicht, wie sie reagieren sollte. Also hat sie zugestimmt.

„Manchmal ist mir alles zu viel“, sagt sie. Der Verführungen und Fallen des plötzlichen Ruhms scheint sie sich bewusst zu sein: „Ich arbeite dagegen an, die Kontrolle zu verlieren.“ Doch mit dem Erfolg wächst auch die Erwartungshaltung abseits der Leinwand. „Wenn man kommerzielle Filme dreht, wird von einem verlangt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen“, sagt Haase mit Blick auf die „Fack ju“-Filme. Es sei Teil der Marketingstrategie gewesen, in den sozialen Netzwerken Einblicke ins Private zu geben. „Das war unumgänglich und auch ein gewisser Druck.“

Diesen Teil des Geschäfts war Haase nicht gewohnt. Zuvor hatte sie sich allein über die Arbeit und ihre Rollen definiert: ein 13-jähriges Mädchen, das eine Gangbang-Party veranstaltet, ein Junkie, eine minderjährige Prostituierte, eine labile Jugendliche in der Psychiatrie. Alle Charaktere eint ihre Suche nach Zuwendung. In „Die Kriegerin“ spielt Haase 2011 eine brave, sehr gute Schülerin, die sich mangels Anerkennung zur Nazibraut wandelt.

Der Film ist roh, brutal, aufwühlend. „Es gibt selten gute Regisseure, die es schaffen, einen so zu inszenieren, dass man es gar nicht merkt“, sagt sie. David Wnendt habe ihr beim Dreh ins Ohr geflüstert, sie solle spielen wie ein Alien. „Man hört dann auf zu denken, es muss intuitiv sein.“

Improvisation ist ihr Ding

Improvisation ist ihr Ding. Eine Schauspielschule hat Jella Haase nie besucht. „Ich hab als Kind schon Theater gespielt, ich hatte immer so einen Spieldrang in mir“, sagt sie. Abends im Hochbett erzählte sie ihrer Schwester Geschichten, die sie parallel auf dem Walkman gehört hat. Harry Potter gab dann den Impuls, es beim Film zu probieren: „Ich war damals auf Hermine eifersüchtig und habe einen Ehrgeiz entwickelt: Das kann ich doch auch!“ Also meldete sie sich bei einer Agentur an, mit 15 hat sie ihren ersten Kurzfilm gedreht.

Seither ging es für die 23-Jährige nur nach oben. Kritiker würdigen sie als eine der begabtesten Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie selbst könne das schwer beurteilen. „Ich sehe meine Filme nicht so gerne und habe mich noch nie damit beschäftigt, wie mein Spiel ist.“ Natürlich seien die Kritiken eine Bestätigung. „Aber ich weiß, es kann auch schnell wieder aufhören.“

Zwischen Arthouse und Mainstream

Das ist das Dilemma: Soll Haase alles mitnehmen, so lange es geht, bevor die Nachfrage abflaut? Oder macht sie sich rar, ehe sich das Publikum an ihr übersieht? Nach dem Erfolg von „Fack ju Göhte“ ist absehbar, dass künftig auch ihre weniger kommerziell angelegten Filme ein größeres Publikum haben werden. War die Komödie also ein bewusster und geglückter Zwischenstopp in der Karriereplanung? Nein, sagt sie, über solche Dinge mache sie sich „nicht so einen krassen Kopf“.

Ihre Schritte wirken dennoch sauber geplant. Im September hat Haase den ersten Fall des neuen MDR-„Tatorts“ in Dresden abgedreht, sie spielt darin eine Polizeianwärterin. Unterschrieben hat sie bislang nur für eine Folge. „Ich wollte mich noch nicht für vier Jahre festlegen. Ich glaube, das ist legitim.“

Ist das kokett oder weiß sie nur, was sie will? Sie ist erst 23, spricht aber abgeklärt wie jemand, der schon alles gesehen hat. Über den Mangel an guten Regisseuren und die Vielzahl an schlechten Drehbüchern, von denen sie „nicht so viel Scheiß zu lesen“ bekomme, ihre Agentin filtere gut aus. Es gab nach „Fack ju Göhte“ vermehrt Anfragen für Komödien, aber „eigentlich sind die ernsteren, tiefen Geschichten mein Gebiet und das ist es, was mich nach wie vor interessiert.“

„4 Könige“, der am 3. Dezember in den Kinos startet, ist so ein Film. Haase spielt Lara, ein warmherziges, aber auch bis zur Egozentrik trotziges Mädchen in der Jugendpsychiatrie. In einer Szene sitzt sie ihren Eltern gegenüber. Es ist der Tag vor ihrem Geburtstag, zu dem die Eltern nicht kommen werden, weil sie zum Weihnachtsfest Gäste erwarten. Während eines quälend langen Schweigens spiegeln sich in Laras Gesicht gleichzeitig Missachtung und die tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit.

Es ist ein stiller Film, der im Oktober auf dem Filmfestival in Rom einen Preis erhielt. Man kann über Clemens Schick als unkonventionellen Arzt schreiben und über das tolle junge Schauspielquartett, die „4 Könige“. Doch als der Trailer zum Film erschien, interessierte sich vor allem der Boulevard für etwas anderes: Lara lupft das T-Shirt, entblößt ihre Brüste. Es sind nur wenige Sekunden, sie haben nichts Sexuelles, sind bloß ein harmloser Spaß. Im Internet kursierte trotzdem ein Standbild der Szene, versehen mit irreführenden Überschriften: „Jella Haase zieht blank“.

Bessere Werbung für den Film könne es nicht geben, hätten einige gesagt. Haase hat das nicht überzeugt, sie hat die Nutzung untersagen lassen, die Screenshots sind inzwischen verschwunden. Vielleicht sind es Erfahrungen wie diese, die dafür sorgen, dass sich die 23-Jährige eine Distanz zur Branche wahrt. „Du drohst den Blick zur Realität zu verlieren, wenn du zu tief drinsteckst“, sagt sie. „Dinge werden ernst genommen, bei denen ich denke: Wir drehen einfach nur einen Film, wir retten hier keine Leben.“

Routiniert und dennoch arglos

Es gibt Wichtigeres für sie. „Die Welt gerät so aus den Fugen, und ich finde, man kann schwer durchkommen, ohne Position zu beziehen“, sagt sie. Jella Haase isst kein Fleisch, sie engagiert sich bei der Tierschutzorganisation Peta. Im Sommer hatte sie erzählt, dass sie Flüchtlingen beim Deutschlernen hilft, seitdem wählt sie vorsichtiger, was sie preisgibt. „Ich fand es doof, dass darüber geschrieben wurde, mir ist das immer noch peinlich, wenn ich darüber spreche“, sagt Haase und nestelt dabei unruhig an ihrer Kaffeetasse. „Ich möchte den Leuten helfen und mich nicht damit in den Vordergrund rücken.“

Plötzlich mischt sich eine verblüffende Arglosigkeit in ihr routiniertes Auftreten: Eine gefeierte Jungschauspielerin, die über die großen Probleme der Welt spricht, sich sogar selbst engagiert – und ausgerechnet darüber, hat sie geglaubt, würden die Medien nicht schreiben? Jella Haase hadert mit den Begleiterscheinungen des Erfolgs. Es lässt sich eben nicht alles kontrollieren.

Sie lese gerade Skripte zu zwei sehr interessanten Projekten, „für die habe ich Spielenergie in mir und Lust, weil es wichtige Filme sind“. Danach, so ist es momentan geplant, folgt eine Auszeit: Ausschlafen, durchatmen. „Ich sehne mich nach einem Alltag.“