Berlin/Rotterdam - Die Gewinner des 65. ESC-Jahrgangs kommen aus Italien: Måneskin heißt die Siegerband, vier junge Musiker, die sich für einen dänischen Bandnamen entschieden haben, weil die Bassistin dänische Wurzeln hat. Mit veritablem Rock hat die Truppe gewonnen, eine Musikfarbe, die nur selten vorkommt in der Geschichte des Wettbewerbs. 2006 siegte mit Lordi einmal eine maskierte Rock-Band aus Finnland. So ungewöhnlich ist die Musik beim ESC, laut und aggressiv, statt melodiösem Gesang wütendes Geschrei, Headbanging mit langen und ganz langen Haaren und tätowierten Oberkörpern, so sehr sind Måneskin in der Favoritenrolle von Beginn an, bei den Buchmachern wie bei den Fan-Charts im Internet. „Zitti e buoni“ heißt ihr Titel, „Still und brav“, und ermutigt, genau das nicht zu sein, sondern widerspenstig und unangepasst.

Im Februar hat die Band bereits das Sanremo-Festival gewonnen, diese italienische Traditionsveranstaltung, die es seit 1951 gibt und die dereinst Vorbild war für die Gründung des ESC 1956. Jetzt also auch beim ESC, seit nunmehr 31 Jahren wieder einmal ein Sieg für Italien, das in den frühen Jahren immer ganz vorne mitspielte: „Volare“ von Domenico Modugno, dritter Platz 1958, gilt heute noch als erfolgreichster, weil meistverkaufter Titel der gesamten ESC-Geschichte.

Und gleich der Verdacht, Damiano David hätte gekokst

Måneskin sind jung, ganz jung, Frontmann Damiano David ist der älteste der vier, gerade mal 22 Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich in der Schule und tingeln zunächst durch die Straßen von Rom. Bis dann die Clubs kommen, eine Castingshow, erste Platten, erste Erfolge, schließlich Sanremo und jetzt der ESC. Wie es das Klischee will, werden sie direkt nach ihrem Sieg sofort verdächtigt, kurz nach ihrem Auftritt im Greenroom gekokst zu haben. Bei der anschließenden Pressekonferenz der Sieger muss David sofort widersprechen: „Ich nehme keine Drogen, ich nehme kein Koks, niemals.“

Barbara Pravi aus Frankreich, die Zweitplatzierte, würde man nie einem solchen Drogen-Verdacht aussetzen. So klein und zart, wie sie hinter dem Mikrofon steht und ein Lied vorträgt, das ganz Europa dem prestigegewaltigen Genre „Chanson“ zuordnet. „Voilà“, so der Titel, ist ganz tief verankert in der französischen Musikgeschichte, ein bisschen Piaf, ein bisschen Brel, noch ein Schuss Barbara und Brassens obendrauf. Das ist nicht sehr originell, kommt aber an bei den Frankophilen des Kontinents, die beim Zuhören genüsslich mit der Zunge schnalzen und das Lied der Hochkultur zuordnen.

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Nicht sehr originell, aber so schön der Hochkultur zuzuordnen: Barbara Pravi aus Frankreich

Platz drei geht an die Schweiz, an Gjon’s Tears, einen 22-jährigen Sänger albanisch-kosovarischer Herkunft, der ebenfalls ein Chanson vorträgt, ein zeitgemäßes, voller Gefühl und in ganz hohen Tönen gesungen. Auf Platz vier und fünf folgen dann Island und die Ukraine. Bei dieser Rangliste bleibt anzumerken, dass vier der fünf erstplatzierten Titel in der jeweiligen Landessprache vorgetragen werden, der lang anhaltende Trend zum allein festivalfähigen Englisch scheint zurückzugehen.

Landessprache? In Deutschland kommt nur Englisch in Frage

Nicht so in Deutschland, da ist die Landessprache seit langem schon aus den Beiträgen verbannt, es kommt nur Englisch in Frage, schließlich will man siegen, europaweit. Aber damit hat es auch in diesem Jahr wieder nicht geklappt. „I Don’t Feel Hate“ heißt der Song des unbekannten Musicaldarstellers Jendrik, er ist ganz hinten gelandet und ohne Erfolgsaussichten, weder in Deutschland, geschweige denn in Europa. Dabei sollte der 26-Jährige doch gute Laune verbreiten, so wie dereinst Guildo Horn (1998) und Stefan Raab (2000). Aber es hat nicht geklappt, bei der Jury-Wertung gibt es dafür zwei Punkte aus Österreich und einen Punkt aus Rumänien, von den Televotern gibt es vernichtende null Punkte.

Wie kann das nur passieren? Der Sänger sei doch so talentiert und so charmant, tönt es seit Wochen aus der gut geölten PR-Maschine des für Deutschland zuständigen Senders, des NDR. Kaum ist der vorletzte Platz besiegelt, müht sich der langjährige ESC-Kommentator Peter Urban um eine Erklärung. Der Titel sei wohl zu schwierig und nicht verständlich für das europäische Publikum, mutmaßt Urban in völliger Realitätsverweigerung, denn dass es mit diesem Titel nichts zu gewinnen gibt, urteilen alle Fans und Experten seit dem Tag, als der Titel veröffentlicht wurde.

Der Weg zur deutschen Vorauswahl: Transparenz ist nicht die Stärke des NDR

Aber wie hat es der NDR wieder einmal geschafft, einen Verlierer für den Wettbewerb auszuwählen? Wie schon seit ein paar Jahren ist der Weg zur deutschen Vorauswahl nicht ganz nachvollziehbar. Der öffentliche Vorentscheid wurde abgeschafft, dafür sind es eine 100-köpfige Eurovisions-Jury und eine 20-köpfige Expertenjury, die aus angeblich mehreren hundert Bewerbern einen auswählen. Dazu gibt es noch die sogenannten Songwriting-Camps, wo mit international renommierten Komponisten und Textern erfolgversprechende Titel erarbeitet werden. Wer aber sich genau hinter diesen Schritten zur Auswahl verbirgt, erfährt man nicht. Transparenz ist nicht die Stärke des NDR.

Jendriks Performance: ein Kindergeburtstag in bunten Farben

Mit Jendrik hat der NDR, wie alle ARD-Anstalten zu einem strikten Sparkurs verpflichtet, eine besonders kostengünstige Variante ausgewählt. Der ehrgeizige junge Mann hat bereits ein fertiges, von ihm komponiertes Lied mitgebracht, auch das dazugehörige Video hat er schon auf eigene Kosten produziert. Die Hamburger Verantwortlichen müssen nur noch zugreifen, um dann den frisch Gekürten zu einem Ausnahmetalent und Hoffnungsträger hochzujubeln. Dem Songtitel wird dann noch eine zeitgemäße Message mitgegeben, das Lied richte sich gegen Hass im Netz und überhaupt auf der Welt. Propagiert wird darin, nimmt man es mal biblisch, das wohl bekannteste Zitat aus der Bergpredigt: „Wer euch auf die rechte Wange schlägt, dem haltet auch die andere hin.“

So ernst das Anliegen dem Sänger Jendrik sein mag, so kindergeburtstagsmäßig hat er es inszeniert, in bunten Farben, hektischen Tanz-, Hopps- und Stepptanzschritten fegt er über die Bühne, verfolgt von einer tanzenden XXL-Hand, die mal einen Stinkefinger zeigt und mal ein Peace-Zeichen. Das ist nicht gekonnt, aber ordentlich albern und wirklich nicht zu verstehen.

NDR spricht am Sonntag von einem „perfekten Auftritt“

Deutschland wird also nicht verstanden in Europa, wie Peter Urban sagt. Irgendjemand muss ja an diesem neuerlichen ESC-Desaster schuld sein. Der NDR, seit Jahren schon kritisch hinterfragt für sein erfolgloses Auswahlverfahren, weist auch diesmal jegliche Fehler zurück und es steht zu befürchten, dass der Sender so weiter macht wie bisher.

Oder wie ist sonst das Statement zu verstehen, das der NDR am Sonntag auf seiner Website veröffentlichte? Alexandra Wolfslast, Head der deutschen ESC-Delegation, erklärt dort: „Mein Herz schlägt für den wunderbaren Jendrik und sein Team: Das war ein perfekter Auftritt, eine in sich schlüssige Inszenierung mit einer wichtigen Botschaft. Dass Musik polarisiert und Geschmackssache ist, wussten wir auch. Trotz aller Enttäuschung – Jendrik hat seinen Traum vom ESC mit uns gelebt! Wir sind stolz auf ihn.“

Man kann es getrost als die Arroganz einer öffentlich-rechtlichen Anstalt benennen, jedes Jahr völlig konsequenzlos einen neuen Verlierer zu produzieren. Zurück bleiben die Künstler, die mit viel Vorschusslorbeeren in die Verkaufsmaschinerie geschoben werden, um sie dann bei Misserfolg prompt fallen zu lassen, in die Namenslosigkeit, ins Vergessen. Oder wer erinnert sich noch an Ann Sophie (2015), Jamie-Lee (2016), Levina (2017) oder die Sisters (2019)? Jendrik wird wohl der Nächste sein auf dieser Liste.