„Da, und nicht da.“ – Hinweise auf die Psychoanalyse gleich im ersten Satz eines Romans sind nicht immer eine gute Idee. In Jenny Hvals Roman „Perlenbrauerei“ handelt es sich jedoch zum Glück nur um einen Vorboten für das, was auf den übrigen 160 Seiten noch alles an Traumresten und Unheimlichkeit an Land gespült werden wird.

Das Land ist eine von Nebel und Austauschstudenten malträtierte Stadt namens „Aybourne“, irgendwie britisch, aber selbst nach hartnäckigem Googeln auf keiner Karte zu finden. An diesem Ort am Meer strandet die junge Norwegerin Jo, Hvals Protagonistin und Ich-Erzählerin, schon zu Beginn des Romans. Ohne Plan, außer dem, bald mit dem Biologiestudium beginnen zu wollen, streift sie durch die Stadt, auf der Suche nach einem Zimmer und – wie insgeheim vielleicht alle jungen Erwachsenen – nach einem eigenen Körper.

Über einen Aushang auf dem Campus gerät Jo an die etwas ältere Carral, die einen gewöhnlichen Job, aber eine coole Wohnung hat. Es ist die „Perlenbrauerei“: eine stillgelegte Fabrikhalle, die statt Türen und Fenstern jede Menge Ritzen und Nischen hat, durch die alles Mögliche sickert und kriecht – ganz anders als in Norwegen, wo „norwegische Geräusche mithilfe gut isolierter, trockener Wände fein säuberlich voneinander getrennt“ werden. Also tut Jo genau das, was man ihr in ihrer Lage raten würde: Sie zieht zu Carral in die Perlenbrauerei, beginnt das Studieren und sieht zu, was unterdessen mit den Körpern geschieht.

Das Haus bestimmt das Bewusstsein

Die Körper sind einerseits menschliche, allen voran die von Carral und Jo, zwischen denen es schon bald lesbisch knistert, andererseits auch alle möglichen nicht-menschlichen Phänomene und Lebewesen: „Käfer, Larven und Spinnen“, spontan gezüchtete Milchkulturen, saftige Äpfel in verschiedenen Stadien der Verwesung und ein einsamer Waldpilz, der im schwer zu lüftenden Badezimmer aus den Spanplatten-Wänden herauswächst. All das führt Hval unterhaltsam zusammen – in dialogintensiven Kurzkapiteln mit unscheinbaren Anfängen und lyrischen Schlüssen, in denen die Natur, die Träume und das Haus ihr widerspenstiges Eigenleben entfalten.

Während die erotische Spannung steigt und die ganze Umgebung zum triefenden Schwellkörper wird, klopft plötzlich der Nachbar Pym an die Tür. Es handelt sich um den Typ sanftmütiger Holzfäller (roter Vollbart, erdfarbene Kleidung), der nach Feierabend empfindsam Gedichte schreibt. An einem jener tieftraurigen Ausgehabende, an dem Empfänglichkeit europäischer Erasmus-Studentinnen auf Männer stößt, steckt Pym erst Jo die Zunge in den Rachen und vögelt später mit Carral durch eine stroboskopisch beleuchtete Nacht.

Für einen Moment befürchtet man, es gehe von nun an mit einer abgehalfterten Dreiecksgeschichte weiter, doch zum Glück bleibt Pym, wie so vieles in diesem Roman, nur eine Episode. Und selbst Carral und Jo drohen als Protagonistinnen von der immer heftiger atmenden Perlenbrauerei ersetzt zu werden.

Man kann dieses Take-Over der Wohnung als Hommage an den Surrealismus lesen, vielleicht aber noch eher als ein Bekenntnis zur Romantik. Hvals Figuren, allen voran die Erzählerin Jo, erfahren sich als unendlich einsamer Teil einer Natur, in der die Grenzen zwischen Körpern und Umwelt fließend verlaufen. Zugleich gibt es Anzeichen dafür, dass die weirdness der Umgebung auch eine Art Heimat sein könnte für all jene, die sich fremd fühlen im heteronormativen Menschenpark. So kann man vermuten, dass Jos Faszination für Pilze weniger mit deren Vermögen zur Bewusstseinserweiterung zu tun hat. Sondern mehr mit der Tatsache, dass sie sich „sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich reproduzieren können“, wie Jo aus ihrem Lehrbuch für Pilzwissenschaft erfährt.

Natur als Subkultur

Dem letztes Jahr wiederbelebten März-Verlag im Verbund mit den Übersetzerinnen Rahel Schöppenthau und Anna Schiemangk ist zu danken, dass Jenny Hval nun auch auf Deutsch als Schriftstellerin zu entdecken ist. Besser bekannt war sie bislang als Musikerin, zu deren vielen Talenten auch das Schreiben begnadeter Songtexte gehört. Eine der Zeilen, die man nicht mehr vergessen will, ist aus dem Track „Kingsize“ und lautet: „I always wanted to be less subculturally lonely“.

Im Roman ist die Subkultur, die uns, wenn wir Glück haben, weniger einsam macht, die Natur. So wird im Verlauf des Romans immer weniger wichtig, ob Jos Begehren nun lesbisch, queer oder einfach weird ist, ob ihr Körper weiblich oder männlich ist, fort oder da. Entscheidend ist, dass sie sich als Teil einer Umgebung erfährt, die im ständigen Werden begriffen ist, die permanent wuchert und wächst, aber auch verrottet, verwest und vergeht. Auch für die Leser:innen springt dabei die Lektion heraus, dass auch das Leben im Grunde nichts anderes ist als eine Perlenbrauerei: Immer braut sich was zusammen; doch ab und an schwimmt oben auf dem Schaum eine seltene, glitzernde Perle.

Bewertung: 4 von 5

Jenny Hval, „Perlenbrauerei“, März Verlag, Berlin 2022. 168 Seiten, 22 Euro.