Berlin - Explodierende Dauerwellen, Pornoschnauzbärte und Schulterpolster  – wenn von den 80er-Jahren die Rede ist, verständigt man sich schnell auf eine paar modische Standards als Signatur einer Zeit, die mit gebührendem Abstand als seltsame Geschmacksverirrung daherkommt. Der Pop-Chronist und langjährige Redakteur der Berliner Zeitung Jens Balzer gilt als unerbittlicher Diagnostiker der Zeitläufte, der in seinen Analysen nicht bei Fragen des musikalischen Geschmacks stehenbleibt. Nachdem er die 70er-Jahre als entfesseltes Jahrzehnt beschrieben hat, widmet er sich in seinem neuen Buch jener Zeit, die zwischen Ökologie und Apokalypse auf der Suche war nach neuen, manchmal sehr widersprüchlichen Ausdrucksformen.  

Im Januar 1980 findet in Karlsruhe der Gründungsparteitag der Grünen statt. Wie bei den großen Friedens- und Anti-AKW-Demonstrationen der Zeit versammeln sich auch hier viele Menschen, um gemeinsam ihr Dagegensein auszudrücken. Wobei sich das Dagegensein nicht auf die zivile Nutzung der Atomenergie und die nukleare Aufrüstung beschränkt. In der neuen Partei treffen sich politische Strömungen, die in den siebziger Jahren noch getrennt verlaufen sind. Neben den Friedens- und Umweltbewegten finden sich Aktivistinnen aus der Neuen Frauenbewegung, aber auch Dritte-Welt-Initiativen, die gegen den Hunger in unterentwickelten Ländern kämpfen oder dortige Befreiungsbewegungen gegen die kapitalistische Ausbeutung unterstützen. Und schließlich wechseln die letzten noch aktiven Protagonisten aus dem zerfallenden Milieu der K-Gruppen in die Partei. Eine Abspaltung des Kommunistischen Bundes, die Gruppe Z, bemüht sich schon auf dem Gründungsparteitag darum, die generelle politische Orientierung der Grünen nach links zu verschieben.

Die Eröffnungsrede auf dem Karlsruher Parteitag wird von dem konservativen Ökologen und ehemaligen CDU-Abgeordneten Herbert Gruhl gehalten; er trägt bei seinem Auftritt, wie es für Politiker damals üblich ist, Anzug und Schlips. Damit steht er in der Karlsruher Stadthalle beinahe alleine da. Der einzige andere prominente Anzugträger ist der Westberliner Anwalt Otto Schily, der in den siebziger Jahren dadurch bekannt geworden ist, dass er die Mitglieder der RAF im sogenannten Stammheim-Prozess verteidigte. Zu Beginn seiner Zeit bei den Grünen wird er sich vor allem dem Vorhaben widmen, die Angehörigen weltanschaulich eher konservativer Strömungen wieder aus der Partei zu drängen – wie zum Beispiel eben Herbert Gruhl, der die Grünen darum zwei Jahre später verlässt.

Im Geist des „Do it yourself“

Abgesehen von den beiden verfeindeten Anzugträgern Schily und Gruhl sind die grünen Männer in Karlsruhe mehrheitlich informell, schluffig und schlampig gekleidet. Sie tragen grob gestrickte, gern auch zu weit geschnittene Pullover – sogenannte Schlabberpullover – , dazu Cordhosen und manchmal Cordjacketts mit großen Lederaufnähern an den Ellbogen. Die Bekleidung der weiblichen Grünen-Mitglieder wird ebenso von selbstgestrickten Pullovern beherrscht sowie von weiten Maxiröcken, die bis auf den Boden fallen; wenn Hosen getragen werden, dann handelt es sich um weite, sehr bequeme und die Körperform verhüllende Pluderhosen oder um die noch aus der Neuen Frauenbewegung stammenden Latzhosen. Röcke, Hosen und auch Blusen werden gerne selber genäht und gefärbt, Letzteres am liebsten im Batikverfahren, bei dem man durch das Zusammenknüllen der Textilien während des Färbeprozesses knittrige Muster erzeugt, die wahlweise exotisch oder psychedelisch wirken oder beides.

Generell herrscht in den Alternativ- und Gegenkulturen am Anfang der achtziger Jahre der Geist des „Do it yourself“; wobei dies nicht zwangsläufig bedeutet, dass man alles selber schneidern, nähen und färben muss. Man kann den Willen zur Nachhaltigkeit auch dadurch unter Beweis stellen, dass man in Secondhandläden kauft. Auf diesem Weg kommen die Angehörigen der Alternativkultur massenhaft zu einem Bekleidungsstück aus einer von ihnen eigentlich abgelehnten Institution: zum Bundeswehr-Parka. Das ist ein gefütterter, olivgrün gefärbter Anorak mit Kapuze, wie er bei den westdeutschen Streitkräften zur Grundausstattung gehört. Der Parka ist robust und hält auch bei winterlichen Anti-AKW-Demonstrationen im norddeutschen Flachland warm; auch symbolisiert er mit seiner militärischen Gesamtanmutung, dass der Träger oder (seltener) die Trägerin zum entschlossenen Widerstand gegen die Staatsmacht bereit ist.

Bundeswehr-Parkas werden mit aufgestickten kleinen Deutschlandfahnen ausgeliefert, die vor dem ersten Tragen natürlich abgetrennt werden müssen. Wer das nicht tut, geht das Risiko ein, bei Demonstrationen in Diskussionen verwickelt zu werden über die Frage, ob man das, wofür diese Fahne steht, etwa gut findet; wer sich hingegen – wie es damals noch verbreitete Sitte ist – mit einem roten Stern an der Mütze oder mit einem Aufnäher der sowjetischen Hammer-und-Zirkel-Fahne schmückt, hat vergleichbare Diskussionen nicht zu befürchten.

Imago
Nie ohne Kopfbedeckung: Jassir Arafat als modischer Trendsetter

Einen ausgeprägt antiimperialistischen Charakter hat das beliebteste Oberbekleidungs-Ergänzungsstück in dieser Zeit: das Palästinensertuch, kurz „Palituch“ oder nur „Pali“ genannt. Das weiße Baumwolltuch mit Quastenrand ist mittig mit einem schwarzen oder roten Karomuster bedruckt; an den Rändern sind lange Streifen in jeweils derselben Farbe eingestickt. Es geht auf die Kufiya zurück, eine nach der irakischen Stadt Kufa benannte Kopfbedeckung von Beduinen und Bauern, die zum Schutz vor der Wüstensonne und vor Sandstürmen dient. Entsprechend gut kann das Palästinensertuch bei Demonstrationen dazu gebraucht werden, sich gegen Tränengas und Wasserwerfer zu wappnen.

Der wesentliche Grund für die Palituch-Mode ist aber nicht praktischer, sondern symbolischer Art. Als Trendsetter für das Tuchtragen wirkt seit Ende der sechziger Jahre der bei deutschen Öko- und Friedensbewegten ausgesprochen populäre palästinensische Politiker Jassir Arafat; er zeigt sich in der Öffentlichkeit niemals ohne Kufiya, die er mit einer schwarzen Kordel am Kopf befestigt. Als Vorsitzender der Fatah-Partei und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) kämpft Arafat für die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz“ des Staates Israel, wie es in der Verfassung der Fatah aus dem Jahr 1964 heißt.

Zeichen welcher Solidarität? Das Palästinenser-Tuch 

Wer die Kufiya trägt, bekundet damit nicht nur seine Solidarität mit Arafat und der PLO, sondern darüber hinaus auch mit den „antiimperialistischen Befreiungskämpfen“ in aller Welt. Besonders beliebt sind in dieser Zeit etwa auch die Sandinisten in Nicaragua, die man unter anderem mit dem kollektiven Kauf von fair gehandeltem Kaffee, der „Sandino-Dröhnung“, unterstützt. Aber auch die kubanische Revolutionsregierung unter dem Diktator Fidel Castro und die baskischen Separatisten der ETA werden von westdeutschen Linken als gerechte Kämpfer für die Freiheit und Selbstbestimmung ihrer Völker verehrt. Lediglich dem Volk der Juden gesteht man weder das eine noch das andere zu; wer Anfang der Achtziger ein Palituch trägt, unterstützt damit willentlich oder auch nicht das – erst in den neunziger Jahren widerrufene – Ziel Jassir Arafats und der PLO, im „Endkampf“ gegen den Staat Israel diesen ein für alle Mal von der Landkarte zu tilgen.

Diese Idolisierung des antiisraelischen Kampfes passt gut in die lange Tradition des linken Antisemitismus in Westdeutschland. Doch gibt es noch eine weitere Bedeutungskomponente darin: die alternativkulturelle Sehnsucht nach Authentizität. Mit dem Palituch verwandelt sich der Träger, jedenfalls auf symbolischer Ebene, in den Angehörigen eines einfachen (Wüsten-)Volkes, das auch unter widrigen Naturbedingungen zu leben und zu kämpfen versteht, nicht so entfremdet ist wie das eigene – und sich auch noch im revolutionären Kampf gegen eine niederträchtige Besatzungsmacht befindet. Wer sich mit der Kufiya zum ideellen Palästinenser oder zur ideellen Palästinenserin erklärt, wird damit Teil eines globalen Kampfes gegen kolonialistische Mächte oder jedenfalls gegen zwei bestimmte kolonialistische Mächte, nämlich die USA und Israel.

Diese Aneignung einer politisch aufgeladenen ethnischen Symbolik ist nicht neu und auch nicht exklusiv mit den Alternativkulturen verbunden; man findet sie in Westdeutschland schon lange vor der Ausbreitung des Palituchs, und zwar in der großen Leidenschaft für Indianerkostüme und das Cowboy-und-Indianer-Spielen. Bis in die siebziger Jahre verkleiden sich nicht nur Kinder beim Fasching gerne als Indianer, es gibt unzählige Wildwest-Vereine, in denen auch Erwachsene als Trapper und Apatschen posieren. Die erfolgreichsten Filme der Sechziger sind die „Winnetou“-Filme mit Pierre Brice, zu den meistbesuchten Theaterinszenierungen zählen bis in die achtziger Jahre und darüber hinaus die Karl-May-Spiele im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg. Wenn dort in jedem Sommer die „Winnetou“-Romane in Freilichttheater-Fassungen aufgeführt werden, kostümieren sich nicht nur die Schauspieler, sondern auch viele Zuschauer und Zuschauerinnen als Cowboys und Indianer.

Jassir Arafat und die Stadtindianer

Die Parallelen zur Palästinenserverkleidung liegen auf der Hand: Auch wer sich zum Indianer macht, identifiziert sich mit einem Volk, das authentisch und naturverbunden ist – und zugleich von der Ausrottung durch eine unbarmherzige Kolonialmacht bedroht wird. Darum begeistern sich die Deutschen gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit so sehr für die Indianer. Nachdem sie sich selber gerade noch an der Ausrottung eines ganzen Volkes versucht haben, können sie im Indianerkostüm aus der Rolle der Täter in jene der Opfer wechseln. Hinzu kommt, dass bei Karl May die guten Cowboys und „Westmänner“ immer Deutsche im Ausland sind, die als strahlende Helden den bedrängten Indianern beistehen. Das heißt: Man befindet sich, in welche Kostüme auch immer man schlüpft, auf der richtigen Seite der Geschichte und kann sich von der eigenen historischen Schuld befreien.

So ist Jassir Arafat der Winnetou der achtziger Jahre und das Palituch die alternativkulturelle Version des Indianerkopfschmucks. Wobei den Palituchträgern und -trägerinnen sogar noch jene Vollendung der Vergangenheitsverdrängung gelingt, an der die restaurativen Kräfte der Nachkriegszeit trotz intensiven Bemühens doch scheitern mussten: nämlich sich als Deutsche wieder in die Position einer politischen und moralischen Überlegenheit über die Juden zu begeben.

Im Faible für ethnische Stammesbekleidung zeigt sich aber noch etwas anderes: nämlich dass ihre Träger sich eben als Angehörige eines Stammes betrachten, als Mitglieder einer Gemeinschaft, die in einer feindlichen Welt gemeinsam einen sicheren Platz für sich suchen. Das ist ein Unterschied zu dem Selbstverständnis der Alternativkultur in den Siebzigern, zumindest noch zu Beginn des Jahrzehnts. Im Nachklang von Woodstock und 68er-Bewegung sahen sich die Angehörigen der neuen sozialen Bewegungen als Erfinder und Schöpfer, als Avantgarde einer globalen Weiterentwicklung der Menschheit. In den Achtzigern ist diese Gegenkultur defensiv geworden und fragmentiert; es geht ihr nicht mehr darum, etwas Neues zu erschaffen, sondern darum, Schlimmeres abzuwenden; man bildet Stämme, um sich von der Welt abzugrenzen und sich im gemeinsamen Dagegensein vor ihr zu schützen.

Als „Stadtindianer“ bezeichnen sich – nach dem Vorbild der italienischen „indiani metropolitani“ – noch in den Achtzigern Gruppen von rebellischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in den Innenstädten leerstehende Häuser besetzen, um dort „autonome“ Jugend- und Kulturzentren zu gründen oder sich in Wohngemeinschaften gleich häuslich einzurichten. Unter den vielen Gruppen, die sich im Januar 1980 beim Gründungsparteitag der Grünen versammeln, gibt es ebenfalls eine mit dem Namen „Stadtindianer“. Sie hat eigentlich nur ein politisches Anliegen, nämlich die „Legalisierung aller zärtlichen sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern“.

Auszug aus: Jens Balzer: „High Energy. Die Achtziger – das pulsierende Jahrzehnt“. Rowohlt Berlin, 400 Seiten, 28 Euro. Erscheint am 15. Juni.

Buchpräsentation 19.6., 14 Uhr, im Freiluftkino Friedrichshain.