Manchmal können komische Hobbys auch zum Vorteil gereichen. Beispielsweise das Auflegen von Schallplatten mit schwer tanzbarer Bassmusik und ungeraden Rhythmen: Es bringt nicht nur frühe Hörschäden und häufige Müdigkeitsgefühle mit sich, sondern einen auch immer wieder an Orte der Welt, an die man sonst nicht käme und dies unter anderen Umständen eventuell auch gar nicht wollte. Am vergangenen Wochenende bin ich etwa in einer Gruppe von Berliner DJs nach Levi gereist, um dem dortigen Publikum die Vorzüge aktueller Berliner Clubmusik nahezubringen. Bei Levi handelt es sich um ein Städtchen im nördlichen Zipfel von Lappland, und zwar in jenem Teil, der sich wiederum im nördlichen Zipfel von Finnland befindet, woran man schon sieht, dass Levi recht weit im Norden liegt: 170 Kilometer nördlich des Polarkreises. Noch weiter nördlich kommt dann im Wesentlichen nichts mehr, außer dem Nordpol natürlich.

Rentierbraten, Rentiersteak, Rentiersuppe

Veranstaltet wurde die Fahrt von Nordic by Nature, einer Berliner Agentur, die sich ansonsten um den Import nördlicher Popmusik nach Berlin bemüht. Zum ersten Mal bemühte man sich nun um den Import von Berliner Popmusik in den Norden, und zwar auf Einladung eines großen Ski- und Wellness-Hotels in Levi, dem Hullo Poro, was auf Deutsch in etwa „Verrücktes Rentier“ bedeutet. Rentiere sind ein großes Thema in Lappland, schon deswegen, weil es mehr Rentiere als Lappen gibt. Die Zahl der Rentiere wird auf 200.000 geschätzt, die Zahl der Lappen hingegen auf 160.000, und das, obwohl die Lappen sich große Mühe geben, die Rentierzahl kleinzuhalten. Zum Essen gibt es wahlweise Rentierbraten, Rentiersteak, Rentiereintopf oder Rentiersuppe, zum Rentiersteak werden unterschiedliche Soßen auf Rentierbasis gereicht. Vor oder nach dem Verzehren von Rentieren kann man aber auch Ausflüge zu Rentierfarmen machen, wo die possierlichen Tiere zum Streicheln stehen. Oder man lässt sich von Rentieren in einem Schlitten ziehen. Die Straßen in und um Levi herum sind von dreieckigen „Vorsicht-Rentier“-Warnschildern gesäumt.

Barthaare brechen ab

Wer aus Berlin nach Levi möchte, muss zuerst nach Hannover fahren, am dortigen „International Airport“ stoppt mehrmals in der Woche ein Rundflug, der von München über Hannover ins lappische Kittilä und dann in den nordschwedischen Zipfel von Lappland führt. Als wir am Freitagmittag in Kittilä ausstiegen, zauberte gerade noch der Schein der untergehenden Sonne goldenen Glitzer auf die verschneiten Hügel und Wälder, was einen für Sekunden darüber hinzuwegtäuschen vermochte, dass es auch zur Mittagsstunde recht kalt in Lappland ist: minus 20 Grad, fallend. Es war dermaßen kalt, dass mir sofort der Bart gefror. Als ich mit den Fingern dagegenschlug, brachen einzelne Haare ab und fielen auf den vereisten Boden, weswegen ich dergleichen fortan lieber ließ.

Von Kittilä aus sind es zehn Kilometer bis Levi, einem beliebten Skifahrzentrum. Direkt am Ort befindet sich eine große Loipe mit sehr vielen Laternen daran, denn in den Wintermonaten ist es ja fast rund um die Uhr dunkel. Wer also gern nachts und in extremer Kälte auf Kufen einen Hügel hinunterschießt, ist in Levi an der rechten Adresse.

Süße Melodien mit ruppigen Beats

Die Veranstaltung, bei der wir auftraten, trug den Titel „Lapp Dance“ und zog sich über zwei Abende hin, sie fand in der Hullo Poro Arena statt, die ansonsten ein gemischtes Programm aus Hardrock-Konzerten und Strip-Shows anbietet. Mit dabei war unter anderem Kid Simius, den das Berliner Publikum von seinen fabelhaften Breakbeat-trifft-Gitarre-und-sonstigen-Klangwahnsinn-Platten kennt, aber auch als DJ und musikalischen Mitarbeiter des allseits beliebten Rappers Marteria. Die von ihren Auftritten in der Panorama Bar bekannte DJ Ada verband wie stets in geschmeidiger Weise süße Melodien mit ruppigen Beats. Das Duo Local Suicide und der DJ Reznik boten Techno- und House-Programme dar, während der Haus-DJ des Deutschen Symphonie-Orchesters, Johann Fanger, den sonst herrschenden Minimalismus mit ein paar musikalisch-blumigen Ornamenten verzierte. Ich selbst versuchte mich an Post-Dubstep und Industrial Techno. Alle Beteiligten absolvierten mithin hervorragende Sets, verbrüderten sich mit den anwesenden Lappen und beschlossen die Abende auf landesübliche Weise durch den schnellen Konsum sehr großer Mengen hochprozentigen Alkohols.

Dumpfes Brummeln und Trappeln

Nach getaner Arbeit konnte man sich dann zur Erholung zum Beispiel von diszipliniert handelnden Huskyhunden auf einem Schlitten durch erstarrte Eislandschaften ziehen lassen. Als Misserfolg muss man lediglich die wiederholten Versuche bewerten, am nächtlichen Himmel die berühmten Polarlichter zu sehen. Am letzten Abend kämpften wir uns bei nunmehr 25 Grad minus und frischem Nordwind an einen abgelegenen zugefrorenen See, weil dort abseits der Stadt besonders gute Sichtungs-Chancen bestehen sollten. Und wirklich: Absolute Einsamkeit und Dunkelheit herrschten! Allerdings nur für drei Minuten. Dann erhob sich über der eisigen Fläche ein dumpfes Brummeln und Trappeln, und wir wurden von etwa zweihundert japanischen Touristen in michelinmännchenhaften Schneeanzügen umringt, die ebenfalls auf Polarlichtsuche waren. Auch an diesem Abend zeigten die zickigen Stratosphärenschleier sich allerdings einmal wieder nicht.

Doch egal: Für erfolglose Touristen gibt es eine eigene App mit dem Namen „Lapplify“, mit der man in die eigenen Urlaubsfotos mühelos Polarlichter, aber auch Rentiere, Huskys, Bären und Lappen in Originaltracht hineinmontieren kann. Sieht aus wie echt! Das „Lapp-Dance“-Festival in Levi wird am kommenden Wochenende mit Auftritten von Berliner Künstlern wie The/Das, Molly Nilsson und Shameless/Limitless fortgesetzt.