Der Theaterschauspieler Jens Harzer ist ein Künstler des Zwischenreichs. Als Sprecher ein Sänger mit seiner hellen, fliegenden, fragenden Stimme. Als Spieler ein die Pose verweigernder Tänzer, der mit schlenkernden Bewegungen und hängenden Schultern dennoch das Energiezentrum jeder Aufführung ist. Ein dialektischer und zugleich träumerischer Darsteller, selbstzerstörerisch und strahlend.

Im Berliner Theater kennt man Harzer vor allem als Astrow, als Arzt in Tschechows „Onkel Wanja“, Partner von Ulrich Matthes in der Inszenierung von Jürgen Gosch am Deutschen Theater. Zusammen wurden sie 2008 bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute dafür zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt. Seine zweite solche Auszeichnung, diesmal allein, erhielt Harzer 2011 für die Rolle des Erzähler-Ichs in Peter Handkes „Immer noch Sturm“, inszeniert von Dimiter Gotscheff am Hamburger Thalia Theater, dessen Ensemblemitglied Harzer seit 2009 ist.

Wie für die Ewigkeit

Mit beiden Regisseuren, Gosch (der 2009 starb) und Gotscheff (der 2013 starb) arbeitete Harzer nur einmal, aber in beiden Fällen wie für die Ewigkeit. „Onkel Wanja“ ist noch zu sehen, und auch wenn das Thalia Theater „Immer noch Sturm“ nach knapp acht Jahren Laufzeit jetzt aus dem Programm nimmt, hat die formale Kraft, Musikalität und menschliche Intensität dieser Arbeit für die Behandlung von zeitgenössischen Texten im Theater Maßstäbe gesetzt.

Dass das Thalia Theater die letzten beiden Vorstellungen dieser Produktion jetzt – als Solidarbeitrag für die Volksbühne – in Berlin zeigt, ist also ein echtes Geschenk. Außer Jens Harzer spielen auch Bibiana Beglau und Hans Löw mit, Oda Thormeyer oder Tilo Werner.

Handkes slowenische Familie

Handke schrieb „Immer noch Sturm“ 2010. Es ist ein stark biografisch gefärbtes Erinnerungsstück an eine (seine) slowenische Familie im österreichischen Kärnten während der Nazizeit, an die Erfahrung der Unterdrückung, des Widerstands, dessen Zerschlagung, an die Hoffnung auf kulturelle Akzeptanz nach Kriegsende und die darauf folgende Resignation. Der erzählerische Trick ist der einer Beschwörung: Sein Ich lässt erinnernd auferstehen, was er selbst gar nicht bewusst erlebt haben kann, was aber auf ihn gekommen ist als stummes Erbe, das er durch seine Sprache erlöst.

Der Schauplatz ist ein beleuchtetes Rund auf leerer Bühne, auf das Kathrin Brack die meiste Zeit Blätter rieseln lässt, als wären diese die Zeit selbst, die alles zu bedecken sucht. Jens Harzer sitzt zunächst am Rand, mit dunklen Brillengläsern, wie Handke sie als junger Mann eine Zeitlang tragen musste, eine schmale, beiläufige Gestalt, deren Sprechen (siehe oben) aber der Engelsruf ist, der die Welt der Ahnen hervorlockt: die Großeltern, die Mutter, deren vier Geschwister, die unterschiedliche Wege gehen und einander sogar verraten, ohne sich je wirklich zu verlassen. Harzer beschreibt und beobachtet sie, treibt sie an und umkreist sie tröstend, dazu Akkordeonmusik von Sandy Lopicic.

Visionäre Sprachbehandlung

Die Sprachbehandlung ist hier insgesamt visionär. Harzers wie körperlose, Bilder schaffende Anrufung rahmt das konkret erlebende Sprechen der Familie, das sich teilweise zu Chorpassagen verdichtet, dann wieder entschieden auseinanderstrebt.

In einer Art lasziven Dringlichkeit spielt Harzer die Erinnerung selbst, die das pralle Leben mit der einen Handbewegung ins Recht setzen, mit der anderen zu Staub zerfallen lassen kann – Privileg des Erzählers, dessen Rolle Handke so liebt, weil er immer wieder beginnen und Fragen so lange stellen kann, bis es rein gar keine Antworten mehr gibt.

„Es ist immer noch Sturm“ schreit Harzers Ich am Ende in einem langen Monolog gegen das Vergessen an, wohl wissend, dass die Aufmerksamkeit der Welt längst woanders ist, immer weg, nie da, wo man sie braucht, ein Letzter seiner Art, tief berührend. Dann verstummt es auch.