Berlin - Den Traum, berühmt und geliebt zu werden, den wollen viele leben. Aber es ist dann doch ein Segen, nicht reich, berühmt und eine Person im Rampenlicht zu sein, sondern ein ganz normaler Bürger, dessen privates Leben niemanden interessiert.

Wer die Gerichtsverhandlung heute am Berliner Landgericht im Fall des Fußballprofis und Weltmeisters Jérôme Boateng als unbeteiligter Beobachter verfolgt hat, der wird nach einer guten Stunde wohl zwangsläufig zu dieser Einsicht kommen.

Bei der Gerichtsverhandlung geht es, grob gesagt, um das Andenken der verstorbenen Ex-Freundin des ehemaligen Bayernprofis Jérôme Boateng: Kasia Lenhardt. Die junge Frau hat sich im Februar 2021 kurz nach der Trennung des Fußballstars in der gemeinsam angemieteten Wohnung in Berlin-Charlottenburg das Leben genommen, am Geburtstag ihres damals erst sechsjährigen Sohnes, der aus einer vorigen Beziehung stammt.

Nach dem Tod ihrer Tochter kämpft die Mutter der Verstorbenen nun vor Gericht um das Andenken ihrer Tochter. Mit einer Unterlassungsklage gegen den Fußballstar möchte sie verhindern, dass Aussagen aus einem Interview, das Boateng kurz vor dem Freitod – man hatte wenige Wochen zuvor noch gemeinsam Weihnachten gefeiert – die Zukunft ihrer Enkelkinder noch über den Tod der eigenen Mutter hinaus über Jahre hinweg belasten.

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Ex-Freundin Kasia Lenhardt: Wie sehr belastet ihre Beziehung mit Boateng das Leben ihrer Angehörigen auch nach ihrem Tod?

Konkret geht es darum, so versucht der Medien-Anwalt Markus Hennig, der Adrianna Lenhardt vertritt, zu erreichen, dass Aussagen von Boateng über seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt aus einem Bild-Interview, das nur Tage vor ihrem Tod veröffentlicht wurde, aus den (Online-)Medien verschwinden. Boateng sagte damals nur wenige Tage vor dem Freitod seiner Ex-Freundin über sie: „Meine Ex wollte mich zerstören.“ Außerdem warf er ihr vor, dass sie über ihn gelogen, Social-Media-Accounts gefälscht und ihm Ärger gemacht habe. Außerdem habe sie massive Alkoholprobleme gehabt. Boateng behauptete auch, dass seine Ex-Freundin ihn erpresse und zu einer Beziehung gezwungen habe, ihm weiter gedroht habe, seine „Karriere zu ruinieren“ und dafür zu sorgen, dass er das Sorgerecht für seine Kinder verliere.

Es geht um den Ruf von Kasia Lenhardt

Das Interview war der Abschluss einer unglücklichen und dysfunktionalen Beziehung eines jungen Models mit einem der berühmtesten Fußballstars des Landes. Die, so rekonstruierte es das Nachrichtenmagazin Der Spiegel anhand von Aussagen der Mutter der Verstorbenen und von Whatsapp-Sprachnachrichten, von Gewalt, Eifersüchteleien, angeblichen Substanzmissbrauch, Missgunst und Betrügereien geprägt war.

Und genau gegen die Interview-Äußerungen von Boateng wehrt sich nun die Familie Lenhardt, weil sie der Meinung ist, die Aussagen von Boateng aus dem Februar 2021 hätten das postmortale Persönlichkeitsrecht der Verstorbenen verletzt und damit das Lebensbild von Kasia Lenhardt über ihren Tod hinaus herabgewürdigt und entstellt.

Im Schriftsatz von Markus Hennig heißt es dazu: „Die Klägerin möchte vermeiden, dass nicht nur ihr Enkelkind, sondern auch die minderjährigen Geschwister der verstorbenen Tochter, also die weiteren Kinder der Klägerin, diesem Schmutz im Internet insbesondere in der Phase des weiteren Heranwachsens weiter ausgesetzt werden.“

„Alles ist nach wie vor im Internet nachlesbar“

Und auch wenn das Gericht heute in den Äußerungen von Boateng erstmal „keine grobe Entstellung“ des Lebensbildes und damit des postmortalen Persönlichkeitsrechts von Kasia Lenhardt sieht, möchte Lenhardt mit ihrem Anwalt in sieben Wochen weitermachen und hofft darauf, doch noch die Löschung aller Aussagen aus dem Bild-Interview zu erreichen. Auch – so erfährt man es in den anschließenden Wortwechseln zwischen Hennig und der Richterin –, weil sich Kasia Lenhardt zu Lebzeiten wohl hätte erfolgreich gegen die Aussagen wehren können, weil die Hürden für eine Verletzung des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts für sie damals niedriger gewesen seien. „Ich kann dem Sohn und der Mutter nicht erklären, dass Kasia Lenhardt zu Lebzeiten mit einer Klage Erfolg gehabt hätte, aber nach dem Tod andere Hürden gelten“, sagte Rechtsanwalt Hennig.

Er ist auch der Auffassung, dass ein solcher Fall in früheren Zeiten für die Angehörigen in der Zukunft weniger belastend ausgefallen wäre, da Zeitungsinhalte früher nicht mehr wirklich nachlesbar gewesen wären und einfach in den Zeitungsarchiven verschwunden wären. „Aber in diesem Fall ist alles nach wie vor im Internet nachlesbar“, sagt Hennig. Die Rechtsprechung in solchen Fällen berufe sich schließlich auf Urteile, die 40 bis 60 Jahre zurückliegen, die Sache müsse im Zeitalter von sozialen Medien und Online-Redaktionen einfach neu betrachtet werden. Schließlich sei Recht im Fluss und ändere sich ständig.

Es geht also um die Frage, welche Folgen Aussagen einer berühmten Persönlichkeit, wie die von Boateng in den Kommentarspalten und sozialen Medien, auslösen können, und wie das die Psyche Betroffener und Angehöriger heute belastet, wenn sie, wie bei Kasia Lenhardt geschehen, etwa einen Shitstorm auf den eigenen Accounts auslösen.

Die Anwältin der Gegenseite sprach im Gericht davon, dass Boateng das Interview mit der Bild-Zeitung zwar im Nachhinein bedauere, allerdings keine Veranlassung dafür sehe, von den Medien die Löschung der strittigen Passagen zu verlangen. Warum der Fußballstar, der derzeit vor einem Wechsel von Olympique Lyon in die USA steht, es ablehnt, der Mutter und der Familie seiner ehemaligen Lebensgefährtin außergerichtlich entgegenzukommen, darüber kann man natürlich nur spekulieren.

Nur eines ist klar, in Zeiten von immer mehr fortschreitendem Professionalismus im Profifußball werden Fußballer nicht mehr nur von Familienangehörigen beraten, sondern mehr oder weniger große Teams aus Spielerberatern, Marketingagenturen und Sponsoren schlachten systematisch die Millionenprofite der Fußballer aus und modellieren dazu gleichzeitig deren Image.

Vielleicht sieht Boateng, wenn er die Löschung der eigenen Aussagen von sich aus verlangt, oder sich medienwirksam entschuldigt, dadurch ein Einfallstor für weitere negative Berichterstattung über seine Person oder ein indirektes Eingestehen einer Mitschuld am Freitod von Kasia Lenhardt. Denn nach ihrem Tod gab es Kommentare in den sozialen Medien, die schlussfolgerten, der Fußballspieler habe seine ehemalige Lebensgefährtin in den Tod getrieben.

Dass Jérôme Boateng Schwierigkeiten hat, seinen sportlichen Erfolg und Vorbildcharakter im Privatleben fortzuführen, zeigt auch die Beziehung zu einer früheren Freundin und der Mutter seiner zwei Kinder. Das Amtsgericht München hatte den Fußballstar im September 2021 zur Zahlung von 1,8 Millionen Euro Strafe wegen Körperverletzung an seiner früheren Freundin verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Boateng seine damalige Freundin auf einem Urlaub geschlagen, geboxt, ihr in den Kopf gebissen, sie auf den Boden geschleudert und dabei heftig beleidigt habe. Eine weiße Weste schein der Fußballprofi jedenfalls in seinem Privatleben nicht zu haben.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de