Jerry Dammers' AKA Orchestra: Raumpatrouille vom Saturn

Berlin - Als wir nach einem kurzen Besuch an der Bar das Haus der Kulturen der Welt verlassen, hört man aus dem großen Saal noch immer Musik. Nach fast dreieinhalb Stunden wollen die Leute noch immer zu Jerry Dammers’ Spatial AKA Orchestra durch die Reihen tanzen, während einige der rund zwanzig Musiker bereits durch die Aula in die Garderoben herabtröpfeln, nicht ohne entgegenkommenen Besuchern noch ein paar Töne mit auf den Weg zu geben.

Es war ein überraschendes, großes und auch großartig grenzenfreies Konzert, das am Sonntag das viertägige HKW-Programm „Unmenschliche Musik“ beendete. Nach improvisierenden Grillen, Gletschern und jeder Menge Maschinen und Robotern konnte man zum Abschluss fast zwangsläufig nur Musik von Aliens präsentieren, und die beruhte mit Dammers’ Bigband auf den Lehren Sun Ras, dem vermutlich ersten und weitest gereisten Afronauten der Geschichte.

Den Geist Sun Ras heraufbeschwört

Bekanntlich kam Sun Ra als Herman Blount zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Saturn, um uns die Musik des fernen Planeten nahezubringen, bevor er sich 1993, knapp achtzig Jahre später, wieder auf den Heimatplaneten verabschiedete. Jerry Dammers wiederum, offenbar ein aufmerksamer Schüler, hatte 2006 seine Bigband erstmals und zunächst nur als einmaliges Tribut an den Meister zusammengestellt. Dies jedoch mit derartigem Zuspruch, dass er die Musiker seither unregelmäßig für Auftritte zusammentrommelt.

Schon die logistische Bereitstellung kann man sich verhältnismäßig unmenschlich vorstellen. Denn nicht nur spielen im Spatial AKA Orchestra eminente Instrumentalisten des britischen Jazz, darunter die Pianistin Zoe Rahman, Saxophonist Denys Baptiste und Flötist Finn Peters. Dammers’ Keyboardburg sieht aus wie eine UFO-Kommandozentrale, wie überhaupt die Bühnenausstattung mit ihren zahlreich hängenden Alienfiguren, ägyptischen Sarkophagen und Raumgleitern von liebevollster aufreibender Kleinarbeit erzählt. Schließlich muss man die Musiker auch noch wie Sun Ras Arkestra in prachtvoll wallende, glitzernd bunte, antik ägyptisierte Spacegewänder, mongolische Lappenkappen und Masken kleiden. Doch die größte Leistung des Spatial AKA besteht darin, Sun Ras Geist auch musikalisch heraufzubeschwören und dabei den ohnehin enormen Kosmos der Musik sinnfällig auszumalen und zu erweitern.

Dammers erscheint zunächst ein recht unwahrscheinlicher Kandidat für ein solches Jazzprojekt. Die Älteren kennen den 57-Jährigen als Kopf der Specials, die 1979 als Skaband die anglokaribische Verbindung des Punk auf den Punkt brachten. Dammers gründete außerdem das 2Tone Label, mit Selecter und Madness die Zentrale des Skarevivals, und er lieferte mit „Free Nelson Mandela“ seiner Band Special AKA 1985 eine Art weltweite Anti-Apartheid-Hymne. Seit Ende der Achtziger arbeitete er jedoch vor allem als DJ und tauchte nur gelegentlich noch auf, wenn Pete Doherty, Tricky oder Elvis Costello seine Specials-Nummern coverten. Allerdings verbrachte er seit den Neunzigern viel Zeit beim Jammen in Jazzkellern, und schmuggelte sich sogar unter falschen Vorgaben mit einem ersten Sun-Ra-Tribute aufs Glastonbury-Festival.

Nur die Erschöpfung hinderte am Weitermachen

„Von Ska zu Ra ist gar kein so großer Sprung“, erklärte er damals. „Der beste instrumentale Ska besteht im Grunde aus einem etwas abseitigen, spirituellen Jazz über einem Rhythmus von der Straße.“

Im Konzert beweist er das ein paar Mal mit wunderbar ruckelndem Ska, den er mühelos mit den typischen, seltsam schief tonalisierten Instrumentalsätzen Ras verschränkt und dafür auch den greisen Brit-Ska-Posaunisten Rico auf die Bühne holt. Mit dem spielte er schon bei den Specials, woran eine Art Jazzdub-Version deren Großhits „Ghost Town“ erinert, dessen böse Sozialkritik um ein paar aktuelle Motive ergänzt wird, um sie gleich danach mit Sun Ras Kalter-Kriegs-Reflexion „Nuclear War“ von 1982 kurzzuschließen: „Wenn sie auf den Knopf drücken, kannst du deinem Arsch den Abschiedskuss geben.“

Man darf natürlich anmerken, dass Dammers’ Konzept mehr auf die wimmelnd turbulente, trötend und summend kraftvolle Seite des Sun Ra Arkestra fällt. Einen gewissen Mangel an Eleganz gleichen Spatial AKA nicht nur mit enthusiastischer Energie aus, sondern auch mit enormer stilistischer Breite von Duke Ellington zu den Exotica eines Martin Denny, mit Spacemusik vom Raumpatrouille-Orion-Komponisten Peter Thomas, britischer Archivmusik und HipHop-Beats. Zwischendurch spricht Anthony Joseph stimmungsvolle Gedichte über die afrikanischen Ursprünge von UFOs, und mit Florence Luce bringt Dammers eine Stimme, die ebenso betörende Trauerlieder wie Ras „I’ll Wait For You“ singt, wie sie beinahe schockhaft überraschend unmenschliche Sounds wie vogelartiges Tschilpen in den Gesang streuen kann. Schließlich mündet alles in Sun Ras Credo „Space is the Place“, marschierend als deftiger P-Funk ins Publikum gewuchtet.

Kurzum: Es war herrlich, und der einzige Grund irgendwann doch aufzuhören, bestand in schlichter, ganz menschlicher Erschöpfung.