Mit den Israelis ist das so eine Sache. Sie halten Frieden für einen schönen Traum – für mehr aber auch nicht. Doch wenn da einer plötzlich vor ihnen steht, dazu noch ein Iraner, und sagt, „ihr wisst gar nicht, wie sehr ich euch liebe“, sind sie hin und weg. Der Mann ist ein bekannter Filmemacher, Mohsen Makhmalbaf, seit acht Jahren aus seinem Heimatland verbannt. Er ist der Star des Jerusalemer Filmfestivals, das in diesem Jahr zum dreißigsten Mal stattfindet. Makhmalbafs frühe Werke sind schon in den neunziger Jahren auf dem Festival gelaufen, was ihm damals zusätzlichen Ärger mit dem Mullah-Regime bescherte. Diesmal ist er persönlich erschienen, dazu mit seinem neuesten Film „The Gardener“, den er mit seinem Sohn Maysam als Kameramann in den Baha’i-Gärten in Haifa gedreht hat.

Die Baha’i, das ist der Name für eine Religion, die Krishna, Moses, Buddha, Jesus und Mohammed für die Propheten des selben Gottes hält, vor 170 Jahren in Persien entstanden ist und die in der israelischen Hafenstadt ihr spirituelles Zentrum hat. Es liegt am Hang des Carmelbergs, inmitten nahezu vollkommener Gartenidylle. In „The Gardener“ erforscht Makhmalbaf, der sich selber als Agnostiker bekennt, diese Idylle und versucht, die Rolle der Religion zu begreifen. Er tut dies auf eine sehr sinnliche, meditative Weise. Die Kamera schwelgt in Blumenbeeten, die so farbenfroh sind, dass sie mitunter surreal wirken. Der Filmemacher gibt sich ihnen buchstäblich hin.

Selbsttherapie

Ein bisschen muss dieser Film für ihn auch eine Art Selbsttherapie gewesen sein nach all den horrenden Erlebnissen, denen er sich in seinen Jahren in Iran, Afghanistan und Pakistan ausgesetzt hat. Nach „Kandahar“, einem seiner bekanntesten Filme, der kurz vor dem 11. September 2001 Premiere in Cannes feierte, kümmerte er sich zwei Jahre lang um die Bildung afghanischer Kinder. Viele von denen, berichtet er in Jerusalem mit dunkler, rauer Stimme, „hatten nur gelernt, im Namen Gottes zu töten.“

Makhmalbafs lebt heute in Europa im Exil, von wo aus er und seine ebenfalls filmschaffende Familie die iranische Demokratiebewegung unterstützen. Seinen eigenen Frieden hat der 56-Jährige längst gemacht. Von der Politik erwartet er nichts, jedenfalls nichts Gutes. „Sie bringt die Völker nur auseinander“, sagt er und setzt darauf, dass „menschliche Würde, Kunst, Kultur und der Dialog darüber“ uns wieder zusammen führen. “ In israelischen Ohren klingt das eigentlich zu naiv. Iran wird in hiesigen Medien meist auf die Gefahr einer potenziell von ihm ausgehenden nuklearen Bedrohung reduziert. Doch auf einmal steht hier einer – ein Moslem, kein Jude – und erzählt von einem Iran, mit dem man sich identifizieren kann. Von der jungen Generation, „die keine Atombombe will, sondern Liebe, Frieden und Freiheit“. Barack Obama habe 2011 einen schweren Fehler gemacht, als er die grüne Protestbewegung, die auf den Straßen Teherans ihr Leben riskierte, nicht unterstützt habe, sagt Makhmalbaf.

Die Israelis finden schon seine Courage, hergekommen zu sein, sensationell. In Iran könnte ihm diese Reise eine vierjährige Gefängnisstrafe einbrocken. „Was können wir tun, um euch zu unterstützen“, fragt ein Zuhörer. „Sagt eurer Regierung, dass sie Iran nicht bombardieren soll“, erwidert Makhmalbaf da unerwartet deutlich. Israels politische Strategie funktioniere nicht, wie man schon an dem jahrzehntelangen Konflikt mit den Palästinensern sehe. „Wir lieben euch, ihr liebt uns, das ist die Lösung.“ Er grinst. Die Israelis applaudieren begeistert. Im Kino gibt man sich gerne schönen Träumen hin.