Jessica Chastain: Filmszene aus „Code Ava“.

Es hätte ganz einfach sein sollen. Der Bundeswehrgeneral, der sich beim Botschaftsempfang in Riad von einer unbekannten Schönen in sein Büro hat bugsieren lassen (Sie zu ihm im Fahrstuhl auf Deutsch: „Ich bin eine echte Schlampe“), liegt schon bewegungsunfähig und mit Panik im Blick auf dem Schreibtisch. Nur noch eine weitere unauffällige Injektion zwischen seine Zehen – den „natürlichen Tod“ des Generals hat Ava (Jessica Chastain) perfekt vorbereitet. Doch dann stehen Soldaten in der Tür, mehr und immer mehr, nur mit Mühe kommt Ava aus der Botschaft. Sie ist dabei nicht zimperlich. Wie die große Schwester von John Wick und Jason Bourne ist ihr jede Form der Gewaltanwendung recht, sie schießt, sticht und prügelt sie sich ihren Weg frei, steckt Schläge und Tritte ein. Schwer lädiert gelingt Ava die Flucht.

Dieser entgleiste Einsatz wird zum Dreh- und Angelpunkt von Tate Taylors Thriller „Code Ava – Trained to Kill“; was eigentlich ein Kino-Spektakel werden sollte, erscheint jetzt wie vieles in diesem Jahr als Daheim-Premiere, als Stream oder auf Disc. Für Jessica Chastain ist der Film eine unerwartete Exkursion vom Arthouse-Kino in das erstaunlich grobe Schlachthaus des modernen Action-Kinos. Da strahlen der Film und seine Hauptfigur, weil die 43-Jährige mit spürbarer Hingabe so handgreiflich wie überzeugend eine klassische Kino-Jungens-Rolle gibt: Brutal zu nennende Choreografien und ganzer Körpereinsatz, das lässt sich wie schon bei ihrer Kollegin Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ oder „Atomic Blonde“ als emanzipatorischer Konter zu den sexistischen Klischees des traditionellen Genre-Films lesen.

Vielleicht war das ein Reiz für Jessica Chastain. Sie hat schon oft Frauen gespielt, die hart und konsequent sind: Da war ihre eiskalte Bin-Laden-Jägerin in Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ oder die Ehefrau, die ihren guten, vielleicht zu weichen Mann in „A Most Violent Year“ beschützt; sie hat eine rücksichtslose Lobbyistin gespielt, für die „Moral“ scheinbar auch nur ein Werkzeug ist („Die Erfindung der Wahrheit“), und die Strippenzieherin eines top-exklusiven Poker-Zirkels, die kein noch so mächtiger Zocker über den Tisch ziehen kann („Molly’s Game“). Solche Rollen passen gut zu einer Schauspielerin, die früh und konsequent eine Wortführerin der MeToo-Bewegung und engagierte Mitstreiterin für faire und gerechte Geschlechterverhältnisse in Hollywood wurde.

Andererseits ist es sehr schwer, Jessica Chastain auf einen Typ, einen Tonfall, eine künstlerische oder politische Linie festzulegen. Das liegt an ihrer Spielfreude und Vielseitigkeit, für Hollywoods stereotype Geschlechterrollen – die Freundin, die Mutti, die Frau im Hintergrund – eignet sie sich auch nicht. Die Chastain ist eine bemerkenswerte Erscheinung mit ihrem fast gleißend hellen Teint, ihren starken Zügen, ihren leuchtend roten Haaren, Filmemacher setzen sie gern in fantastischen Geschichten oder historischen Stoffen ein. Nicht immer funktionieren ihre Figuren oder Filme, einiges – ihre Oscar-nominierte Darstellung im nicht erst im Rückblick heiklen „The Help“, ein Auftritt als Außerirdische in dem bedauerlichen „X-Men: Dark Phoenix“, ihre bemühte Darstellung in dem bemühten „Es – Kapitel 2“ – hat sie eigentlich nicht verdient.

In „Code Ava“ ist Jessica Chastain auch problembeladenes Opfer

In „Code Ava“ ist Jessica Chastain nicht nur rabiate Actionheldin, sondern auch problembeladenes Opfer der Umstände, das funktioniert auch nur bedingt. Viel zu kurz wie entschieden zu redselig, scheitert der Film an einem zu ambitionierten erzählerischen Spagat. Auf der einen Seite geht es um Ava, Ex-Soldatin im Dienst einer privatwirtschaftlichen Mordbuben-Firma: hochkompetent, ausgebildet und beschützt von dem väterlichen Duke (John Malkovich). Aber auch von Firmenboss (Colin Farrell) als labile Schwachstelle zum Abschuss freigegeben. Dann stapelt das Drehbuch auch noch persönliche und familiäre Probleme auf: Der Vater war ein Schwein, die Mutter (Geena Davis) ignorant, und nach ihrem Alkoholismus und acht Jahren als Profikillerin in der Ferne ist ihre große Liebe (Common) jetzt mit ihrer Schwester verheiratet.

Ein bisschen viel für nicht einmal hundert Minuten. Jessica Chastain trägt das alles, die Gewalt, die zerbrochenen Gefühle, vielleicht hätte eine ausladendere Erzählung als überlanger Film oder, ganz zeitgemäß, Mehrteiler bei HBO oder Netflix die skizzierten Ideen und disparaten Schwerpunkte zusammengebracht. Doch in dieser Form bleibt jenseits vom Reiz und Charisma Jessica Chastains nur ein wenig übrig: Code unrund.

Code Ava – Trained to Kill USA 2020, Regie: Tate Taylor, Darsteller: Jessica Chastain, John Malkovich, Colin Farrell, Common, Geena Davies u. a.; Farbe, 96 Min., FSK 16, ab 22. Oktober auf DVD/BluRay

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