Das Ölgemälde „Zu Dante“.
Foto:  dpa/Ronny Hartmann

BerlinErstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Zur Verwunderung der Kunstwelt hatte Neo Rauch, Leipzigs derzeit berühmtester Maler, unlängst die vom dortigen Museum der Bildenden Künste geplante Retrospektive zum „60.“ abgesagt. Er lehnte ab: Vielleicht in zehn Jahren; er sei „noch nicht altersmilde genug“, um jene Bilder öffentlich zu machen, die die „Keime“ seines Schaffens seien. Sind seine Maßstäbe zu hoch?

Was Rauch für seinen Geburtsort noch nicht will, das gestattet er dem Vorharz-Städtchen Aschersleben, wo er nach dem Unfalltod seiner Eltern bei den Großeltern aufwuchs. Er hat dort 2012 eine Grafikstiftung gegründet, sie bereichert das Kunstleben der Region. Gerade zeigt Rauch dort seine frühen Papierarbeiten - jene, die er in Leipzig partout nicht preisgeben wollte. Auf vertrautem Terrain ist er somit weniger scheu, den Wurzelgrund seines Erfolgs zu offenbaren, all das, wo sich das Romantisch-Verrätselte, wie aus der Zeit Gefallene der altertümlich-traumhaften Figurenwelt zwar andeutet, wo aber auch noch zu sehen ist, wie sehr er suchte und sich von der expressionistischen Gestik, typisch für die „Jungen Wilden“ der Vorwendezeit in der DDR, konsequent löste.

Seit den späten Neunzigern schlägt Neo Rauch in eigenwilliger Bildsprache eine Zeitbrücke vom Ort der Kindheit in die aller Gewissheiten beraubte Gegenwart. Er hat damit weltweiten Erfolg. Woher das alles kommt, verriet er immerhin vor Jahren im Bildband „Schilfland“ (Prestel). Auf gut 300 Seiten sind frühe Zeichnungen zu sehen, die er jahrelang im Schubkasten versteckt hielt. Darauf tummelt sich schon das gesamte Vokabular der aktuellen Bildwelt Rauchs, die sich nun auf den Papierarbeiten an den Wänden der Ascherslebener Stiftung wiederfindet. Die „Keimzeit“, so intim – oder peinlich- sie ihm sein mag, gehört einfach zum Werk eines Malers von Bedeutung.