Am Strand.
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Eine Frau Mitte vierzig lebt allein in einer italienischen Stadt, arbeitet an der Universität, besucht ihre Mutter, trifft Freundinnen und Bekannte, manchmal auch einen Geliebten. Jhumpa Lahiri beschreibt in ihrem neuen Roman ein ruhiges, vielleicht sogar einsames Leben. Das heißt, eigentlich beschreibt sie in 46 kurzen Kapiteln die Orte, an denen es stattfindet: im Café, Büro, Nagelstudio oder Bus, am Strand, in der Wohnung, Brasserie und so weiter. Sie tut es aus der Perspektive ihrer Hauptfigur, die als Icherzählerin sehr genau beschreibt, was sie sieht, fühlt und denkt.

Jhumpa Lahiri ist eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Für ihr Debüt „Melancholie der Ankunft“ (eine Sammlung mit Kurzgeschichten) bekam sie den Pulitzer-Preis. Ihr zweiter Roman „Das Tiefland“ erreichte ein internationales Millionenpublikum, beide erzählen von indisch-amerikanischer Migration. Sie wuchs als Tochter bengalischer Eltern in den USA auf, heute lebt sie in New York und Rom, lehrt kreatives Schreiben an die Universität Princeton. Nach zwei Romanen, Dutzenden Erzählungen und Essays auf Englisch, nach vielen Auszeichnungen und besten Verkaufszahlen begann sie auf Italienisch zu schreiben, einer Sprache, die sie erst als Erwachsene lernte.

Warum sie es tat, reflektiert sie im Buch „Mit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte“. In einem Guardian-Interview sagte sie, nach dem Bengali ihrer Familie, das sie sprechen, aber nie schreiben lernte, und nach dem Englischen, in dem sie sich nie wirklich zu Hause fühlte, sei das Italienische eine Art freiwilliges Exil. Nun erschien ihr dritter, erstmals in der neuen, selbst gewählten Sprache verfasster Roman „Wo ich mich finde“. Auf den ersten Blick passiert in ihm wenig. Statt figurenreiche Bögen zwischen zwei Kontinenten zu schlagen oder das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen zu beleuchten wie der Bestseller „Tiefland“ und viele andere Texte Lahiris, präsentiert dieses Buch einen kleinen Ausschnitt einer italienischen Stadt und eine einzige Bewohnerin.

Auf knapp 160 Seiten lernen wir sie immer besser kennen, ihren Eigensinn, ihren selbst gewählten Abstand zu anderen, ihre subtilen Bindungen an ihre Orte, ihre Pläne. Der Roman lässt sich ganz auf ihre Perspektive ein, auf ihre Beobachtungen, ihr Nachdenken, ihren Alltag, ihre direkte Umgebung. Es gibt Beschreibungen, manchmal knappe Dialoge, viel Innensicht und vor allem Ehrlichkeit. Sie macht sich nichts vor, weder über sich noch andere. Kurze Rückblicke erzählen nüchtern von der glücklosen Ehe der Eltern und einer gescheiterten, allerdings wenig aufregenden eigenen Liebe.

Sie weiß, dass sie eine Einzelgängerin ist und auch, was sie verpasst. Sie schlendert durch Straßen und Museen, geht ins Café und Theater, meist allein. Sie wirkt weder unglücklich noch sucht sie nach einer Beziehung. Allerdings beobachtet sie Paare aufmerksam, etwa eine alte Freundin und ihren neuen Mann oder zwei anrührend vertraut wirkende Greise im Park. Manches gefällt ihr, manches nicht, sie sieht kleinste Regungen und Gesten, zeigt gut versteckte Impulse und Gefühle. Man könnte sagen, sie schaut sich und andere in Nahaufnahme an.

Manchmal zeigt sie sich unduldsam. Bei einem Tischgespräch über einen Film, sagt sie ihrem Gegenüber, das sie kaum kennt: „Hören Sie sich eigentlich selbst zu, wenn Sie sprechen? Was für einen Blödsinn Sie reden!“ Sie ist selbst vollkommen verblüfft über ihre Unhöflichkeit. Auch an anderer Stelle ist die Sache nicht ganz so konfliktlos, als sie zunächst scheinen mag, etwa wenn ihr Lieblingsgeschäft, eine traditionelle Papeterie, einem Billigkofferladen weicht. Ihr Viertel, dessen Plätze, Cafés, Wege und Park sie so genau beschreibt, in dem sie sich so wohlfühlt, verändert sich. Und gegen Ende zeichnet sich ab, dass vielleicht auch das erzählende Ich in Bewegung gerät.

Das alles ist sorgfältig, behutsam und entspannt geschrieben, auf der dritten, neuen, ganz eigenen Sprache der Autorin. Es liest sich sehr angenehm, zumindest in der deutschen Übersetzung und nach allem, was zu hören ist, gilt das auch für das Original. Lahiri sagte über ihren Wechsel ins Italienische, dass sie sich in dieser Sprache freier, aber auch verletzlicher fühle. Frei von Zuschreibungen und Erwartungen, ungeschützt in der noch ungewohnten Verwendung. Dazu passt ihre minimalistische Intimität, ihre Konzentration auf eine Frau, die fragil, allein und eigenwillig erscheint und genau darin sehr lebendig wird. Sie wirkt ganz bei sich und doch in wacher Verbindung mit ihrer Welt. Wer weiß, vielleicht ist das ja die Antwort auf die Frage des Romans: „Wo ich mich finde.“

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde. Roman. Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Rowohlt, Hamburg 2020. 155 S., 20 Euro