Jim Jarmusch nennt seinen Film „Gimme Danger“ über Iggy Pop und dessen Band The Stooges nicht Dokumentation, sondern Essay. Was einen streng subjektiven Blick verheißt. Der Regisseur und sein Protagonist, sie kennen sich schon lange.

Coffee & Cigarettes

Hin und wieder hat Iggy Pop bei Jarmusch kleinere Rollen gespielt, in seinem Kurzfilm „Coffee & Cigarettes von 1993 etwa und auch zwei Jahre später in Johnny Depps Totenreise „Dead Man“, zu der Neil Young die Musik beisteuerte. 

Musik sei für ihn „die höchste und schönste Form des Ausdrucks“, hat der 64-jährige Regisseur einmal gesagt. Am heutigen Donnerstag kommt „Gimme Danger“ in die Kinos. Die Richtung ist klar. Schon im Vorspann heißt es: „The Stooges are the greatest Rock’n’Roll-Band ever.“

Mr. Jarmusch, was ist das eigentlich für ein Gefühl, wenn man plötzlich mit Leuten zusammenarbeitet, die man eine Ewigkeit als musikalische Helden verehrt hat?

Ich versuche immer so gut es geht auszublenden, dass ich auch Fan bin. Jim – also Iggy – und ich kennen uns mittlerweile seit 20 Jahren, da gelingt mir das meistens ganz gut. Außerdem ist er ja nicht das erste meiner Idole, mit dem ich gearbeitet habe. Das gilt genauso für Neil Young oder Tom Waits. Aber tatsächlich passiert es mir noch manchmal, dass ich sprachlos bin, wenn Iggy an meinem Geburtstag anruft und Nachrichten hinterlässt wie „Happy Birthday, J.J.! Ich denke an Dich!“ Da staune ich dann doch gelegentlich, dass dieser Typ, der mich da J.J. nennt und mir gratuliert, niemand anderes als Iggy Pop ist.

Ist es nicht hinderlich, wenn man mit dem Protagonisten einer filmischen Betrachtung befreundet ist?

Mir ging es nicht um eine Konfrontation oder um Kontroversen. Ich mag keine Dokumentationen, die in anderer Leute privatem Müll wühlen. Das finde ich langweilig, unhöflich und beleidigend. Nehmen sie zum Beispiel „Amy“. Wer Amy Winehouse, die für ihre Zuhörer ein musikalisches Geschenk war, respektiert, will doch nichts mit diesem ganzen Klatsch- und Tratsch-Dreck zu tun haben. Ist zumindest meine Meinung.

Welche Dokumentarfilme mögen Sie denn?

Mir gefällt „Don’t Look Back“, Pennebakers Film über Bob Dylan, der daran auch mitgewirkt hat. Oder „Listen to me Marlon“ über Marlon Brando, der auf Tonaufnahmen von ihm basiert. In beiden Fällen werden die Protagonisten gar nicht glorifiziert oder ihr Leben beschönigt. Aber die Filme sind eben auch nicht ausbeuterisch.

Wann haben Sie The Stooges eigentlich für sich entdeckt?

Das war als Teenager, zu Hause in Akron, Ohio. Meine Freunde und ich waren ziemlich wild und immer auf der Suche nach neuen Bands, deren Musik wir dann stundenlang bei irgendwem im Keller hörten. Die Stooges sprachen uns sofort an. Sie zeigten uns, dass es okay war, wild und frei und anders zu sein. Leider habe ich sie damals nie live gesehen.

„Gimme Danger“ ist explizit ein Film über die gesamte Band.

Ganz genau, denn lange bevor ich mit Iggy befreundet war, waren es eben die Stooges als Combo, die mich damals so beeindruckt haben. Ich wollte zeigen, was sie zu einer solch besonderen Band machte. Das war schon mehr als genug Stoff für einen Film. Würde man einen Film über Iggys gesamte Karriere drehen wollen, wüsste ich gar nicht, wie das gehen soll. Er hat so viele verschiedene Sachen mit so vielen Band gemacht. Es gab die Zeit mit Bowie, es gab ein Album mit Chansons, seine Auftritte als Schauspieler, das tolle jüngste Album mit Josh Homme und den Queens of the Stoneage. Einfach der Wahnsinn!

Wann haben Sie Iggy eigentlich persönlich kennengelernt?

Wir hatten viele gemeinsame Freunde. Mein Kumpel Dougie Bowne zum Beispiel war nicht nur Drummer bei den Lounge Lizards, sondern spielte auch mit Iggy. Und um ein paar Ecken kannte ich seine damalige Frau Suchi. So kam es, dass wir uns immer mal wieder begegneten und gemeinsam in Gruppen etwas unternahmen. Irgendwann kam Iggy mal bei mir zu Hause vorbei, wir tranken Tee und unterhielten uns. Und sind dann Freunde geblieben.

Gibt es heute noch Bands, die auf Sie eine ähnliche Wirkung haben wie damals die Stooges?

Puh, ich halte es da mit meinem Freund Joey Ramone. Wenn der gefragt wurde, warum er sich auf der Bühne kaum bewege, hat er immer gesagt: „Was soll man denn nach Iggy Pop noch machen?“ Das gilt irgendwie auch musikalisch für alle anderen Bands. Ohne Frage gibt’s immer noch tolle Musiker und Sänger. Aber ich war nie wieder so sehr Fan von jemandem wie von The Stooges und von Neil Youngs Crazy Horse.

Wie hören Sie heutzutage Musik?

Ich habe keine grundsätzliche Abneigung gegen das Digitale, wenn Sie darauf hinaus wollen. Ich habe zum Beispiel auch einen Spotify-Account. Finde ich immer sehr praktisch, wenn mir jemand neue Musik empfiehlt, denn dann kann ich dort gleich mal reinhören. Aber natürlich bin ich eigentlich ein Vinyl-Liebhaber. Und ich bin höchst interessiert am Comeback der Kassette. Ich kenne ein paar coole Bands aus Island, die ihre Musik nur auf Kassetten unter die Leute bringen.