Der Musiker Jimi Hendrix im Jahr 1967.
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Auch zu seinem 50. Todestag wird Jimi Hendrix als zeitlose Ikone der Sechziger gefeiert, als potentester Vertreter einer mythischen Zeit aus Sex, Drogen und Rock’n’Roll, die mit den Gründungsmitgliedern des Club 27, den jung verstorbenen Brian Jones (1968), Hendrix und Janis Joplin (1970) sowie Jim Morrison (1971) endete. Demnach landet er 1966 im swingenden London wie ein schillerndes Alien und zwingt sofort die größten lebenden Rockgitarristen in die Knie; er treibt die heterosexuelle Befreiung wie das drogeninduzierte Ausdroppen in ungeahnte Höhen; er meistert als schwarzer Mann die weiße Rockmusik.

Dabei war er schon damals nicht unumstritten. Stellvertretend für das bürgerrechtsbewegte schwarze Amerika nannte ihn der weiße Großkritiker Robert Christgau „einen psychedelischen Onkel Tom“, und meinte damit den gewaltigem Budenzauber und den ausufernd rausgehängten Instrumentalismus, der noch immer die Legende um die nahtlose Veröffentlichung und den ziellosesten Jam bestimmt.

Jimi Hendrix bei einem Auftritt im Jahr 1970.
Foto: imago images/Mary Evans

Die Inszenierung war für Hendrix jedoch vor allem Spaß und Übung zum Zweck. Wie man bei den besten aktuellen Verehrerinnen von Erykah Badu bis Anna Calvi hört, bestand die eigentliche Größe in der musikalischen Vision, in der sich die Genres Soul, Jazz, Rock und Blues aufzulösen begannen. Und dies gerade nicht im genialischen Live-Spektakel, sondern in der akribischen Konstruktion im hypermodern ausgestatteten Electric Land Studio, das er 1968 für das gleichnamige Album einrichtete.

Aber auch der Gitarrenzampano war kein Wesen vom anderen Stern, wie er in den Texten ab und an anklingen ließ. Als er mit 24 nach London kam, hatte er schon mehr als ein halbes Jahrzehnt die härteste Schulung als Mietmusikant hinter sich. Er war bei sehr erfolgreichen Gruppen dabei, für rund 40 R&B-Bands spielte er und auf dem sogenannten Chitlin Circuit, den schwarzen Clubs in segregierten Zeiten. Je besser er wurde, desto mehr forderte er als Musiker und Performer die strenge Hierarchie und Disziplin dieser Bands heraus. Little Richard, erklärtes Vorbild seiner späteren Performances, feuerte ihn, als er schriller zu glänzen drohte als der Chef.

Live führte Jimi Hendrix die Konsequenzen der Freak-out-Rhetorik vor

Als Hendrix in London die Gitarren-Elite demütigte, ging es nicht nur um instrumentale Muskeln: „Es war, als sagte er: ‚So machen WIR das, wenn wir uns zurückholen, was ihr von uns geliehen, wenn nicht gestohlen habt. Und so bauen wir es neu zusammen.‘ Buchstäblich ein Racheakt“, erinnert sich The-Who-Gitarrist Pete Townsend. Entscheidend war der Aspekt der Erneuerung: Er spielte nicht einfach besser, er dachte weiter.

Live führte er die Konsequenzen der Freak-out-Rhetorik vor, er zündete die Gitarre an, er rammelte die Verstärker, er tauchte in den Schoß seiner Gitarre. Auf dem Debütalbum fragte er: „Are You Experienced?“ – weißt du, worum es geht? –, und offenbar wussten es nicht zuletzt die vielen Frauen, die dem privat höflichen und zurückhaltenden Mann zur Seite standen. Den kleinen Schritt von Sexismus zu Sexpositivität beschreibt die feministische Musikologin Sheila Whiteley 1992: „Bei Hendrix gab es Zunge statt Phallus, spielerisch, großzügig. Seine musikalische Sprache verbindet männliches Verlangen und weibliche Lust, weibliches Verlangen und männliche Lust – eine Erforschung und Bestätigung erotischer Sinnlichkeit in ihrer ganzen, komplizierten Subtilität.“

Die schwarze Community sah das Klischee des hypersexualisierten schwarzen Mannes, das – zumal in der Nähe von weißen Frauen – seit je die rassistische Fantasie der USA bestimmt; auch der Kontrollverlust stand nicht hoch im Kurs, wo – was Hendrix wusste – ein schwarzer Künstler zehnmal mehr arbeiten musste als ein weißer. Und Hendrix verletzte gleichsam die Regeln des Starbetriebs, nach denen ein schwarzer Künstler sich aus den schwarzen Charts in den weißen Pop hocharbeitete. „Die Rache des R&B-Sideman“, nennt es der Kulturkritiker Greg Tate.

Er wisse gar nicht, mit wem er sich identifizieren solle, sagte indes Hendrix nur halb scherzhaft, auf sein Verhältnis zum militanten schwarzen Widerstand. Er sei schließlich Cherokee, weiß und schwarz. Wie klar sein Bewusstsein jedoch funktionierte, zeigte er musikalisch etwa mit dem knatternden, kreischenden, splitternden „Machine Gun“ mit der schwarz besetzten Band of Gypsys. Auch ohne die Widmung an alle „Soldaten, die in Chicago, Milwaukee und New York kämpfen … ach, und in Vietnam“, lässt die Klangsprache so wenig Zweifel an seinem Blick auf Amerika wie die wilde Dekonstruktion der US-Hymne in Woodstock. Die nannte er in einem TV-Auftritt schlicht „schön“, fügte aber hinzu: „Wir spielen sie entsprechend der Stimmung in Amerika, und die ist halt etwas aufgeladen.“

Wenn Hendrix seinen ikonischen Status verdient, dann weniger als Kind seiner Zeit, sondern als Künstler, der sein Versprechen gegen die Grenzen ihres Wissens einlösen wollte – sozial, sexuell und vor allem musikalisch. „I don’t live today“, sang er 1967, „maybe tomorrow.“