Empathie und Liebe sind für JJ Bola Zeichen wahrer männlicher Stärke.
Foto: Hanser Verlag

BerlinIn der amerikanischen Kultserie „Der Prinz von Bel-Air“ gibt es eine berühmte Szene, in der Lisa, gespielt von Nia Long, von einem fremden Mann angemacht wird, während sie mit Will alias Will Smith auf einem Date ist. Die archaischen Konventionen von Film und Fernsehen diktieren eigentlich, dass Will seine Freundin beschützen müsste. Lisa aber nimmt die Sache selbst in die Hand: Zwei, drei kurze Bewegungen, und zack, liegt der Mann auf dem Boden. Und natürlich freut sich Will nicht, es ist ihm peinlich. Er stellt seine Männlichkeit infrage – und meldet sich für einen Karatekurs an.

Als Jugendlicher hat sich JJ Bola mit Will identifiziert. Er konnte nachvollziehen, wie Will sich gefühlt haben muss, als seine Freundin ihm zeigte, dass sie stärker ist als er. Erst Jahre später wurde JJ Bola klar, wie albern das Ganze ist.

Der Autor sitzt auf der Dachterasse des Heckers Hotels in Berlin, es ist Mitte September, ein überraschend heißer Vormittag, die Sonne knallt. Er trägt eine elegante schwarzkarierte Hose, ein hellblaues Hemd und trotz der Temperaturen eine dunkle Wollmütze – das ist sein Markenzeichen.

In seiner englischen Heimat ist JJ Bola nach drei Gedichtbänden, einem Roman und einem Sachbuch sehr bekannt. Nun ist er Gast des Berliner Literaturfestivals, um eben jenes Sachbuch mit dem Titel „Sei kein Mann“ vorzustellen, es ist jüngst im hanserblau Verlag erschienen. Die englische Originalfassung unter dem Titel „Mask Off: Masculinity Redefined“ wurde Ende letzten Jahres veröffentlicht, es ist ein vor allem an jüngere Leser gerichteter Appell, Männlichkeit zu verlernen und neu zu definieren. „Sei kein Mann“ ist eine kluge Handlungsanweisung für eine neue Vision von Männlichkeit. Und die haben wir dringend nötig – man denke nur an MeToo, an Trump, an die rechten Attentäter von Halle und Hanau. Rassismus, Sexismus und Homophobie nehmen stetig zu.

Für JJ Bola ist Männlichkeit ein Konstrukt, das er hinterfragt. Dabei geht es ihm in erster Linie um die Masken, die Männer aufsetzen, um männlich zu wirken – daher der englischsprachige Titel. Aber auch die deutsche Variante passt: „Uns Männern wird von Kindheit an gesagt, dass wir ein Mann sein sollen“, sagt JJ Bola. „Was bedeutet das? Wenn ich schwach oder verletzlich bin, bin ich dann kein Mann?“

JJ Bola wuchs in einem „testosterongefüllten“ Haushalt auf

Als 6-jähriges Kind kam JJ Bola mit seinen Eltern und fünf Brüdern aus der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa nach London. Er wuchs in einem „testosterongefüllten“ Haushalt auf, erzählt er, als Kind und Jugendlicher trug er eine unbeschreibliche Wut in sich. Er tobte sich unter anderem beim Basketball aus, hatte sogar das Zeug zum Profi. Doch den Sprung nach ganz oben schaffte er nie. Sein Körper machte nicht mit: JJ Bola hatte mit Depressionen zu kämpfen, eine Erkrankung, die bis heute oft mit Schwäche gleichgesetzt wird. „Damals sagten mir viele, dass ich mich zusammenreißen soll“, sagt JJ Bola. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich ein Buch wie ‚Sei kein Mann‘ gehabt hätte. Ich möchte den Jungs von heute sagen, dass sie so sein können, wie sie sind. Ihre Gefühle sind wertvoll. Sie müssen sich nicht anpassen. Es würde sie zerstören, wenn ich ihnen sagte, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Mir selbst haben solche Sätze nie geholfen.“

JJ Bola: „Viele Jungs müssen verlernen, wie sie sich bisher gegenüber Frauen verhalten haben.“
Foto: Tunde Somoye

Diese Zeit, in der er sich alleingelassen fühlte, hat JJ Bola nachhaltig geprägt. Er habe zum ersten Mal verstanden, welche Auswirkungen das Patriarchat auf Jungen haben kann. Auch bei seinen Brüdern: „Eines Tages war ich mit einem guten Freund verabredet. Ich sah ihn schon auf der anderen Straßenseite auf mich warten, als plötzlich mein älterer Bruder an mir vorbeilief. Er hat mich nicht gesehen. Ich beobachtete, wie er meinen Freund im Vorbeigehen echt böse anguckte. Einfach so, ohne einen Grund. Ich hab mich gefragt, was das soll. Und dann hat es klick gemacht. Ich habe gecheckt, dass wir schon als Jungs glauben, etwas vortäuschen zu müssen, damit wir dadurch härter wirken. Mein Bruder hatte eine Art Maske auf.“

Etwas Ähnliches beobachtete JJ Bola auch, als er nach seinem Master in Kreativem Schreiben an der renommierten Birkbeck University für einige Jahre als Sozialarbeiter mit Jugendlichen arbeitete. Ein Junge habe einmal stolz verkündet, dass er mehrere Freundinnen gleichzeitig habe, weil man das von ihm als Mann erwarte. JJ Bola fragte ihn daraufhin, was er davon halten würde, wenn eine Frau mehrere Liebhaber hätte. Der Junge dachte, dass JJ Bola Witze mache. „Viele Jungs müssen verlernen, wie sie sich bisher gegenüber Frauen verhalten haben. In solchen Momenten erzähle ich gerne von den Wodaabe, einem Stamm aus Afrika in der Sahelzone, bei dem die Männer sich schminken und vor den Frauen tanzen, damit sie am Ende des Tages ausgewählt und mit nach Hause gekommen werden. Wie wäre es, wenn wir so etwas normalisieren würden? Wenn Männer kein Problem damit hätten? Wäre das nicht großartig? Traditionelle afrikanische Kulturen sind uns um einiges voraus, was echte Geschlechtergerechtigkeit angeht. Wer hätte das gedacht?“

Der Autor. JJ Bolas Buch regt zum Denken an.
Foto: ownit_ldn

Die Veränderung beginnt für JJ Bola mit der Sprache, er wünscht sich, dass wir gewisse Phrasen vermeiden, wie es sie überall gibt, auch wenn sich JJ Bola selbstverständlich auf London bezieht: „Insbesondere wir heterosexuellen Männer müssen uns endlich abgewöhnen, immer ‚Bro‘, oder ‚Dude‘ oder ‚No homo‘ zu sagen, wenn wir mit unseren Kumpels unterwegs sind. Das ist nichts anderes als tief verwurzelte, oftmals unbewusste Homophobie. Man hat Angst, dass man falsch verstanden werden könnte, wenn man sagt, dass man seine besten Freunde lieb hat. Ein ‚Ich liebe dich, Bro‘ oder ein ‚Du siehst sehr gut aus, no homo‘ entsexualisiert unsere Aussage, weicht sie auf. Das ist überflüssig! Mein Vater sagt nicht ‚Bro‘ zu seinen Freunden. Wenn er ihnen ein Kompliment machen möchte, dann macht er es einfach.“

JJ Bolas Buch regt zum Denken an

Das leuchtet ein, auch wenn es vielen schwerfallen dürfte, alte Gewohnheiten abzulegen. Und kommt es nicht so oder so immer auf den Kontext an, wenn man mit seinen engsten Freunden spricht? „Ich bin auch nicht perfekt und ertappe mich oft dabei, wie ich Wörter sage, die ich nicht mehr sagen sollte. Ich lerne jeden Tag dazu. Das sind alles keine Befehle. Ich schreibe aus Empathie, weil mir so ein Buch gefehlt hat, als ich groß wurde. Ich schreibe von Herzen.“ Es geht JJ Bola um das, was sich hinter dem Männlichkeitsgestus verbirgt. „Die Frage ist, ob wir noch Liebe zeigen können. Es erfordert viel Mut und Kraft, offen und ehrlich zu sein. Leute sagen ja, dass Männer dominant sein müssen. Nein, ich denke, Männer müssen Empathie und Liebe zeigen. Das ist wahre Stärke.“

JJ Bolas Buch regt zum Denken an. Von seinen deutschen Lesern habe er viele positive Reaktionen bekommen, erzählt er. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters schreiben ihm Nachrichten, bedanken sich bei ihm.

„Sei kein Mann“ ist ein Buch, das genauso gut für Erwachsene wie für Jugendliche funktioniert. Für JJ Bola ist es erst der Anfang. „Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen. Jeden Tag wache ich auf und mache mir Gedanken darüber, was für ein Mann ich sein möchte und welche Entscheidungen ich treffen werde. Das ist nicht einfach. Aber das gehört zum Lernprozess dazu. Ich habe das Buch geschrieben, damit meine Leser das auch tun und sich darüber bewusst werden, wie vielfältig Männlichkeit sein kann.“

Vielleicht ist es noch ein langer Weg, bis JJ Bolas Ideen ankommen. Bis Jungs und Männer es schaffen, ihre Masken abzusetzen. Sein Buch jedenfalls kann dabei eine wunderbare Hilfe sein.

JJ Bola: „Sei kein Mann“, Hanserblau, München 2020, 160 S., 16 Euro